Fredy Bickel: «Es wird nur noch auf den Mann gespielt»

Sportchef Fredy Bickel spricht über die YB-Krise und die Trainersuche, über den «Blick», die Rihs-Brüder und Blerim Dzemaili.

Unschöne Tage: YB-Sportchef Fredy Bickel steht unter Druck.

Unschöne Tage: YB-Sportchef Fredy Bickel steht unter Druck.

(Bild: Andreas Blatter)

Fabian Ruch

Haben wir uns alle getäuscht?
Fredy Bickel: Weshalb?

Vor der Saison war die Euphorie im Verein riesig, viele Zeitungen setzten YB auf Rang 1 in der Prognose. Jetzt steckt YB in der Krise.
Ich bin immer noch überzeugt von unserem Team und davon, dass wir eine gute Saison spielen werden. Logischerweise bin ich unzufrieden, aber im Fussball ist nicht immer alles planbar.

YB wirkt sogar recht planlos, die Leistung am Mittwoch gegen Lugano beim 0:1 war mies.
Wir waren nicht gut, hatten aber einige Chancen, verhielten uns jedoch offensiv und defensiv ungeschickt. Das ist ein Prozess, gerade mit den vielen jungen Spielern.

Dennoch: YB ist im Tief. Was sind für Sie die Hauptprobleme?
Die Spieler sind nach dem Fehlstart verunsichert, es herrscht grosse Unruhe, die zum Teil von aussen reingetragen wird...

...die bösen Medien spielen aber nicht auf dem Rasen...
...das ist richtig, dennoch bekommen die Spieler mit, was geschrieben und gesagt wird. Nicht alle sind bereits so weit, das einfach verdrängen zu können. Wir hatten auch Verletzungspech, das soll keine Ausrede sein, weil wir genau deshalb ein breites Kader haben. Aber es traf uns sehr hart mit Hoarau, Gerndt, Steffen, Sanogo und Benito. Und: Wir vergeben deutlich zu viele Chancen.

Gegen Lugano gab es kaum ein Aufbäumen, der Fitnesszustand der Spieler wird kritisiert.
Das ist absurd. Unsere Spieler sind fit, das kann man im modernen Fussball ja anhand von unzähligen Werten gut überprüfen. Gegen Lugano zuletzt hat jeder Spieler, der 90 Minuten auf dem Feld war, zwischen 10 und 13 Kilometern zurückgelegt.

Auch Sie reden die Krise schön.
Ach was. Wir reden intern offen und ehrlich miteinander und sprechen alles an. Aber was bringt es, wenn ich in diesem Interview auf die Mannschaft einprügle? Wir wissen ganz genau, dass wir einen schlechten Saisonstart hatten. Aber es geht weiter, sofort, das kann auch eine Chance sein.

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie im Sommer schlechte Transfers gemacht haben...
...das klang vor dem Saisonstart noch komplett anders. Sehen Sie das auch so?

Es ist zu früh, um das zu beurteilen. Fakt ist: Miralem Sulejmani und Loris Benito, die über sechs Millionen Franken Ablösesumme kosteten, überzeugten nicht.
Zahlen kommentieren wir nicht. Richtig ist: Beide waren verletzt, beide hatten einen Platzverweis, beide spielten letzte Saison wenig. Uns war klar, dass sie Zeit benötigen würden. Leider fielen andere Stammspieler aus, wir mussten Umstellungen machen, für die beiden war es nicht einfach. In der aktuellen Lage ist es für neue Spieler besonders schwierig, Akzente zu setzen. Sulejmani und Benito werden noch sehr wertvoll.

Und warum sollte plötzlich alles besser werden für YB?
Weil wir ein gutes Kader haben und diese Spieler bewiesen haben, dass sie stärker sind. Wir müssen uns Schritt für Schritt verbessern. Und wenn die verletzten Spieler zurückkehren, verfügen wir über grosses Potenzial.

Interimstrainer Harald Gämperle hat gegen Lugano keine Bewerbung in eigener Sache abgegeben. Der YB-Auftritt war wirr...
...darum geht es doch nicht. Meine Aufgabe ist es, den für YB aktuell bestmöglichen Trainer zu finden. Das geht ganz bestimmt nicht von heute auf morgen.

Hat Gämperle weiterhin Chancen, Chef zu bleiben?
Wenn er die nächsten Spiele gewinnt, ist er automatisch ein Kandidat. Aber es ist nicht so, dass wir ihn unbedingt durchbringen wollen. Ich wäre sehr froh, wenn wir gut in die Saison gestartet wären und nicht den Trainer hätten freistellen müssen. Jetzt lassen wir uns die nötige Zeit, ich bin ständig am Telefon, spreche mit Beratern, mache mir ein Bild.

Man hört, Sie möchten bis Anfang September und zur Länderspielpause einen Trainer haben.
Bejahe ich das, stehe ich nur noch stärker unter Zeitdruck. Wir lassen uns nicht von aussen steuern.

Sie möchten einen Fussballlehrer verpflichten. Murat Yakin wird gehandelt, soll aber bei YB gar nicht hoch im Kurs stehen.
Ich halte Yakin für einen sehr guten Trainer. Aber ich nehme keine Stellung zu einzelnen Namen.

Yakin würde einen eigenen Trainerstab installieren wollen. Ist es überhaupt vorstellbar, dass der neue Coach eigene Leute mitbringt? Der YB-Trainerstab arbeitet seit Jahren in Bern und wird teilweise auch kritisiert.
Das wird man sehen. Grundsätzlich sind wir offen für vieles.

Es heisst, YB tendiere auf eine Lösung aus Deutschland...
...was es nicht alles heisst. Noch einmal: Wasserstandsmeldungen gibt es keine. Wir schauen uns in Ruhe nach allen Seiten um. Es kommen enorm viele Bewerbungen herein, nicht alle erfüllen jedoch unsere Kriterien.

Über Sie wird gerade sehr viel geschrieben und erzählt. Wie gehen Sie damit um, dermassen im Zentrum der Kritik zu stehen?
Es ist nicht angenehm. Ich habe keine Zeit, alles zu lesen, was im Internet über mich geschrieben wird. Die wichtigen Zeitungen schaue ich an, und leider ist es so, dass sich viele Menschen ihre Meinung bilden aus Artikeln über mich, die nicht stimmen und nur eines zum Ziel haben: mich zu attackieren.

Der «Blick» und Sie stehen seit langem auf Kriegsfuss.
Was da in welcher Form geschrieben wird, hat ein Ausmass angenommen, da kann man nur den Kopf schütteln. Es wird nur noch auf den Mann gespielt. Ich spüre intern grosse Unterstützung, das ist wichtig. Und ich bin selbstbewusst genug und so lange im Geschäft, dass ich abschätzen kann, was ich gut und was ich schlecht gemacht habe.

Im Vereinskonstrukt fehlt eine starke Figur neben Ihnen, der YB-Verwaltungsrat besitzt eher wenig Fussballkompetenz.
Wenn wir einen erfolgreichen Saisonstart gehabt hätten, würde keiner über die Strukturen reden. Es geht im Verwaltungsrat auch nicht darum, über Linksverteidiger zu debattieren. Für diese Aufgabe stehen uns ausgezeichnete Mitarbeiter wie beispielsweise Chefscout Stéphane Chapuisat und Talentmanager Christoph Spycher zur Verfügung. Deren Kompetenz zweifelt hoffentlich niemand an. Mit ihnen stehe ich ständig im Austausch.

Es hat auch einige Leute im YB-Apparat, die Ihnen privat ziemlich nahe sind.
Das ist auch so eine Geschichte, die ich nicht nachvollziehen kann. Es wird so viel Unsinn geschrieben und gesagt. Viele Angestellte wie Chapuisat und Spycher waren schon im Verein, als ich Anfang 2013 zu YB stiess. Und es ist abgesehen davon doch völlig normal, dass man Leute anstellt, denen man vertraut und die man für fähig hält.

Wie reagieren eigentlich Andy und Hans-Ueli Rihs als Besitzer von YB auf die Krise und die zahlreichen Negativschlagzeilen?
Sie würden auch lieber nur positive Sachen lesen. Sie sind aber von unserem eingeschlagenen Weg überzeugt und stehen hinter unseren Entscheidungen. Es tut gut, ihre Rückendeckung zu spüren.

Wann haben Sie die Geldgeber so weit, dass Sie Blerim Dzemaili verpflichten können?
Bis 2025? Im Ernst: Wir haben derzeit keinen Platz im Kader.

Das zentrale Mittelfeld ist bei YB nicht besonders stark besetzt.
Mit diesen Spielern wurden wir letzte Saison Zweiter, hinzugekommen ist Denis Zakaria, der trotz seinen 18 Jahren bereits eine Hilfe sein kann. Leider neigt man im Fussball dazu, im Misserfolg vieles schnell kritisch zu sehen. Wir müssen auch langfristig denken. Aber um wieder Ruhe zu haben, müssen wir nun gegen Kriens im Cup und gegen Karabach in den Europa-League-Playoffs gewinnen.

Berner Zeitung

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