Favre und Dortmund – kommt das gut?

«Favre würde im Supermarkt verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden kann», sagte einst Hoeness. Jetzt muss sich der Romand beweisen.

Zurück in der Bundesliga: Favre steht vor seiner grössten Aufgabe. Archivfoto: Imago

Zurück in der Bundesliga: Favre steht vor seiner grössten Aufgabe. Archivfoto: Imago

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Manchmal dauert es auch bei Lucien Favre etwas länger, bis er bekommt, was er möchte. In seinem Fall hat er ein ganzes Jahr warten müssen, um frei zu werden für Borussia Dortmund. Nun hat Favre im Ruhrgebiet einen Vertrag unterschrieben.

Dortmund bekommt den Trainer nicht gratis. Drei Millionen Euro muss es nach Nizza überweisen, um Favre aus dem bis 2019 laufenden Vertrag freizukaufen. Das ist nicht viel Geld für einen Verein, der in der Saison 2016/17 bereits 405 Millionen Euro Umsatz erzielte und in den letzten zehn Monaten für die Verkäufe von Ousmane Dembélé an Barcelona und Pierre-Emerick Aubameyang an Arsenal zusammen 164 Millionen Euro einnahm.

60 wird Favre im November, die Haare sind schon länger grau. Die Borussia wird die spektakulärste Aufgabe in seiner Karriere als Trainer, die 1991 bei den Junioren von Echallens begann. Sie ist viel grösser als alles, was er bisher gesehen hat: als der FC Zürich, Hertha Berlin, auch als Mönchengladbach, erst recht als OGC Nice. Ihre Anziehungskraft ist so eindrucksvoll wie einschüchternd: 80'000 Zuschauer stellen Spiel für Spiel ihre Ansprüche.

«Favre würde im Supermarkt verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden kann.»Dieter Hoeness

Die Borussia und Favre: Es ist eine ganz spannende Kombination. Hier der Verein, der sich in einer schlimmen Saison selbst zerlegt hat und vor einem Neuanfang steht; da der Trainer, der bekannt dafür ist, sich mit Entscheiden schwerzutun. Aus Berliner Tagen ist das Bonmot von Dieter Hoeness überliefert, der Favre als Manager einst verpflichtete: «Favre würde im Supermarkt verhungern, weil er sich nicht zwischen Wurst und Käse entscheiden kann.»

Auf Verlässlichkeit angewiesen

Favre ist unberechenbar. Mit dem FCZ wurde er 2007 Meister, verhandelte aber hinter dessen Rücken mit der Hertha. Später, im September 2015, hatte er bei Mönchengladbach für sich beschlossen, dass er nach fünf Niederlagen nicht mehr weiterkommen würde. Er verliess die Borussia durch die Hintertür, ohne ihre Vorgesetzten rechtzeitig zu informieren. Die fanden sich in Schockstarre wieder.

Kaum in Nizza angekommen, liess Favre via seinen Berater durchblicken, dass es ihn in die Bundesliga zurückziehe. Der erste Wechsel nach Dortmund scheiterte noch am Veto der Südfranzosen.

Aber jetzt ist Favre am Ziel und bei einem Verein, der dringend auf Verlässlichkeit angewiesen ist, auf eine klare Ordnung und einen Trainer, der weiss, was er will. Er ist bei einem Verein, dessen Chef Hans-Joachim Watzke nach dem Abgang von Volkstribun Jürgen Klopp im Sommer 2015 mit der Wahl der Trainer nicht glücklich geworden ist.

Matthias Sammer ist ein schonungsloser Kritiker. Es wird spannend zu sehen sein, wie er mit Favre funktioniert.

Da war erst Thomas Tuchel, ein überragender Fachmann, aber menschlich offensichtlich nicht kompatibel mit Watzke und darum vor einem Jahr trotz Cupsieg vertrieben. Dann kam Peter Bosz, der furios begann, aber mit seinem naiven Fussball ebenso furios abstürzte. Zuletzt hangelte sich Peter Stöger von Spiel zu Spiel, bis er mit Ach und Krach die Qualifikation für die Champions League erreichte.

Stöger verzweifelte mit der Zeit an der übersteigerten Erwartungshaltung in Dortmund und an einer Mannschaft, die disziplinarische Probleme hatte und alles andere als harmonisch funktionierte. Viele Spieler, gerade auch Roman Bürki, liessen die Konstanz vermissen, die je 30 Millionen Euro teuren Einkäufe wie Götze, Schürrle oder Yarmolenko erwiesen sich mit der Zeit als Fehlgriffe.

«Ich wünsche uns nun allen viel Selbstkritik und ehrliche Analysen», sagt Nuri Sahin. Er gehört zu den vielen Spielern, die diese Saison sportlich durchgefallen sind, aber immerhin ist er ein wortstarker Charakter, der das Problem auf den Punkt bringt. Wenn er nun Selbstkritik «von A bis Z» anmahnt, dann meint er nicht nur die Spieler, sondern auch die Vorgesetzten.

Geschäftsführer Watzke hat schon einmal vorgesorgt und Matthias Sammer als Berater engagiert. Das ist ein deutliches Zeichen, denn Sammer, früher als Spieler und Trainer Meister mit der Borussia, ist ein schonungslos offener Analytiker und Kritiker. Es wird spannend zu sehen sein, wie er und Favre zusammen funktionieren.

Fragezeichen Lichtsteiner

Favre wird viel zu tun haben. Er muss auch entscheiden, ob er nach Roman Bürki, Manuel Akanji und Marwin Hitz mit Stephan Lichtsteiner einen weiteren Schweizer im Kader haben will. Die «Süddeutsche Zeitung» behauptet, Favre sehe Lichtsteiner skeptisch. Dabei wäre der Captain der Nationalmannschaft mit seiner Mentalität nach sieben Erfolgsjahren bei Juventus genau das, was Dortmund dringend gebrauchen könnte. Er hat allerdings auch noch andere Optionen.

Nuri Sahin wünscht sich ganz viel Selbstkritik: nicht nur von den Spielern, sondern auch von den Vorgesetzten.

Bei all der Arbeit, die auf ihn wartet, hilft es Favre nur, dass ihm egal ist, ob er an der Côte d’Azur oder im Kohlenpott wohnt; und dass er vom Fussball nie genug bekommen kann. Was Dortmund wiederum mit ihm erhält, ist aber nicht nur ein Zauderer, sondern auch ein glänzender Ausbildner. In Zürich hat er Inler, Abdi, Dzemaili oder Raffael geformt, in Mönchengladbach Reus, Kramer, Kruse oder Xhaka. Und in Nizza hat er es während zweier Jahre geschafft, den ziemlich extravaganten Mario Balotelli so unter Kontrolle zu halten, dass von ihm keine Eskapaden bekannt geworden sind.

Am Montag trat die Borussia für ein Tingeltangel-Spiel noch in Zwickau auf, am Donnerstag tut sie es in der Nachbarschaft, in Herne. Stöger ist bei einem Gehalt von zwei Millionen Euro für sechs Monate Arbeit professionell genug, sich dafür noch auf die Bank zu setzen, bevor eine fünftägige PR-Reise nach Los Angeles folgt. In sechs Wochen beginnt Favres Zeit. Bis dann sollen Spieler mit Qualität und gesunder Mentalität verpflichtet sein. «Wir werden das Augenmerk verstärkt auf Werte wie Disziplin, Teamgedanken und Gemeinschaftsgefühl legen», betont Sportdirektor Michael Zorc.

Worauf Sahin sagt: «Schaden kann das ja nicht.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2018, 11:14 Uhr

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