«Es stellt sich die Frage, ob Hyypiä bei den Spielern ankommt»

ETH-Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann zur Krise beim FC Zürich und der Rolle von Trainer Sami Hyypiä und seinen Führungsspielern.

Neuer Trainer, neuer Captain: Sami Hyypiä und Gilles Yapi geben beim FCZ die Richtung vor.

Neuer Trainer, neuer Captain: Sami Hyypiä und Gilles Yapi geben beim FCZ die Richtung vor.

Sebastian Rieder@RiederSebastian

0:5 gegen GC, der sportliche Tiefflug beim FCZ nimmt dramatische Züge an. Wo sehen Sie die Gründe aus psychologischer Sicht?
Diese Klatsche ist kein Zufall. Es scheint so, als wären gleich mehrere Spieler stark verunsichert. Ein Spieler allein ist dafür nicht verantwortlich, selbst wenn Berat Djimsiti beim 0:1 einen groben Fehler beging. Der FCZ hat diese Saison erst zwei Spiele gewonnen, das kollektive Selbstvertrauen ist angeschlagen. Das Gegenteil sieht man derzeit bei GC, dieses Team reiht Sieg an Sieg, hat seine Spielweise offensichtlich gefunden, fühlt sich im mentalen Hoch und tritt entsprechend selbstsicher auf.

Noch vor einem Jahr war der FCZ erster Verfolger des FC Basel.
Die Verantwortung liegt bei den Führungsspielern, sie sind der verlängerte Arm des Trainers. Und der Trainer muss herausfinden, wer für ihn die Schlüsselspieler sind und sie unterstützen. Er muss die Routiniers für sich und seine Ideen gewinnen, das überträgt sich dann auch auf die jungen Spieler.

Davide Chiumiento war als Captain einer dieser Führungsspieler, nun hat Gilles Yapi die Binde. Das stösst im Team auf Unverständnis.
Wie die Strömung innerhalb des Clubs ist, kann ich nicht beurteilen. Es ist aber die Kunst des Trainers zu erkennen, wer fähig ist, diese Rolle zu tragen. Offenbar verkörpert Yapi in den Augen von Sami Hyypiä eine Figur, die dem Team Stabilität verleihen soll. Yapi gab nach seiner schweren Knieverletzung ein starkes Comeback und steht als Bild für einen unbändigen Kämpfer. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Yapi mental schon bei hundert Prozent sein kann.

Yapi ist ein ruhiger Typ, genau wie Hyypiä.
Er ist sicher ein Trainer, der in der Öffentlichkeit nicht viel redet. Das ist mein Eindruck bisher, aber ich weiss natürlich nicht, wie er in der Garderobe auftritt, wie er das Team anspricht. Es stellt sich die Frage, ob er mit seiner Art überhaupt bei den Spielern ankommt. Unbestritten ist, dass er ein ganz grosser Spieler war, aber sein Palmarès als Trainer ist noch dünn, vielleicht fehlt ihm es auch an entsprechenden Erfahrungen, um das Team aus der Krise zu führen. Als Verteidiger war er ein Bollwerk, und so kommt er auch als Trainer rüber. Er ist markig, standfest, er lässt sich nicht verbiegen und bleibt seiner Linie treu.

Was würden Sie in der jetzigen Situation empfehlen?
In einem Interview hat er von mentalen Problemen gesprochen, die nicht über Nacht zu lösen sind. Trotzdem muss er sich schleunigst daran machen, um diese mentalen Probleme in den Griff zu kriegen. Im Moment braucht es sehr viele und intensive Einzelgespräche. Jeder Spieler braucht eine persönliche Zielsetzung, darüber hinaus braucht es eine gemeinsame Marschroute. Es geht in erster Linie nicht um die Fehler, sondern darum, die verborgene Qualität wiederzuentdecken. Es braucht viel Zuspruch und einen neuen Antrieb. Ich nenne es eine positive Imprägnierung, das Selbstvertrauen muss gestärkt werden. Vielleicht hilft ein starkes Sinnbild, ein kollektives «come on», das sich in den Köpfen der Spieler festsetzt und als Schutzschild gegenüber negativen Einflüssen wirkt.

Das klingt sehr romantisch.
Ganz und gar nicht. Das ist Knochenarbeit für den Trainer. Er muss den Spielern jeden Tag aufs Neue aufzeigen, wo ihre Qualitäten liegen, ihnen Mut machen und ihnen Erfolgserlebnisse bieten. Da muss sich der Trainer voll ins Zeug legen. Wichtig sind aber auch der Spass und die Abwechslung. Nur so kriegt er die positiven Emotionen ins Team zurück.

Schelte oder Strafe sind also keine probaten Mittel?
Schelte kann guttun, aber das ist abhängig von der Stimmung. Wenn sich einzelne Spieler immer noch wie stolze Gockel aufführen, dann sollte man der Selbstverliebtheit einen Riegel vorschieben. Aber ein Straftraining nach einer 0:5-Niederlage halte ich nicht für sinnvoll. Wichtig ist: Kopf lüften, die Stärken fördern, Spielzüge trainieren und positive Leistungen im Training mit Lob emotional unterstützen. Die Spielfreude soll ins Team zurückkehren können.

Der FCZ steckt aber im Abstiegskampf.
Das schreiben die Medien, aber als Trainer würde ich das Wort momentan nicht in den Mund nehmen. Das schürt noch mehr Verunsicherung. Junge Spieler fühlen sich dabei vielleicht hilflos, weil sie noch nicht gelernt haben, mit so einer Situation umzugehen.

Wie sollen der Trainer und die Spieler mit den negativen Schlagzeilen umgehen?
Es ist durch die sozialen Medien praktisch unmöglich, die Reaktionen nach so einem Spiel wie gegen GC einfach zu ignorieren. Das muss jeder für sich selber ausmachen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Trainer in der Garderobe mit den Spielern eine Presseschau macht, die Kritik analysiert und an die Ehre appelliert: «Jungs, so stehen wir da!» Dies müsste eine deutliche emotionale Gegenreaktion im Team zur Folge haben. In Verbindung mit einem klaren Spielplan, positiver Unterstützung und gestärkter Spielfreude wird sich das Team die Chance erarbeiten, wieder Spiele zu gewinnen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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