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«Eine völlige Schnapsidee»

Erich Vogel war Sportchef, Trainer und Vizepräsident der Grasshoppers. Vom GC-Exil in Aarau hält er überhaupt nichts, von der Führung des Klubs auch nicht allzu viel.

«Ich habe insgesamt 35 Jahre meines Lebens bei GC im Hardturm verbracht»: Erich Vogel.
«Ich habe insgesamt 35 Jahre meines Lebens bei GC im Hardturm verbracht»: Erich Vogel.
Keystone

Erich Vogel, steckt der Schweizer Fussball in der Krise?Wie kommen Sie darauf?

Die Schlagzeilen waren in den vergangenen Wochen wenig verheissungsvoll: verzögerter Bau des Zürcher Fussballstadions, gefährdete Lizenz für den Traditionsklub GC, steigende Sicherheitskosten.Sie sehen das Positive nicht: Fünf neue Stadien sind schon da, zwei sind im Bau, zwei weitere bewilligt, es fehlen nur Bellinzona, Sitten und Zürich. Ein Problem ist sicher, dass es in Lausanne und Genf keinen Spitzenfussball mehr gibt – da fehlen den Jungen einer ganzen Region die Identifikationsfiguren. Die Liga hat die verdammte Pflicht, Lausanne und Servette in irgendeiner Form zu unterstützen, damit diese beiden Traditionsvereine möglichst rasch den Aufstieg schaffen. Im amerikanischen Profisport wäre das längst passiert.

In der Schweiz geht das nur mit den nötigen Punkten.Ein heikles Thema, aber wir sind hier im Showbusiness. Es geht doch nicht an, dass die talentierten jungen Fussballer in der Romandie auf Eishockey oder Basketball ausweichen, nur weil ihnen die lokalen Vorbilder im Fussball fehlen.

Sie würden Lausanne und Servette per Dekret in die oberste Liga holen, wenn Sie Ligapräsident wären?Ich würde alles dafür tun. Aber fragen Sie mich nicht wie.

Der Schweizer Klubfussball hat schon ohne solche Aufstiegshilfen das eine oder andere Imageproblem.Das wird überschätzt. Ich sage Ihnen jetzt mal etwas Positives: In den 80er- und 90er-Jahren wurden noch viele Schweizer Vereine von zwielichtigen Persönlichkeiten geführt. Einige von ihnen standen vor Gericht, insgesamt sassen 6 Ex-Präsidenten total rund 20 Jahre im Gefängnis, einer brachte sich um. Das haben wir heute nicht mehr, oder?

Es gibt noch ein paar Grenzgänger, etwa den Präsidenten des FC Sion.Da müssen Sie klar unterscheiden – Christian Constantin mag die eine oder andere Macke haben, aber er ist finanziell potent und ein genialer Verkäufer dazu. Ich weiss, wovon ich rede, er war mein Ersatzgoalie, als ich Trainer bei Xamax war. Er ging damals schon mit dem Kopf durch die Wand. Aber das heisst nicht, dass er über kriminelle Energie verfügt. Heute haben wir im Schweizer Fussball eine Reihe ehrenwerter Leute: Bei YB die Gebrüder Rihs, die mit Sonova eine Weltfirma aufgebaut haben, beim FC Basel Gigi Oeri, verheiratet mit einem Roche-Mitbesitzer. Ich war selber beim FCB tätig und habe sie erlebt. Frau Oeri mag ein paar Fehler gemacht haben, aber es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie die Macht an einen Nachfolger abgeben konnte und eine gute Nase bei der Wahl von Bernhard Heusler bewies. Das kann man bei GC nicht behaupten.

Für welchen Klub schlägt Ihr Herz eigentlich?Schauen Sie, ich begann mit 13 Jahren als Junior bei GC, spielte danach jahrelang bei den Junioren, dreimal in einem Freundschaftsspiel mit der ersten Mannschaft, war danach 10 Jahre Juniorentrainer, dann 3 Jahre Trainer bei GC, danach 11 Jahre Sportchef, 1 Jahr General Manager, am Schluss Vizepräsident. Ich habe insgesamt 35 Jahre meines Lebens bei GC im Hardturm verbracht – da darf man vermuten, dass mich das Schicksal dieses Klubs nie kaltlassen wird.

Sie sind GC-Fan?So simpel ist das nicht. GC hat mich auch dreimal entlassen. Da bleibt jedes Mal eine Wunde zurück. Als Fan kann man lebenslang treu sein. Als Profi nicht, da kann man nach der Entlassung nur für die Konkurrenz arbeiten. Ich habe dann als Sportchef alles für den FC Basel gemacht – auch gegen GC. Ich habe ihnen damals Hakan Yakan für 225'000 Franken abgekauft und war froh, dass sie nicht drauskamen und diesen Spieler so billig abgaben. Er war 3 Millionen wert.

Der Letzte, der Sie bei GC entliess, war Roger Berbig – ein Freund?Ja.

Eine persönliche Enttäuschung?Vom Verstand her nein. Der Zentralvorstand wollte mich weghaben und machte Druck auf ihn. Ich sagte Berbig, ich hätte keine Probleme, meinen Stuhl zu räumen, aber das komme teuer, und der Nächste, der gehen müsse, sei er. Wenn man einem solchen Druck nachgibt, trifft es nachher einen selbst. Und so war es drei Monate später. Mein Weggang kostete Heinz Spross 3 Millionen.

So hoch war Ihre Abfindung?Nein, ich habe nichts verlangt und nichts erhalten. Man hat danach aber Spieler zu billig verkauft und Fehleinkäufe getätigt, das Kader war viel zu gross.

Heute hat GC ein weiteres Problem: Die Letzigrund-Miete ist dem Klub zu hoch. Man erwägt, nächste Saison in Aarau oder Emmenbrücke zu spielen. Eine gute Idee?Eine völlige Schnapsidee. Der Letzigrund müsste GC und dem FCZ gratis zur Verfügung stehen. So ist es schliesslich auch beim Opernhaus.

Inzwischen wird das GC-Exil in Aarau ernsthaft diskutiert.Ja, die Verantwortlichen finden die Idee offenbar gut. Aber das würde für GC den totalen Identitätsverlust bedeuten. Man müsste mit einem Zuschauerdurchschnitt zwischen 2000 und 3000 pro Spiel rechnen, Sponsoren und Investoren würden abspringen. Angesichts der schlechten sanitären Anlagen würden keine Frauen mehr kommen. Der Rasen auf dem Brügglifeld würde angesichts der Doppelbelastung zu einem Acker werden – und Sforza könnte seinen Kombinationsfussball vergessen. Er müsste spielen lassen wie Trainer Rolf Fringer in Luzern, weite Bälle nach vorne. Dieser Fussball liegt Sforza nicht, da können sie ihn gleich wegschicken. Und nicht einmal das strukturelle Defizit würde sich so verringern, weil den Einsparungen entsprechend geringere Einnahmen entgegenstünden.

Und es würde die Marke GC ruinieren?Völlig. Es mag in den USA möglich sein, eine Mannschaft von einer Stadt in die andere zu verpflanzen – in der Schweiz nicht.

Ist die Idee amerikanisch inspiriert?Das weiss ich nicht. Mir scheint eher, Präsident Linsi ist auf dem Absprung und will zuvor noch beweisen, dass er alles gemacht hat, um GC zu retten. Ursprünglich hat man ihn geholt, damit er Geld beschafft. Das hat nicht geklappt. Das hat damit zu tun, dass er kein Verkäufer ist, eine solche Begabung ist unter Finanzfachleuten selten. Ausserdem ist es schwierig – ich weiss es, ich hatte selber diese Aufgabe.

Nun gab es ja die Hoffnung, alles würde einfacher, wenn Sie mal weg wären.Das Gegenteil ist wahr. Ich hatte Zusagen für 3,5 Millionen Franken jährlich, jetzt ist man bei 1,5 Millionen.

Die Urhoppers waren gegen Sie – warum haben sie nach Ihrem Abgang nicht mehr Geld lockergemacht?Der Donnerstag-Club verliert von Jahr zu Jahr an Einfluss und ist ein kleines Klübchen geworden. Da zahlt jeder seit zwanzig Jahren 8000 Franken jährlich, mehr wollen und können sie nicht. Viele Mitglieder sind nicht mehr berufstätig und müssen ihren Beitrag aus dem Ersparten zahlen. Da habe ich ein gewisses Verständnis, dass sie nicht mehr zahlen wollen.

Dahinter steht aber ein mächtiger Zentralvorstand mit gesellschaftlichen Notabeln.Genau da liegt das Problem. Der Zentralvorstand hält alle Aktien und wechselt laufend das Personal aus. In zehn Jahren gab es fünf Fussballpräsidenten, vier von ihnen verstanden nichts von Fussball. Sie ernannten sechs Sportchefs, unter ihnen drei Anfänger. Ausserdem gab es fünf Geschäftsführer und insgesamt neun Trainer. Wenn Sie bei Tamedia eine solche Fluktuation auf der Führungsebene hätten, wären Sie heute auch pleite.

Geht das Konzept auf, drei Jahre zu überwintern und danach den Investor mit einem neuen Stadion zu suchen?GC lebte immer von einem Transferüberschuss. Früher waren wir die Nr. 1 in Scouting und Ausbildung – diese Sonderstellung hat der Klub verloren.

Unter Ihrer Führung.Das wird behauptet, ja. Aber schauen Sie die Fakten an: In der Schweizer U-17, die 2009 Weltmeister wurde, stammten 6 Spieler von GC – 4 von ihnen hatte ich geholt. Allein 2 von ihnen, Seferovic und Ben Khalifa, brachten über 5 Millionen Transfererlös ein.

Früher versuchte man, die jungen Grosstalente wenigstens so lange in der Schweiz zu halten, bis sie hier in der Liga den Durchbruch geschafft hatten.Beim Entscheid, sie wegzugeben, war ich nicht mehr dabei. Ausserdem waren diese Spieler extrem schlecht beraten. Was mit einem Ben Khalifa passiert, ist eine Katastrophe. Er geht zu Wolfsburg, dem VW-Club, der ihm keine Zeit geben kann, weil man sich möglichst rasch wieder für die Champions League qualifizieren will. Jetzt ist er mit Nürnberg im Abstiegskampf. Der Trainer hat schon gesagt, Ben Khalifa wäre gescheiter bei GC geblieben. Das ist das Todesurteil für einen jungen Spieler.

Kann man einen Jungen halten, wenn er wegwill?Das ist schwierig. Es braucht hohe Sozialkompetenz, um mit den Jungen umzugehen. Basel gibt einem Shaqiri oder Stocker denselben guten Vertrag wie einem Ausländer, den sie holen. Darum bleiben die Talente länger. Viele andere Vereine versuchen hingegen, die eigenen Jungen über den Tisch zu ziehen. Meine Nachfolger bei GC haben insgesamt 104 Junioren geholt. 90 mussten sie wieder wegschicken, das ist jedes Mal eine persönliche Tragödie.

Was bringt Erfolg?In St. Gallen oder Luzern muss man keinen Kombinationsfussball spielen lassen. Die Zuschauer wollen die Spieler kämpfen sehen, da muss alles direkt nach vorne gehen. Luzerns Trainer Fringer lässt einen Powerfussball spielen, auf dem Acker, den sie haben, werden sie es dieses Jahr weit nach vorne bringen. Das ist Fringers Genialität: Er sieht ganz genau, was auf diesem Rasen mit dieser Mannschaft möglich ist. Nächstes Jahr auf dem schönen Rasen im neuen Stadion mit Riesenpublikum werden sie viel mehr Probleme haben.

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