Fliegen will verdient sein

YB tritt am Mittwoch in der Champions League bei Valencia an. Das legendäre Mestalla-Stadion ist ein Kulturerbe des Weltfussballs.

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Es ist Dienstag, kurz vor Mittag, in Valencia pfeift ein scharfer Wind um die nackte Betonschüssel namens Nou Mestalla, und nichts ist in diesem Moment näher, als der ewig werdende Flughafen BER in Berlin. Das an Peinlichkeiten und Kosten nur schwer zu überbietende Grossprojekt in der deutschen Hauptstadt passt perfekt zum Stadionentwurf des FC Valencia im Norden der Stadt: 2007 begann der Bau, 340 Millionen Euro waren bereitgestellt, 2010 wollte man fertig sein. Doch schon 2009 ging das Geld aus – Baustopp. Seit Jahren gibt es immer mal wieder einen neuen Eröffnungstermin, aktuell ist es 2021.

In der Champions League tritt YB am Mittwoch in Valencia an. Die ganze Region scheint gerade schwer mit sich selber beschäftigt: Die Wirrnis um die neue Heimstätte des Fussballclubs steht stellvertretend für die gescheiterte Sportpolitik in der spanischen Metropole. Wettkämpfe von Weltrang sollten dem einst aufstrebenden Valencia zu globalem Glanz verhelfen, die Segelregatta America’s Cup war da, die Formel 1 fuhr mitten durch das Hafenviertel, und der FC Valencia sollte im neuen Stadion vor 75 000 Zuschauern wieder um den Titel mitspielen.

Die Stadt wurde umgekrempelt, besticht noch heute durch architektonische Eleganz und mediterranes Flair, doch der grosse Bahnhof ist vorbei. Der America’s Cup kam nach zwei Austragungen nie mehr zurück, der letzte Formel-1-Wagen bremste 2012 ab. Und der Fussballclub tut sich gerade mächtig schwer.

Marcelinos Nebelmeer

Valencia war 2013 die erste Region in Spanien, welche in Madrid um Hilfe bat, weil 2,3 Milliarden Euro Haushaltsdefizit drückten. Die spanischen Provinzen haben ihren Stolz, die meisten wären lieber heute als morgen unabhängig, und auch an der autonomen Region Valencia ging das Hohle-Hand-Machen bei der wenig geliebten Hauptstadt nicht spurlos vorbei. Nach der Finanzkrise macht die Aufbruch- der Katerstimmung nur langsam Platz. Die Arbeitslosenquote von knapp 20 Prozent ist eine der höchsten des Landes.

Weiter geht es, noch höher in den Norden der Stadt, und der Wachmann vor der «Ciudad Sportiva» um die 40 denkt kaum an solche Zusammenhänge, als er dem 22-jährigen Santi Mina in dessen mehrere hunderttausend Euro teuren Porsche die Schranke öffnet. Eitel scheint die Sonne über dem stattlichen Trainingsgelände des FC Valencia, doch für Marcelino Garcia muss sich der Gang zur Pressekonferenz anfühlen wie ein Taucher ins Nebelmeer.

Der Trainer steckt mit dem Club in der Krise, am Dienstag warten auf ihn an die 60 Journalisten mit scharfer Zunge und spitzer Feder. Der 53-jährige Marcelino aber hat schon viel gesehen, gekonnt und charmant reagiert er auf die vielen Versuche, ihn aus dem rhetorischen Gleichgewicht zu bringen. Nur einmal hebt er die Braue und wird ein wenig bestimmter: Als einer spöttisch bemerkt, die Partie gegen YB sei ja die klar einfachste Aufgabe in dieser Saison bisher. «Haben Sie das Spiel in Bern gesehen?», fragt Marcelino.

Akute Krise beim FC Valencia

Nur zu schlecht erinnern sich die Spanier, wie sie beim 1:1 in Bern vor zwei Wochen als Verlierer hätten vom Platz gehen können. Wer nun am Dienstagnachmittag auf dem edlen Vereinsgelände mit den 14 Trainingsplätzen steht, wer zuvor mal wieder einen Blick auf die Kaderliste geworfen und sich durch die Erfolge an der Historienwand gelesen hat, der kann sich eigentlich kaum vorstellen, dass der Abend am Mittwoch nicht mit einem Sieg für den zweifachen Champions-League-Finalisten endet. Doch letztmals zu Hause gewonnen hat Valencia am 20. Mai – wettbewerbsübergreifend.

Die Krise beim Traditionsclub ist also akut. Und vor dem alten, dem echten und ehrwürdigen Mestalla, wird später am Tag klar, dass es manchmal auch die Vergangenheit ist, welche auf der Gegenwart lastet. Das Konterfei von Mario Kempes schaut von der eindrücklichen Fassade herab, auch die Köpfe von Pablo Aimar und Gaizka Mendieta prangen dort, die Erfolge von früher bauen den Druck für morgen auf. Mitten in diesem riesigen Altar der Fussballhistorie bereiten sich die Young Boys auf ihr zweites Auswärtsspiel in der Champions League vor.

Wegen Nebels sind sie mit etwas Verspätung gestartet, Staff und Team vertrieben sich die Wartestunde im Terminal am Flughafen Bern-Belp mit dem einen oder anderen Spielchen. An der Pressekonferenz im Mestalla sind Trainer Gerardo Seoane und Verteidiger Loris Benito, beide mit Wurzeln im Gastgeberland, die gefragten Akteure. Benito ist beeindruckt, «da rede ich mit Reportern von Zeitungen, die ich als Interessierter des spanischen Fussballs schon als Kind gelesen habe». Und Seoane ist nach zwei Niederlagen und einem Remis in der Königsklasse fokussiert: «Welche Bedeutung dieses Spiel für uns hat, ergibt sich bereits aus dem Namen des Wettbewerbs.»

An der Theke mit Manolo

Und dieser Name lockt wie schon in Turin beim Spiel gegen Juventus überdurchschnittlich viele Fans aus Bern an. Etwa 1200 der knapp 50 000 Zuschauer werden am Mittwoch die Young Boys unterstützen, viele Wege haben sie nach Valencia geführt, über Alicante oder Barcelona, im Flugzeug oder mit dem Auto. Und wer es bis zum Stadion geschafft hat, kann sich direkt gegenüber beim berühmtesten Anhänger überhaupt für ein Bier an die Theke setzen.

Bar-Inhaber Manolo, die Figur mit Bauch und Pauke, hat als Edel-Fan des spanischen Nationalteams die Welt gesehen. Im Januar wird er 70 Jahre alt, zehn Weltmeisterschaften erlebte er in fast fünf Jahrzehnten Fanreisen vor Ort mit, und während 30 Jahren war er auch mit dem FC Valencia unterwegs. Bis er 2001 nach einem leeren Versprechen des Präsidenten beim Final der Champions League gegen Bayern das Spiel verpasste. Besagter Präsident ist längst gestorben, Manolo wohnt noch immer neben dem Stadion. «Ich bleibe draussen», sagt er.

Beständigkeit ist eine Tugend, vielleicht wird sie sich dereinst auf der Stadionbaustelle in Mestalla, möglicherweise gar beim BER in Berlin auszahlen. A propos: In Castellon, 100 Kilometer nördlich von Valencia, hat die hochverschuldete valencianische Regierung für 150 Millionen Euro einen Flughafen bauen lassen. Von der Planung 1997 bis zur Regelnutzung 2015 dauerte es fast 20 Jahre. Fliegen will verdient sein.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 07.11.2018, 09:34 Uhr

Mutig sein

Wollen die Young Boys heute in Valencia einen Coup landen, dann müssen sie: den zu erwartenden Sturmlauf des kriselnden FC Valencia zu Beginn überstehen; mutig und forsch und entschlossen auftreten; die Kontergelegenheiten zielstrebiger ausspielen und in der ersten Halbzeit konzentrierter agieren als in den letzten Begegnungen; ihre Stärke bei Standardsituationen mit Freistossexperte Miralem Sulejmani sowie Kopfballspezialist Guillaume Hoarau unter Beweis stellen und, wie in dieser Saison regelmässig, in der Schlussphase zulegen.

Eine Frage wird sein, ob YB wie meistens im 4-4-2-System agiert oder im defensiveren 4-2-3-1 – dann würde wohl Michel Aebischer für Roger Assalé ins Team rücken. «Wir wollen frech sein», sagt Trainer Gerardo Seoane, «aber das ist keine Frage des Systems, sondern der Einstellung.» Sportchef Christoph Spycher wiederum glaubt, dass die Mannschaft bereit für den grossen Auftritt am Mittwochabend im Mestalla ist. «Es muss uns aber gelingen, die gesamte Spielzeit solidarisch und kompakt zu bleiben», sagt er. (fdr)

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