Eine Ohrfeige, die richtig schmerzt

Bei den Young Boys sitzt die Enttäuschung nach der klaren Niederlage in Luzern tief.

Schock, Frust und Leere bei YB nach der Niederlage im Cup-Viertelfinal.

Schock, Frust und Leere bei YB nach der Niederlage im Cup-Viertelfinal.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Es ist eine Mischung aus Schock, Frustration und Leere, mit der die Protagonisten der Young Boys nach der heftigen 0:4-Niederlage im Cup-Viertelfinal in Luzern unterwegs sind. Nicht nur Trainer Gerardo Seoane («wir haben verdient verloren») und Sportchef Christoph Spycher («wir haben unsere Leistung nicht gebracht») bleiben ruhig und souverän, auch die Fussballer analysieren den überraschenden Absturz sachlich.

«Niemand hat erwartet, dass wir jeden Match bis Ende Saison gewinnen», sagt Christian Fassnacht. «Aber das ist natürlich eine Ohrfeige, die sehr weh tut.» Loris Benito erklärt, YB sei nicht richtig in die Zweikämpfe gekommen und habe vor der Pause leider ein paar gute Gelegenheiten vergeben. «Erzielen wir das 1:0 bei unserer Riesenchance nach wenigen Sekunden, läuft es vielleicht anders.»

Benito spricht Djibril Sows Gelegenheit an, als der Mittelfeldspieler alleine vor dem Luzerner Tor FCL-Keeper David Zibung anschoss. Verteidiger Grégory Wüthrich schliesslich findet, die Young Boys seien von den aggressiven, zielstrebigen Gastgebern nicht überrascht worden. «Wir hatten gewusst, wie sie spielen werden. Leider ist es uns nicht gelungen, eine Topleistung abzurufen.»

Unerklärlicher Einbruch

Auf der Suche nach Gründen für den ungenügenden Auftritt tun sich die Vertreter der Young Boys schwer. «Es gibt manchmal solche Spiele, in denen es nicht läuft”, sagt Sportchef Spycher. «Aber es ist sehr bitter, haben wir ausgerechnet im Cup derart enttäuscht.»

Im Prinzip war der Viertelfinal in Luzern das vorerst mit Abstand wichtigste Spiel der Rückrunde, 19 Punkte Vorsprung in der Super League wird YB kaum mehr verspielen. «Wir hatten nach der Winterpause viermal zu null gespielt und in fünf Partien nur ein Tor erhalten», sagt Benito, «auch deshalb ist es schwer verständlich, was heute passiert ist.»

Er glaubt nicht, dass sich die Young Boys nach den Last-Minuten-Siegen zuletzt in Lugano und gegen Sion (1:0) zu sicher gefühlt hatten. «Nein, nein», sagt Benito, «uns war allen bewusst gewesen, dass das ein schwieriges Cupspiel wird und unsere Bilanz aus der Liga nichts zählt.»

Auch von einer fehlenden Spannung im Team angesichts der Dominanz (und Langeweile) in der Super League will bei YB keiner etwas wissen. «Wir waren bereit», sagt Wüthrich, «das zeigen ja auch unsere späten Toren zuletzt.»

Und Fassnacht meint, eher sei das Gegenteil der Fall: «Cup ist Cup, es gibt nur Sieg oder Niederlage. Wir waren motiviert und konzentriert, aber konnten leider nach der Pause nicht mehr reagieren.» Der «tiefe Boden» (Sportchef Spycher) sei schwierig gewesen, was insbesondere für jene Mannschaft galt, die den Ball mehr in den Reihen hatte. «Die Luzerner haben das mit ihren langen Bällen stark gemacht», sagt Fassnacht.

Auch Hoarau nicht zu ersetzen

Der Schock nach dem zweiten Gegentor nach rund einer Stunde Spielzeit bei den Young Boys war augenfällig gewesen. «Es mag sein, dass wir es nicht gewohnt waren, einem Rückstand hinterher zu laufen», sagt Benito, «aber das ist trotzdem keine Erklärung für unseren Einbruch.»

Apathisch und orientierungslos agierte YB nach dem 0:2, keiner lehnte sich auf, die erfahrenen Akteure fehlten. «Wir hatten uns vor der Begegnung sogar extra noch gesagt, dass wir nun ohne unsere Routiniers zeigen können, was in uns steckt», sagt Wüthrich.

Dieser Versuch ging gründlich schief. Die Abwehr war ohne den gesperrten Steve von Bergen orientierungslos, die jungen Djibril Sow, Michel Aebischer und Sandro Lauper sind ausgezeichnete Fussballer, vermögen aber noch keine Verantwortung zu übernehmen, wenn es nicht läuft.

Im zentralen Mittelfeld wäre der in der Winterpause verkaufte Sékou Sanogo deshalb gerade in solchen Kampfspielen wertvoll. Und in der Offensive sind die verletzungsanfälligen Guillaume Hoarau (22 Skorerpunkte diese Saison) und Miralem Sulejmani (21 Skorerpunkte) nicht zu ersetzen – zumal Christian Fassnacht und Nicolas Ngamaleu derzeit nicht besonders spritzig wirken.

Und die Stürmer Roger Assalé sowie Jean-Pierre Nsame weit von der Effizienz Hoaraus entfernt sind. «Wir hatten immer noch eine starke Mannschaft auf dem Rasen», sagt Benito, «und dürfen unsere Abwesenden nicht als Entschuldigung nehmen.»

Nun träumt Luzern

Auch Sportchef Christoph Spycher betont, dass im YB-Team auch in Luzern genügend Klasse steckte. «Da waren mehrere Nationalspieler dabei und Akteure, die auch in der Champions League bewiesen hatten, über welches Potenzial sie verfügen.»

Doch auch die Überflieger Kevin Mbabu und Lauper (nach Verletzungen) sowie Sow und Fassnacht enttäuschten am Mittwochabend schwer. Und so bleibt am Ende das Fazit von Christoph Spycher: «Wir müssen diese Niederlage akzeptieren und uns sofort wieder auf die Meisterschaft konzentrieren. Schon am Samstag geht es in Zürich gegen GC weiter.»

Das lange Warten der Young Boys auf einen Cupsieg geht derweil weiter. Sie triumphieren in dieser Saison nicht 32 Jahre nach dem letzten Titelgewinn – wie sie es letztes Jahr in der Meisterschaft getan hatten. «Wir hatten eine interessante Ausgangslage», sagt Christian Fassnacht, «und es schmerzt, haben wir diese nicht ausgenutzt.»

Nun trifft der FC Luzern im Halbfinal Ende Mai zu Hause auf Thun und träumt vom Einzug in den Final im Stade de Suisse gegen Zürich oder Basel.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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