Glücksfall für YB

Adi Hütter arbeitet fast genau ein Jahr als YB-Trainer. Trotz des Debakels in den Champions-League-Playoffs gegen Gladbach fällt die Bilanz des Österreichers positiv aus. Er tut den Young Boys gut.

Konzentriert: YB-Trainer Adi Hütter.

Konzentriert: YB-Trainer Adi Hütter.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

«Super!»

So lautet Adi Hütters spontane Antwort, als er am Freitagmittag gefragt wird, wie seine Bilanz nach einem Jahr bei YB ausfalle. Der Trainer schmunzelt und setzt zu einer druckreifen Analyse an, in der alle Aspekte seines Schaffens angesprochen werden:

Übernahme des Teams in der Krise auf Rang 5, spektakulärer Start mit offensivem Balleroberungsfussball, souveräner Sprung auf Rang 2, bestes Team in der Rückrunde, Qualifikation für die Europa League in diesem Jahr, Entwicklung der Mannschaft im Allgemeinen und der Talente wie Denis Zakaria im Speziellen, Verkauf von Florent Hadergjonaj in die Bundesliga.

Hütter vergisst nichts, auch nicht die Rückschläge wie das Ausscheiden im Cup­achtelfinal zu Hause gegen den späteren Gewinner FCZ sowie die bitteren Niederlagen wie jene kürzlich gegen Lugano (1:2).

Und am Ende sagt der Österreicher mit einem Augenzwinkern, eigentlich sei es doch die Aufgabe der Journalisten, eine Bilanz seiner Arbeit zu erstellen.

Die Analyse des Debakels

Gefordert, umgesetzt: Adi Hütter tut YB sehr gut, er hat den zuweilen genügsamen Verein aufgeweckt, er geht strukturiert vor, ist erfolgsbesessen und beherrscht auch das Spiel mit Medien und Umfeld. Er ist, das lässt sich behaupten, ein Glücksfall für den Klub. Das zeigt sich nun auch wieder im Umgang mit dem Absturz der Young Boys am Mittwoch in Gladbach (1:6). «Wir mussten uns genieren», sagt er.

«Wir mussten uns genieren.»Adi Hütter zum 1:6 in Gladbach

Und: «Das war schmerzhaft.» Und natürlich gebe es Gründe für die hohe Niederlage. «Einerseits fanden wir nicht ins Spiel und erwischten einen schlechten Tag, andererseits spielte Gladbach überragend und deckte unsere Limiten schonungslos auf.»

Der Gegner habe stark und schnell kombiniert, über die Flügel und mit Seitenverlagerungen angegriffen, zudem sei die Ausgangslage nach dem 3:1-Hinspielsieg des Bundesligisten ideal für Gladbach gewesen. «Wenn das Spiel in Bern 1:1 geendet hätte, wäre das eine andere Partie geworden.»

Adi Hütter erwähnt auch die zahlreichen Absenzen der Young Boys, will das aber nicht als Ausrede verstanden wissen. «Wir haben ein breites Kader, aber in diesen Wochen ist es schon bitter mit all diesen Ausfällen. Das kann ein Team wie Gladbach verkraften, wir aber nicht.» Manchmal müsse man als Trainer ganz einfach die Überlegenheit einer anderen Mannschaft akzeptieren. «Auch wenn das schwerfällt.»

Das misslungene Experiment

Auch im Umgang mit negativen Reaktionen unterscheidet sich Adi Hütter angenehm von der Dünnhäutigkeit, die bei YB oft zu registrieren ist. Er sagt: «Ich nehme das mit der Taktik aus dem Gladbach-Rückspiel auf mich, wenn man das kritisieren mag.» Aber er habe etwas riskieren wollen.

«Einfach nur hinten abwarten und ehrenvoll 0:2 verlieren, damit wäre ich nicht zufrieden gewesen.» Das Experiment mit dem 3-4-3-System ging im Borussia-Park völlig schief. «Aber ich stellte in der Pause auf eine Viererkette um, und auch in der zweiten Halbzeit kassierten wir noch einmal drei Gegentore.»

Die Champions League ist nun wieder weit weg von YB, es gilt im Super-League-Alltag, so rasch wie möglich die Rolle des ersten Verfolgers von Serienmeister FC Basel einzunehmen. Das weiss auch der 46-Jährige. Der Patzer gegen Lugano trübt die Ligabilanz erheblich, sechs Punkte beträgt der Rückstand auf Basel nach fünf Runden bereits wieder.

Der Zufall mit dem GC-Spiel

Der Spielplanzufall will es, dass die Young Boys morgen in der letzten Partie vor der ersten Länderspielpause der Saison bei GC antreten. Wie vor fast genau einem Jahr. Am 31. August 2015 sass Hütter auf der Tribüne, als das kriselnde YB drei Tage nach dem Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation (in Baku gegen Karabach) nach 0:3-Rückstand 2:3 verlor. Am Abend verhandelte Hütter in Zürich mit den YB-Verantwortlichen und Vereinsbesitzern, kurz darauf wurde er als Coach vorgestellt.

Zwölf Monate später wirken die Young Boys dank Hütter (und trotz des Debakels in Gladbach) deutlich stabiler. Aber Fussball ist ein Momentaufnahmegeschäft, es geht immer weiter, eine Niederlage am Sonntag bei GC würde einen ansprechenden Saisonstart von YB in einen durchzogenen verwandeln. Adi Hütter weiss um die Bedeutung der Begegnung. Er sagt: «Es wird für beide Teams ein Schlüsselspiel.»

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