Frankreichs Fussballfest mit Fragezeichen

Fabian Ruch, Sportredaktor, zum Start der Fussball-EM in Frankreich und dem Fussball im Allgemeinen.

Fabian Ruch

Es ist kompliziert.

So muss man zeitgemäss wohl den Beziehungsstatus zwischen Fussball und Fangemeinde beschreiben. EM-Euphorie jedenfalls ist noch keine ausgebrochen. Ab heute rollt in Frankreich der Ball, und es ist davon auszugehen, dass Fussballeuropa in den nächsten Wochen vom Euro-Virus befallen wird. Doch es gibt einige Fragezeichen.

Der Sport im Allgemeinen und der Fussball im Speziellen stecken in einer Identitätskrise. Korrupte Funktionäre, gedopte Athleten, manipulierte Spiele – es gibt einige Krisenherde, die das Vertrauen der Konsumenten nachhaltig beschädigt haben. Noch leidet der Fussball als mit Abstand beliebteste Sportart nicht derart darunter wie andere Dis­ziplinen, was bei aller Faszination, Attraktivität und Popularität einigermassen erstaunlich ist.

Die Skandale bei der Fifa und bei der Uefa scheinen die Leute nicht übermässig zu beschäftigen, weil man sich daran gewöhnt hat, dass in diesen abgehobenen Sphären nun einmal betrogen wird. In der Schweiz als demokratischem Musterstaat ist die Entrüstung zudem deutlich grösser als in den meisten anderen der über 200 Fifa-Mitgliedsländer, in denen Bestechung, Filz, Ungerechtigkeit zum Alltag gehören.

Das Leben ist kompliziert, der Fussball soll einfach bleiben, so sind die Zeichen der Zeit zu deuten. Und der Anhänger glaubt, was er auf dem Rasen sieht. Aber wie lange noch? Es kursieren einige Geschichten über gekaufte Fussballspiele, parteiische Unparteiische und politische Einflüsse. Und selbst wenn der Fussball bisher von groben Dopingenthüllungen weitgehend verschont geblieben ist, wäre es ziemlich naiv zu glauben, dass ausgerechnet in diesem Milliardengeschäft nicht zu leistungsfördernden Mitteln gegriffen wird.

Gerüchte gibt es viele, Beweise kaum – die Lobby ist mächtig. Und es ist ja so, dass beispielsweise das Siegestor im WM-Final 2014 durch den Deutschen Mario Götze eine technische Meisterleistung darstellte – und nichts mit Doping zu tun hatte. Fussball mag ein simples Spiel sein, doch in Wahrheit geht es eben nicht nur darum, möglichst schnell den Berg hochzuradeln, einen Marathon zu laufen oder 50 Meter zu schwimmen. In jeder Aktion besitzt ein Spieler eine Unmenge von Entscheidungsmöglichkeiten. Dennoch ist es natürlich auch im Fussball hilfreich, in der 115.?Minute noch Kraft in den Beinen und einen frischen Kopf zu haben.

Es wäre vermessen, vom Fussball zu fordern, besser als die Welt zu sein. Aber mit seiner gewaltigen Integrationskraft kann er die Gesellschaft zusammenhalten. Er ist wie ein grösstes gemeinsames globales Interesse der Menschen. Die absurd hohen Ablösesummen und Löhne im Geschäft stören den Fan offenbar nicht. Die gewaltigen Korruptionsexzesse der jüngsten Vergangenheit haben dem Sport jedoch geschadet, selbst wenn es, um präzis zu bleiben, früher nicht viel besser war. Es gab immer schon hässliche Vorkommnisse, der Fussball aber entwickelte sich gleichwohl rasant zum Gigantensport; die TV-Stationen bezahlen Milliardensummen dafür, die Auftritte der götterähnlichen Helden übertragen zu dürfen.

Das ist an dieser Europameisterschaft nicht anders. Und doch steht dieses Turnier in Frankreich unter ganz besonderen Vorzeichen. Denn das EM-Gastgeberland geriet zuletzt verstärkt in den Fokus terroristischer Organisationen, das ganze Land ist in Alarmbereitschaft und im Ausnahmezustand. Und selbst wenn angestrebt wird, jeden Bahnhof und jeden Dorfplatz, jede Public-Viewing-Zone und jedes Stadion perfekt zu schützen – es gibt keine absolute Sicherheit.

Und so werden Einheimische und Touristen in den nächsten Wochen mit mulmigem Gefühl unterwegs sein. Ein Verrückter ist in der Lage, sich mit einer Aktion weltweit in die Schlagzeilen zu schiessen. Die beste Nachricht am 11.?Juli, einen Tag nach dem EM-Final, wäre deshalb, dass es zu keinen Anschlägen oder Amokläufen gekommen ist. Das ist eine traurige Erkenntnis.

Der Fussball hat längst seine Unschuld verloren, er ist zum Spielball vielfältiger Interessengruppen geworden. Aber so eine EM bietet den verunsicherten Menschen immerhin die Gelegenheit, sich gemeinsam zu begeistern für eine nationale Sache. Aber selbst dieses harmlose Mitfiebern wird angesichts der destruktiven Politikmechanismen, die vielerorts auf dem Vormarsch sind, für billigen Populismus missbraucht. Und so wurde zuletzt nicht nur in der Schweiz in unsäglicher Scheinheiligkeit darüber debattiert, wie stark eingebürgerte Fussballer eigentlich für die Identität einer Nation stehen. Dabei sind diese Multikulti-Mannschaften in der globalisierten Welt längst auf jedem Schulhausplatz Normalität geworden.

Man darf gespannt sein, ob und wie die Euro 2016 begeistern wird. Die wenig sinnvolle Aufblähung des Teilnehmerfeldes auf 24 Nationen sorgt dafür, dass es in der Vorrunde kaum noch zu spektakulären Affichen kommt. Eine Begegnung wie Island gegen Ungarn interessiert ausserhalb der beteiligten Länder wohl nicht einmal Fussballfreaks richtig. Auf der anderen Seite erhalten die nach einer langen, strengen Saison müden Stars Gelegenheit, sich langsam zu steigern.

Und am Ende wird dann doch wieder die halbe Welt entzückt dabei sein, wenn Frankreich, Deutschland, Spanien und Belgien, vielleicht Cristiano Ronaldo, England und Kroatien, wahrscheinlich nicht Italien und die Schweiz und schon gar nicht die 15 anderen Teilnehmer aus der Mittel- und Touristenklasse in der letzten EM-Woche den Titel unter sich ausmachen werden.

Mail: fabian.ruch@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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