Fassnacht schiesst YB zum Sieg

Die Young Boys gewinnen nach dramatischer Schlussphase 2:1 gegen die Rangers und halten sich alle Optionen offen.

Das filmreife Finale: Christian Fassnacht (rechts) trifft für YB in der 93. Minute zum 2:1.
(Video: SRF)

Der Fussball kennt viele Drehbücher. Müssten sich die Regisseure dieser Welt aber auf eines festlegen, es wäre wohl dieses: Unentschieden, Nachspielzeit, ein letzter Ball auf den Stürmer – Tor für das Heimteam. Das Heimteam, das waren an diesem Film-, Pardon Fussballabend im Stade de Suisse die Young Boys, in die Rolle des Stürmers schlüpfte Christian Fassnacht, der Ball kam von Cédric Zesiger (eine dramatische Qualität dieses Drehbuchs!), und die Auszeichnung für die gelb-schwarzen Darsteller war das 2:1 gegen die Glasgow Rangers und der erste Sieg in dieser Europa-League-Kampagne.

Es war für YB an diesem erst nach und nach stimmungsvollen Abend vor 26'348 Zuschauern auch ein Erfolg des Willens. Lange floss das Spiel nämlich zäh vor sich hin, nicht so klar nach hier, nicht so recht nach da. YB gewann die wichtigen Duelle in der Startphase, war tonangebend, aber selten gefährlich. Trainer Gerardo Seoane hatte sein Team im 4-4-2-System auf den Rasen geschickt, mit dem zuletzt angeschlagenen Roger Assalé, ohne den zuletzt angeschlagenen Guillaume Hoarau, der nicht einmal auf der Bank Platz nahm – der Franzose hatte am Samstag im Spiel gegen Sion einen Schlag auf den Fuss bekommen.

Seoane im Wechselbad

YB also tastete sich heran an ein erstes Tor, Gianluca Gaudino und Michel Aebischer inszenierten ihre Corner-Variante nach einer erfolgreichen Aufführung gegen Sion diesmal ohne Erfolg, dann verrutschte Jean-Pierre Nsame bei seiner Möglichkeit der Ball. Von den Rangers kam wenig, lange Zeit schien es, als würden die Schotten vor allem mit dem Prinzip Hoffnung operieren. Kurz vor dem Pausenpfiff ging es bei ihnen aber plötzlich schnell, zu schnell für YB: Ein langer Ball erreichte den flinken Stossstürmer Alfredo Morelos, Zesiger war überrascht, versuchte dem Kolumbianer den Weg abzuschneiden, stolperte. Morelos traf zum 1:0 für die Gäste, Zesiger musste sich die Hauptschuld anlasten lassen (eine dramatische Qualität dieses Drehbuchs!).

Morelos trifft für die Rangers kurz vor der Pause zum 1:0. (Video: SRF)

Tempo und Genauigkeit hatte die erste Halbzeit vermissen lassen. Genau das löste dafür Durchgang zwei ein: Plötzlich passten die Zuspiele, plötzlich ging es direkter nach vorne. Und einer dieser ersten YB-Rushes nach dem Seitenwechsel führte prompt zum Ausgleich: Ulisses Garcia setzte auf links gut nach, stiess durch eine Art Doppelpass mit Nsame an die Grundlinie vor, seine Hereingabe verpasste Filip Helander für die Rangers, nicht aber Assalé für YB.

Kurz nach der Pause trifft Assalé nach Vorarbeit von Garcia zum 1:1. (Video: SRF)

Nun war es ein munteres Hin und Her. Glasgow – trotz einer Verkaufssperre von Tickets für Gästefans mit gut 500 Anhängern im Rücken – nahm das Tempo des am Vortag noch als Nachteil bezeichneten Kunstrasens auf, spielte schneller, flacher, vorab auf Morelos. Der lieferte sich nach einer guten Flanke von Borna Barisic ein heikles Duell mit Garcia, der YB-Verteidiger traf den Rangers-Stürmer am Bein, Schiedsrichter Manuel Schüttengruber aus Österreich pfiff nicht. Im anderen Strafraum sprang der Ball nach einer Hereingabe Assalés an die angelegte Hand von Connor Goldson, kein Penalty auch hier. Ein Videoassistent, ein VAR, steht in dieser Phase der Europa League nicht zur Verfügung. Rangers-Coach Steven Gerrard nahm das nach dem Spiel noch mal auf, Seoane mochte sich darauf nicht einlassen.

Und die beiden Szenen blieben VAR-haftig nicht die einzigen engen an diesem Abend. «Es war ein Wechselbad der Gefühle, Konter hier, Konter da», beschrieb es Seoane später. Es ging schon auf die letzten zehn Minuten zu, als Rangers-Goalie Allan McGregor den heranbrausenden Nsame hart anging, keiner von beiden erwischte wirklich den Ball, wieder blieb die Pfeife von Schüttengruber stumm.

«Fussball kann brutal sein»

Die Young Boys belohnten sich für ihren Aufwand doch noch – mit dem späten Tor in der 93. Minute. «Fussball kann brutal sein», blieb selbst Gerrard, dem dramaerprobten Weltfussballer und Neutrainer, nur zu sagen. «Es gäbe viele Geschichten zu erzählen über dieses Spiel», meinte Seoane.

Weil Feyenoord gleichzeitig 2:0 gegen Porto gewann, liegen in der YB-Gruppe nun alle Teams mit drei Punkten gleichauf. Die königsklassewürdige Runde entwickelt sich so spannend, wie sie es verhiess. Ende Oktober empfangen die Young Boys nun Feyenoord, und dank dem drehbuchreifen Finale sind sie im richtigen Film, dürfen im Herbst noch immer von einem europäischen Frühling träumen.

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