«Es ist Zeit, werden wir endlich abgelöst»

Vor dem ersten Matchball gegen den FCL reden fünf YB-Meisterspieler von 1986 über damals und heute.

Bald nicht mehr das letzte YB-Meisterteam: 1986 küren sich die Young Boys mit einem 4:1-Auswärtssieg über Xamax zum Schweizer Meister.

Bald nicht mehr das letzte YB-Meisterteam: 1986 küren sich die Young Boys mit einem 4:1-Auswärtssieg über Xamax zum Schweizer Meister.

(Bild: Andreas Blatter)

Georges Bregy«Das ist eine andere mentale Belastung»

Die Diskussionen über damals und heute nehme ich in diesem Jahr nicht so stark wahr wie 2008 oder 2010. Vielleicht, weil YB so unwiderstehlich auftritt. Das Selbstvertrauen ist schon im Fernsehen spürbar, die Botschaft ist: «Gegen uns gibt es nichts zu holen.» Der Unterschied von damals zu heute? Mit uns hat niemand gerechnet, wir waren die graue Maus. Wir waren in der Rückrunde der Jäger, in dieser Saison war YB eine ganze Saison lang der Gejagte – das ist eine andere mentale Belastung. Was mir auffiel: Sieht man einmal von den Spielen gegen Thun ab, haben die Young Boys kaum mehr Punkte gegen die Aussenseiter abgegeben, Punkte, die ihnen in anderen Jahren gefehlt haben. Ich finde, das liegt auch daran, dass Trainer Adi Hütter nie mehr als nötig rotiert hat. Diese Mannschaft versteht sich blind, sie war schon früh gut eingespielt, das hat man gesehen.

Meine Erinnerungen an 1986 sind natürlich auch nicht mehr die frischesten. Aber die Bilder aus dem Bocciahäuschen habe ich noch, da muss ich immer lachen. Es ist so anders als heute, aber beides ist gut.

René Sutter«Die Umstände waren ganz anders»

Ganz ehrlich: Ich bin froh, war ich vor zwanzig, dreissig Jahren Fussballer und nicht heute. Ich sehe es am Beispiel meines Sohnes Nicola, der beim FC Thun spielt. Alles ist viel schnelllebiger geworden, ständig gibt es Wechsel im Kader und auf der Position des Trainers. Bei uns kam damals im Winter vielleicht ein Spieler hinzu, einer ging. Auch sonst waren die Umstände ganz anders, wir waren nicht so präsent in den Zeitungen und im Fernsehen. YB war ein Traditionsverein, aber kein Topclub, die Erwartungen an uns waren entsprechend nicht so hoch. In der Meistersaison 1986 entstand zum Saisonende hin ein Hype, aber er lässt sich nicht mit jenem von heute vergleichen.

Eine Meisterfeier auf dem Bundesplatz etwa wäre bei uns nie ein Thema gewesen, wir feierten bescheiden im Bocciahäuschen. Ich habe überhaupt kein Problem, werden wir nun als Meister abgelöst und vielleicht nicht mehr zu Jubiläen eingeladen. Meine früheren Teamkollegen treffe ich ab und zu bei Spielen mit den YB Old Stars, das genügt.

Reto Gertschen«Mbabu imponiert mir besonders»

Ein Titelgewinn überstrahlt alles, es ist der Lohn für all die Entbehrungen, die man in der Karriere auf sich nimmt. Ich bedauere jeden, der keinen Titel gewinnen kann. Vielleicht realisierten wir damals nicht, was wir mit dem Meistertitel 1986 und dem Cupsieg 1987 erreicht hatten, wir gingen rasch zum Alltag über. Erst später, als YB Jahr für Jahr ohne Titel blieb, begriff ich, welchen Effort wir damals geleistet hatten. Aber es ist Zeit, werden wir endlich abgelöst. Die Young Boys haben den Titel mehr als verdient.

Besonders imponiert mir die Entwicklung von Rechtsverteidiger Kevin Mbabu. Ich trainierte ihn im U-20-Nationalteam, körperlich war er da schon stark, er hatte auch eine coole Persönlichkeit, an den technischen Fertigkeiten musste er aber arbeiten. Jetzt ist er auf dem Platz kaum wiederzuerkennen, er hat Riesenfortschritte erzielt, es ist wirklich faszinierend.

Ein grosses Lob verdient auch Trainer Adi Hütter; er hat die Mannschaft kontinuierlich weiterentwickelt. Die Ernennung von Christoph Spycher zum Sportchef war das letzte Puzzlestück zum Erfolg.

Dario Zuffi«Gebt bei der Meisterfeier ?Gas»

Jeweils im Sommer, wenn sich abzeichnete, dass YB wieder keinen Titel gewinnt, nahmen die Interviewanfragen zu. Eigentlich ist es unglaublich, hat ein Verein wie YB 32 Jahre auf den Meistertitel warten müssen. Aber jetzt ist er hochverdient – das muss ich als Vater eines Basel-Spielers sagen.

Heute und damals lässt sich schwer vergleichen: Wenn ich eine Parallele zu unserer damaligen Equipe ziehen müsste, käme mir das Angriffsspiel in den Sinn. Mit Lars Lunde und mir hatten wir schnelle Spieler in der Offensive, auch jetzt ist das Tempo eine grosse Stärke.

Im Nachhinein muss ich sagen: Wir realisierten damals gar nicht, was wir erreicht hatten. Die Meisterfeier war relativ klein, und ich dachte, ich würde dann schon noch einen Meistertitel gewinnen, doch ausser jenen im Cup 1987 mit den Young Boys und 1993 mit Lugano kamen keine weiteren Titel hinzu, das fuchst mich heute schon ein wenig.

Deshalb gebe ich den YB-Spielern einen Rat mit auf den Weg: Gebt bei der Meisterfeier Gas, geniesst den Moment mit den Fans. Man weiss nie, ob man so etwas noch einmal erlebt.

Alain Baumann«Wir konnten uns bei einem Bier zeigen»

Lustigerweise werde ich in dem Jahr nicht so viel angefragt, von früher zu erzählen, wie in anderen Jahren, als die Young Boys kurz vor dem Titel standen. Es ist gut, hat Bern endlich eine neue YB-Meistermannschaft. 32 Jahre waren eine unerträglich lange Zeit. Und der Titel ist hochverdient, auch wenn ich glaube, dass es für YB nicht so einfach war, wie es nach aussen vielleicht manchmal den Eindruck gemacht hat. Mit dem Druck umgehen, die Konzentration so lange aufrechterhalten, dazu die vielen Beobachter, die nur auf einen YB-Ausrutscher warten.

Damals und heute, das lässt sich eigentlich nicht vergleichen. Der Fussball als solcher ist ein anderer, wir konnten uns am Donnerstag vor dem Spiel auch mal noch auf der Strasse bei einem Bier zeigen. Und am aktuellen Team bin ich zu wenig nahe dran, als dass ich es mit unserem vergleichen könnte. Aber fest steht: Die Mischung muss herausragend sein. Sonst ist eine solche Saison nicht möglich.

Berner Zeitung

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