Erich Hänzi: Der Blondschopf im Exil

Erich Hänzi war Captain, als die Young Boys im Neufeld spielten. Am Samstag kehren die Berner für den Uhrencup zurück, und der heutige Talentmanager erinnert sich.

Bodenständig und beliebt: Erich Hänzi führte die Young Boys im Neufeld als Captain aufs Feld.

Bodenständig und beliebt: Erich Hänzi führte die Young Boys im Neufeld als Captain aufs Feld.

(Bild: Andreas Blatter)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Wenn er die Tartanbahn entlangläuft, den Blick schweifen lässt über den Rasen, Stehplätze auf der einen, Holztribüne auf der anderen Seite, kommen sie wieder hoch, die Erinnerungen an damals. 2001, als die Young Boys aufgrund des Neubaus des Wankdorfstadions ins Neufeldstadion ausweichen mussten. «Das ist eine lange Geschichte», sagt Erich Hänzi und lacht. «Aber ich beginne mal zu erzählen.»

Angeführt von Captain Hänzi waren die Berner damals nach vier Jahren Abwesenheit gerade in die höchste Spielklasse zurückgekehrt. Doch am 7. Juli mischte sich zum Saisonstart in die Aufstiegseuphorie eine Prise Wehmut, als die Berner in ihrem vorläufig letzten Spiel im Wankdorf gegen Lugano antraten. In der Mannschaft sei eine gewisse Skepsis spürbar gewesen, sagt Hänzi, und eine Ungewissheit darüber, was einen auf der anderen Seite der Stadt erwarten würde.

Zwei Wochen später spielten die Young Boys erstmals im Neufeld, 9000 Zuschauer waren für die Partie gegen den FC Zürich gekommen. Damit alle Leute Platz fänden, wurde eine zusätzliche Tribüne aufgestellt. Die Euphorie im Umfeld von YB war beachtlich, und dank der attraktiven Spielweise, welche die Berner pflegten, pilgerten die Leute scharenweise ins Neufeld. «Es hat von Anfang an gepasst», sagt Hänzi.

«Die Erwartungen dürfen nicht ins Unermessliche steigen.»Erich Hänzi

13 Jahre sind seit den YB-Auftritten im Neufeld vergangen, doch wer Hänzi erzählen hört vom Einlaufsong, von Zuschauern, die zur Unterstützung mit ihren Schlüsseln klimperten, denkt, sie lägen gerade einmal zwei Wochen zurück. 25-mal in Folge blieben die Berner im Neufeld einmal ungeschlagen.

Hänzi spricht von einem «einzigartigen Groove», der sich entwickelt habe, und da der mutige Aufsteiger die Erwartungen der Zuschauer ein ums andere Mal übertraf, war bald einmal der Slogan kreiert, der wie kein zweiter für die Exilzeit im Neufeld steht: «YB macht glücklich.»

Keiner fürs Haifischbecken

Hänzi war nicht nur Captain, sondern Identifikationsfigur, geschätzt für seine bodenständige Art, seine Fairness und seinen bedingungslosen Einsatz. «Fussballgott» nannten ihn die Fans. Die Wertschätzung ist bis heute geblieben. «Es ist schön, wenn man merkt, dass die Leute positive Erinnerungen an einen haben.»

Der Seeländer ist dem Verein auch nach seiner Aktivkarriere verbunden geblieben. Und nachdem er ab 2008 während fünf Jahren als Assistenztrainer beim FC Zürich tätig gewesen war, übernahm Hänzi ab 2013 eine Trainerfunktion im YB-Nachwuchs. Ein Rückschritt auf der Karriereleiter? Nein. Die Nachwuchsarbeit ist Hänzi näher als das Profigeschäft. Nach der Entlassung von Uli Forte im August 2015 assistierte er zwar Interimstrainer Harald Gämperle während sieben Spielen in der ers­ten Mannschaft.

Der 53-Jährige stellte aber von Beginn an klar, dass er wieder in den Nachwuchs zurückkehren möchte. Auf dieser Stufe könne er sich besser einbringen, sagt Hänzi und fügt an: «Trainer auf höchstem Niveau zu werden, ist nichts für mich. In diesem Haifischbecken würde ich zu schnell gefressen werden.»

Vor einem Jahr hat Hänzi die Position des Talentmanagers übernommen, die nach Christoph Spychers Ernennung zum Sportchef frei geworden war. Er betreut also die besten Spieler zwischen U-16 und U-18, fussballerisch, aber auch bei der Ausbildung und in privaten Dingen.

«Es ist schön, wurde die Arbeit in der letzten Saison mit dem belohnt, was wir uns alle so sehr gewünscht haben.»Erich Hänzi

Eine sinnvolle und durchdach­te Karriereplanung habe dabei oberste Priorität, sagt Hänzi. Er fühlt sich wohl, wo er jetzt ist, und er freut sich sehr, wenn Spieler, die er einst mitausgebildet hat, den Sprung in die erste Mannschaft schaffen – wie der 18-jährige Jan Kronig, der unlängst seinen ersten Profivertrag unterzeichnete. «Es ist schön, wurde die Arbeit in der letzten Saison mit dem belohnt, was wir uns alle so sehr gewünscht haben.»

Der Wunsch an die Fans

Der Meistertitel war auch für Hänzi eine ganz spezielle und emotionale Sache, schliesslich war er bis anhin einer der Letzten gewesen, der beim Cupsieg 1987 einen Pokal in die Höhe stemmen durfte. Doch schafft YB die Titelverteidigung?

«Ich würde mir wünschen, dass die Leute nicht mit der Erwartungshaltung in die Saison gehen, dass YB unbedingt Meister werden muss», sagt Hänzi. Lieber sollen die Fans die Mannschaft unterstützen und schauen, was drinliegt. «Die Erwartungen dürfen nicht ins Unermessliche steigen. Das wäre falsch.»

Es ist eine Aussage, die zum bodenständigen Hänzi passt. Und wahrscheinlich wird es am Samstag noch ganz vielen so gehen wie ihm, wenn die Young Boys für ihre zweite Partie am diesjährigen Uhrencup ins Neufeld zurückkehren und Premier-League-Aufsteiger Wolverhampton empfangen. Wahrscheinlich werden einige den Blick von der einen zur anderen Tribüne über den Rasen schweifen lassen, die klimpernden Schlüssel und den Einlaufsong in den Ohren.

Berner Zeitung

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