Er regiert wie ein Sonnenkönig

In den ersten drei Jahren hat Gianni Infantino vor allem gezeigt, nicht besser als sein Vorgänger Sepp Blatter zu sein. Trotzdem wird er als Fifa-Präsident bestätigt.

Wie Wasser predigen und Wein trinken: Gianni Infantino, 49, wird in seiner Funktion als Fifa-Präsident vor allem als Selbstdarsteller wahrgenommen. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Wie Wasser predigen und Wein trinken: Gianni Infantino, 49, wird in seiner Funktion als Fifa-Präsident vor allem als Selbstdarsteller wahrgenommen. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als er kam, war er der Hoffnungsträger. Gianni Infantino schien eine gute Wahl als Fifa-Präsident zu sein, sicher die bessere als sein grosser Gegner, Scheich Salman aus Bahrain. Den Scheich umwehte die Anrüchigkeit von Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat.

Infantino hatte den Delegierten der Nationalverbände eine bessere Fifa versprochen, eine offene, transparente Fifa. Und er hatte ihnen viel Geld versprochen, zweieinhalbmal mehr als bisher, und eine Weltmeisterschaft mit 40 statt 32 Teams.

Drei Jahre und drei Monate ist dieser Tag im Zürcher Hallenstadion her. Heute Mittwoch versammelt sich der Kongress der Fifa in Paris, um 14 Traktanden abzuarbeiten. Das 12. heisst: Wahl des Fifa-Präsidenten für die Periode von 2019 bis 2023. Das Ergebnis steht fest, eigentlich schon seit dem 5. Februar. Das war der Stichtag, um eine Kandidatur einzureichen. Einzig der frühere Schweizer Nationalspieler Ramon Vega versuchte sich daran – er scheiterte kläglich. Nur einer hat die Hürde genommen: Infantino. Er ist darum heute ohne Gegner.

Er will ein «Leader» sein

Die Adresse, an der der Kongress tagt, muss Infantino gut gefallen. Die Porte de Versailles erinnert an das nahe Schloss, in dem es sich Ludwig XIV. als Sonnenkönig gut gehen liess. Infantino mag sich nun zwar gerne schmücken mit seiner Herkunft als Sohn italienischer Einwanderer, es ist aber alles nur eine inszenierte Bescheidenheit.

Es ist nicht eben viel zu spüren von dem, was seine Schwester Daniela vor gut drei Jahren im «Tages-Anzeiger» sagte, als er sich zur ersten Wahl aufmachte. «Ich nehme ihn nicht als Karrieremenschen wahr, der für seinen Erfolg über Leichen geht.»

Infantino machte dann schnell vorwärts, dieses Bild nachhaltig zu korrigieren. Er hatte keine Lust, nur ein repräsentativer Präsident zu sein, auch wenn der Kongress für ihn diese Rolle als Teil der Reformen nach der Ära von Sepp Blatter vorgesehen hatte. Zwei Tage nach der Wahl stellte er klar: «Ich bin vom Kongress gewählt worden, um ein Leader zu sein.»

Der Handstreich von Mexiko

Zwei Monate später, beim Kongress in Mexiko, liess er die Maske ganz fallen. Zuerst begehrte er auf, weil er den vorgeschlagenen Lohn von 2 Millionen Franken als Beleidigung empfand. Danach gelang es ihm handstreichartig, die Kontrolle über die Ethikkommission zu gewinnen. Fortan konnte der Fifa-Rat, das neue Führungsgremium anstelle des skandalumwitterten Exekutivkomitees, deren Mitglieder bestimmen. Übersetzt hiess das: Die Überwacher waren Erfüllungsgehilfen jener, die sie überwachen sollten.

Und noch eines kam dazu. Infantino zauberte die Senegalesin Fatma Samoura als Generalsekretärin aus dem Hut, bislang zuständig für das Entwicklungsprogramm der UNO in Nigeria. Sie ist nie zum Gegengewicht von Infantino geworden, wie das die Reformen vorgesehen hatten. Der Walliser hat das gar nie zugelassen. Er hat sich einfach die Macht genommen, die schon all seine Vorgänger ausgeübt hatten.

Infantino sass bei der WM zwischen Prinz und Putin. Er strahlte. Es ist seine Welt.

Innert kurzer Zeit bestätigte Infantino, was Jérôme Champagne, einer seiner Gegner bei der Wahl von 2016, betont hatte: Infantinos Führungsstil sei «autoritär und bösartig».

Infantino kaufte sich auf Kosten der Fifa 11000 Franken teure Matratzen für seine Dienstwohnung und flog fortan lieber im Privatjet, bezahlt von Dritten aus Russland oder Katar. Nach den ersten zwölf Monaten im Amt hatte er 81 Angestellte ausgewechselt, jeden fünften.

Darauf wurde er auch Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély los. Die führenden Köpfe der Ethikkommission hatten zuvor Blatter, dessen Stellvertreter Michel Platini und Generalsekretär Jérôme Valcke für Jahre von allen Fussballaktivitäten suspendiert. Das unterstrich ihre Unabhängigkeit. Eine solche Unabhängigkeit gefiel Infantino aber gar nicht. Lieber berief er Maria Claudia Rojas als Nachfolgerin für Borbély zur Chefin der Untersuchungskammer. Sie war die «Super-Amiga», die Freundin eines Freundes aus Kolumbien.

Der 25-Milliarden-Deal

Der Mann, der nicht über Leichen gehen soll, pflegte im Hintergrund vor allem die Kontakte nach Saudiarabien, zu Muhammad bin Salman, das ist der Kronprinz, der hinter dem Mord am regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi stehen soll.

Im März vor einem Jahr wurden Infantinos Pläne bekannt, wonach er nur zwei Wettbewerbe organisieren müsse, um der Fifa 25 Milliarden Dollar, verteilt auf zwölf Jahre, von Investoren zu sichern. Es ging dabei um eine neue Club-WM und eine weltweite Nations League. Infantino sperrte sich allerdings dagegen, die Namen der Investoren preiszugeben. Bald wurde bekannt, dass es eine japanische Gruppe ist, alimentiert mit Geld aus Muhammads Saudiarabien.

Beim Eröffnungsspiel der WM in Russland sass Infantino zwischen dem saudischen Prinzen und Russlands Präsident Wladimir Putin. Er strahlte. Es ist seine Welt.

Im November 2018 enthüllte die «Süddeutsche Zeitung», worum es bei diesem 25-Milliarden-Deal wirklich ging: um den Verkauf der Rechte an der WM, dem Anlass, der die Fifa ganz allein ausmacht. Infantino sollte nicht darben, er wäre als Chef der Firma vorgesehen, welche die WM-Rechte besitzt. Fake News, liess Infantino seine Medienabteilung verbreiten. Die «SonntagsZeitung» schrieb in einem Kommentar über Infantino: «Der Totengräber des Fussballs.» Er ist noch immer da.

Eines, nur eines, hat er bislang im Zusammenhang mit dem Milliardenprojekt erreicht: Das ist eine neue Club-WM ab 2021, bei der 24 statt 7 Mannschaften teilnehmen. Der sportliche Wert ist gleich null. Infantino ist das herzlich egal. Hauptsache, er kann behaupten, etwas Neues eingeführt zu haben.

Zu seiner Grossmannssucht passt ebenso, die WM weiter aufzublähen. Dabei hat er sogar seine eigenen Pläne übertroffen, 2026 werden nicht nur 40, sondern gar 48 Mannschaften an der Endrunde teilnehmen. Wer als Fussballer so schlecht war wie einst Infantino, den braucht nicht weiter zu kümmern, dass mit einem solchen Teilnehmerfeld das Jekami noch grösser wird. Er hat andere Hintergedanken: Je mehr Nationen teilnehmen können, desto eher sichert er sich seine Hausmacht. Nicht umsonst stehen Afrika, Asien, die Karibik und Ozeanien hinter ihm.

Der Sturm um Lauber

Infantino wollte, dass schon die WM 2022 in Katar aufgestockt wird. Weil das die Kapazitäten von Katar gesprengt hätte, dachte er daran, einen Teil der WM auszulagern – nach Saudiarabien, Bahrain oder in die Arabischen Emirate. Das sind genau die Länder, die Katar seit Jahren boykottieren. Infantino hatte wohl einen Hintergedanken: Wenn er sie alle versöhnt hätte, hätte ihm das vielleicht den Friedensnobelpreis eingebracht. Mit dem hatte auch schon Blatter vergeblich spekuliert.

Der Walliser, also Gianni Infantino, ist auch mitten im Sturm, der um Bundesanwalt Michael Lauber losgebrochen ist. Dreimal hatte er ihn für informelle Gespräche getroffen, wobei sich beide nur an zwei Termine erinnern wollen. Lauber sollte den Korruptionssumpf um die Fifa aufklären. Gemäss einem internen Papier war Infantino grosszügig genug, ihm seine Mitarbeit zu versichern. Die ganze Geschichte ist staatspolitisch weniger für Infantino ein Problem als für Lauber. Der Bundesanwalt steht nun im Verdacht, nicht mehr unabhängig zu sein.

Heute um 9 Uhr wird Infantino den Kongress eröffnen. Der 49-Jährige ist der Präsident, unter dem die Fifa kein wenig besser angesehen ist als unter Blatter. Dafür unterscheidet er sich zu wenig von seinem geschmähten Vorgänger. Auch er gibt sich so, als wäre der Fifa-Sitz eine Aussenstelle von Versailles.

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