Gewinner auch ohne Sieg

YB ist in der Champions League angekommen. Beim 1:1 gegen Valencia haben sich einige Spieler für höhere Aufgaben empfohlen, auch Trainer Gerardo Seoane ist ein Sieger dieser Wochen.

Steht vor einer grossen Karriere: Der 21-jährige Djibril Sow (rechts), hier gegen Valencias Captain Dani Pajero.

Steht vor einer grossen Karriere: Der 21-jährige Djibril Sow (rechts), hier gegen Valencias Captain Dani Pajero.

(Bild: Raphael Moser)

Fabian Ruch

Die Young Boys fühlten sich am späten Dienstagabend nach dem 1:1 gegen Valencia ein wenig wie kleine Kinder am Weihnachtsfest. Das Geschenk ist ganz schön und richtig hübsch verpackt mit Schleife rundherum, man hatte es sich sehr gewünscht. Doch da ist eben das noch etwas grössere Paket nebenan für jemand anderes. Der erste Punkt und das erste Tor der Clubhistorie in der Champions League sind prägende Ereignisse, YB hätte das Heimspiel gegen den kriselnden, erstaunlich harmlosen spanischen Topverein jedoch gewinnen müssen.

Von gemischten Gefühlen sprach Captain Steve von Bergen, Trainer Gerardo Seoane meinte: «Wir dürfen stolz sein, weil wir unseren Matchplan über weite Strecken umgesetzt haben. Aber mit etwas mehr Wettkampfglück und kühlem Kopf im richtigen Moment wäre noch mehr möglich gewesen.»

Der Punktgewinn ist für YB wertvoll, weil sich bei einer dritten Niederlage de suite wohl eine Art Champions-League-Blues eingestellt hätte. Abgewendet worden ist zudem die Gefahr, Mitglied im gar nicht so exklusiven 0-Punkte-Club zu werden – schon 18 Teams blieben in der Königsklasse ohne Zähler.

Valencia nun unter Druck

In den Rückblick auf 2018 aber wird der 23. Oktober nicht als jener Tag mit der grössten Bescherung für die Young Boys eingehen. Es gab Ende April das 2:1 gegen Luzern als letzten, emotionalen Schritt zur ersten Meisterschaft seit 1986, man erinnert sich an die Übergabe des Pokals nach dem Spiel gegen Lugano im Frühling, den Einzug in die Champions League in Zagreb im Sommer, das 7:1 gegen Basel im Herbst.

Noch bleiben YB drei Partien in der Sternenliga, um dieses Jahr zu krönen. Die zwei vermutlich einfachsten Spiele, im Stade de Suisse gegen Manchester United (0:3) sowie Valencia, aber sind absolviert. In den Auswärtsspielen im November bei diesen Teams wird es darum gehen, nicht den Anschluss an Rang 3 (oder gar Rang 2) zu verlieren – zuerst in Valencia, wenn der Gegner unter erheblichem Druck stehen und kaum noch einmal so defensiv agieren wird.

Wie kleine Kinder unternahmen diese Young Boys ja zuweilen mit grossen Augen erste Schritte in der Champions League. Am Dienstag sind sie aufrecht angekommen. Sie verteidigten besser, konzentrierter, solidarischer als bei den Niederlagen gegen Manchester United und bei Juventus, agierten «im Block gegen den Ball», wie Seoane sagte, und dominierten Valencia phasenweise total.

Gerardo Seoane hinterliess auch eine Woche vor seinem 40. Geburtstag einen ausgezeichneten Eindruck.

«Ich habe ausser dem Gegentor fast keine klare Chance des Gegners gesehen», sagte Seoane. In der Pause ordnete er ein paar taktische Retuschen an, YB stand höher, der lauffreudige, wirblige Stürmer Roger Assalé riss mit klugen Laufwegen Löcher in Valencias Abwehr und wich immer wieder auf die Flügel aus. Auch andere, vorab Kevin Mbabu und Djibril Sow, aber auch Sandro Lauper und der nahezu fehlerlose Altmeister von Bergen gefielen.

Der Aufstieg des Trainers

Ein Sieger dieser Wochen ist ganz sicher auch Gerardo Seoane. Der Jungtrainer gewinnt konsequent an Profil und hinterliess auch am Dienstag – eine Woche vor seinem 40. Geburtstag – einen ausgezeichneten Eindruck. Seine Entwicklung 2018 vom Trainer im Amateurbereich im Nachwuchs Luzerns zum Coach in der Champions League gestaltet sich immer spektakulärer.

Seoane stellt die Mannschaft meistens smart ein und auf, wechselt oft angemessen, ist stets ruhig und ausgeglichen. Faszinierend ist, wie er mehrsprachig Auskunft gibt, mühelos von Deutsch auf Französisch, Spanisch, Italienisch, Englisch wechselt, sich an der Seitenlinie wie auf Pressekonferenzen souverän präsentiert. Und egal in welcher Sprache, entscheidend ist für den gebürtigen Spanier ohnehin das Auftreten: «Ich kann mich auch über eine starke Leistung von uns freuen, wenn wir in Rückstand liegen.»

Nun muss es dem Coach gelingen, den Fokus der Equipe wieder auf das Alltagsgeschäft zu richten: Super League am Samstag zu Hause gegen Sion, Cup am Mittwoch beim drittklassigen Nyon, danach innerhalb einer Woche weitere Auswärtsspiele bei GC, in Valencia sowie in St. Gallen. Es gilt, den Ausnahmestatus in der Liga zu zementieren sowie im Pokal eine weitere Pflichtaufgabe zu erfüllen.

Punkt ist eine Million wert

In der Champions League wiederum wird YB bekanntlich Gesamteinnahmen von ungefähr 30 Millionen Franken generieren, das Remis gegen Valencia ist rund eine Million wert. Der von Valencias Torhüter Neto brillant an den Innenpfosten abgelenkte Kopfball Sékou Sanogos in der 86. Minute kostete die Young Boys so betrachtet etwa zwei Millionen Franken, da die Uefa-Prämie für einen Sieg etwas mehr als drei Millionen beträgt. Deutlich mehr als 30 Millionen, diese Prognose ist nicht riskant, wird YB in den nächsten Monaten und Jahren zudem durch Verkäufe seiner vielen umworbenen Akteure in Topligen einnehmen.

Vorerst aber warten 2018 in den letzten zwei Monaten weitere interessante Veranstaltungen auf Club, Spieler und Anhänger – mit dem Besuch von Ausnahmekönner Cristiano Ronaldo, dem für viele besten Fussballer der Welt, Mitte Dezember in Bern als Höhepunkt. Dieses Heimspiel gegen Juventus wird zum Abschluss der Champions-League-Gruppenphase kurz vor Weihnachten wie ein riesengrosses Abschiedsgeschenk für die Young Boys in einem für sie längst famosen Jahr sein.

Berner Zeitung

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