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«Es braucht keine Sprache»

Am Sonntag fand auf dem Bundesplatz die Schweizer Meisterschaft der Strassenfussballer statt. Mit dem Strassenfussballprojekt der Organisation Surprise sollen sozial benachteiligte Menschen in den Alltag zurückfinden.

Schweizermeisterschaft im Strassenfussball auf dem Bundesplatz.

Es ist fast wie an der Copacabana. Ein paar Freunde schnappen sich einen Ball und spielen Fussball. 4 gegen 4, drei Feldspieler, ein Torhüter. Es wird gelacht, geflucht, gejubelt, gehadert, wie das eben so ist, unter Freunden. Doch die Fussballer, die sich am Sonntag auf dem Berner Bundesplatz versammeln, haben eine spezielle Geschichte. Einige von ihnen sind arbeitslos, andere haben kein festes zu Hause, einige Leben in Armut, andere haben mit Depression oder einer Sucht zu kämpfen, und einige sind aus ihrer Heimat geflohen, in der Hoffnung, in der Schweiz eine bessere Zukunft vorzufinden.

Die Spieler haben es in ihrem Leben bisher nicht immer einfach gehabt. Doch für sie wurde 2003 das Strassenfussballprojekt der Organisation Surprise, die unter anderem auch das gleichnamige Strassenmagazin herausgibt, ins Leben gerufen. 18 Teams aus der ganzen Schweiz umfasst die Surprise-Liga in diesem Jahr. Dabei geht es nicht primär um den Sport, sondern darum, dass sich die Teilnehmenden in einem sozialen Umfeld bewegen, lernen, sich an Regeln zu halten und untereinander einen fairen Umgang pflegen.

«Alle im Team erfüllen eine Rolle, in der sie Wertschätzung erfahren», sagt Leiterin Lavinia Besuchet. «Sie werden nicht ständig daran erinnert, dass sie ihre Rechnungen nicht bezahlen können oder dass sie von einem Amt oder einer Behörde wieder einen negativen Entscheid erhalten haben.» Auch wenn das Bundeshaus, ein Symbol für Ordnung und Bürokratie, mächtig über den beiden Fussballfeldern ragt – die Sorgen und Probleme des Alltags sind auf dem Bundesplatz weit weg. Es geht um Fussball, um den Schweizer-Meister-Titel der Strassenfussballer. Nach den Partien versammeln die Trainer ihre Spieler um sich. Es wird debattiert, diskutiert, analysiert. Fehler werden angesprochen und die Taktik fürs nächste Spiel bereitgelegt.

Loïc Schwab ist seit zwei Jahren Coach des Teams «Surprise Strassenfussball Bärn». Aktuell vereint es Spieler aus Eritrea, Afghanistan und Syrien. Einmal pro Woche versammelt er sie zum Training und begleitet sie an die Spiele. Im Rahmen der nationalen Meisterschaft werden vier Turniere ausgetragen, zudem finden das ganze Jahr über Freundschaftsturniere statt.

In seiner Rolle als Trainer sei einiges an Spontaneität nötig, sagt Schwab, denn es sei nie sicher, wie viele Spieler er am verabredeten Ort zum verabredeten Zeitpunkt vorfinden werde. Auch in Bern sieht sich der 24-Jährige mit einer derartigen Herausforderung konfrontiert, als einige Spieler nicht auftauchen. Khadim ist jedoch da und ruft kurzerhand zwei Freunde an, die sich dem Berner Team anschliessen. Khadim floh vor dreieinhalb Jahren aus Afghanistan. Dieses Jahr hat er zum zweiten Mal im Berner Strassenfussballteam mitgespielt. «Es macht Spass», sagt er und erzählt, dass er neben der Schule auch Teil einer Theatergruppe sei. «Ich habe mich gut integriert», sagt er und lacht.

Efrem ist so etwas wie der Star der Mannschaft, zumindest in diesem Jahr. Denn der Eritreer wurde für die Schweizer Nationalmannschaft ausgewählt, die Anfang September als eine von 52 Nationen am Homeless World Cup in Oslo teilnahm. Jeder darf nur einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei sein, schliesslich sollen möglichst viele die Möglichkeit haben, in ein anderes Land zu reisen, etwas Neues zu entdecken und mit Leuten aus der ganzen Welt Kontakte zu knüpfen. «Das war eine schöne Erfahrung», sagt Efrem, der vor drei Jahren in die Schweiz kam.

Die Integration ist oberstes Ziel des Surprise-Strassenfussballprojekts. Manchmal, sagt Besuchet mit einer Mischung aus Wehmut und Freude, sei es auch schon vorgekommen, dass Spieler, die einst Teil des Projekts gewesen seien, zu einem späteren Zeitpunkt wieder mitspielen wollten. Da sie aber in der Zwischenzeit ihre Probleme aus der Welt geschafft hatten, blieb ihnen höchstens eine Rolle als Trainer oder Schiedsrichter. Eine Strassenfussball-Mannschaft vereint eine Vielzahl von Kulturen und Hintergründen. Verständigungsprobleme gibt es jedoch nicht. «Es braucht keine Sprache», sagt Besuchet. Fussball ist das ideale Verständigungsmittel.

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