Eine Niederlage im Sinn der Liga

YB verliert im 10. Saisonspiel erstmals. Beim 2:3 zu Hause gegen einen leidenschaftlichen FC Luzern wird der Leader auch wegen Fehlentscheidungen der Spielleiter gestoppt.

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Fabian Ruch

Es ist ein Samstagabend mit ganz vielen Geschichten im Stade de Suisse. Mit über 25'000 Zuschauern, spektakulärem Spielverlauf und wilder Torfolge (0:1, 2:1, 2:3). Mit vier Treffern ab der 68. Minute, mit krassen Fehlentscheidungen der Spielleiter, mit einem erstaunlichen Ausgang, weil Leader YB erstmals verliert, der kriselnde Aussenseiter Luzern dagegen seine Talfahrt nach drei Niederlagen in Folge stoppt. Und mit überbordenden Emotionen.

Wäre alles so gelaufen, wie man es zehn Minuten vor Spielende dachte, würde Jean-Pierre Nsame, der Superjoker der Liga, im Mittelpunkt der Berichterstattung zum zehnten Sieg der Young Boys am 10. Spieltag stehen. Nach schwacher erster YB-Hälfte wurde Nsame eingewechselt, wie 161 Tage vorher, als er ebenfalls als Kurzarbeiter nach 0:1-Rückstand schliesslich das Meistertor zum 2:1 gegen Luzern erzielt hatte.

Sturmlauf nach der Pause

Damals, am für YB längst legendären 28. April 2018, war Gerardo Seoane als FCL-Coach bei der Berner Titelparty als Gast dabei gewesen. Dieses Mal sieht der bald 40-Jährige als Trainer der Young Boys, wie sein Team in der ersten Halbzeit fehlerhaft agiert, schwerfällig und zögerlich. Und wie die Luzerner mit hoher Laufbereitschaft und Solidarität nicht unverdient in Führung gehen. Nach einem Einwurf des Spezialisten Christian Schwegler, einst bei YB engagiert, verlängert Pascal Schürpf auf Shkelqim Demhasaj, der mit einem Kopfball nach einer Viertelstunde das 0:1 realisiert. Der Favorit tut sich schwer, er reagiert erst nach der Pause.

In der zweiten Halbzeit aber spielen die Young Boys den Gast an die Wand. Sie treffen durch Nicolas Ngamaleu den Pfosten und durch Christian Fassnacht die Latte, sie hätten nach einem Foul Schweglers an Ngamaleu einen Elfmeter erhalten sollen, sie vergeben allerbeste Möglichkeiten, erzielen aber in der 68. Minute doch noch den Ausgleich. Es ist ein Tor, wie es für dieses YB steht: Loris Benito zirkelt die präzise Flanke auf Guillaume Hoarau, der mit einem wuchtigen Kopfball reüssiert.

Bald folgt der Auftritt Nsames, als die tapferen Luzerner in der 79. Minute nach einem eigenen Eckball in einen Konter laufen, den Nsame einleitet und nach starkem Zusammenspiel mit Thorsten Schick vollendet. «Ich weiss nicht, wie wir diese Partie noch verlieren konnten», sagt Schick, «wir hatten doch alles im Griff.»

Das Abseitstor zum 2:3

In der turbulenten Schlussphase mit bemerkenswertem Unter­haltungswert schlägt der eigentlich geschlagene FCL zurück, es ist eine angesichts der Stärke­verhältnisse sensationelle Entwicklung. Zuerst drischt Marvin Schulz den Ball von ausserhalb des Strafraums wunderbar in die entfernte hohe Ecke, dann scheitert der kräftige Blessing Eleke nach 50-Meter-Sturmlauf an Goalie David von Ballmoos.

Beide Teams suchen mit offenem Visier den Sieg, YB zu naiv, und so treffen die Luzerner in der 87. Minute tatsächlich ein drittes Mal. Es ist ein irreguläres Tor, Eleke steht nach dem Lattenschuss Filip Ugrinics aus 30 Metern im Abseits. Eleke scheitert erneut an von Ballmoos, den Nachschuss spediert Stefan Knezevic ins Netz.

Der FCL feiert den über­raschenden Erfolg im Stade de Suisse angemessen, Trainer René Weiler lobt Moral und Lust seines Teams, Schwegler schwärmt von der Leidenschaft der Luzerner und gibt zu, dass der Erfolg ein wenig glückhaft sei. «Aber gegen YB braucht es das, um zu gewinnen.» Die Young Boys wiederum ärgern sich sehr über die erste Saisonniederlage, Gerardo Seoane spricht gar von einem Schock. «Es ist gut für die Liga», meint derweil Weiler, «wenn YB nicht jedes Spiel gewinnt.»

Protest gegen Videoreferee

So kann man das aus Gründen der Spannungserhaltung in der Su­per League betrachten. Und die Young Boys müssen ihr mangelhaftes Defensivverhalten analysieren. Bitter für sie sind die Fehler von Schiedsrichter Lukas Fähndrich gleichwohl. «Wir hätten nach dem 2:1 cleverer agieren können. Aber wir haben auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass es für uns hätte einen Elfmeter geben müssen, dass Eleke vor dem 2:3 klar im Abseits stand und dass vier Minuten Nachspielzeit angezeigt wurden, das Spiel aber bereits nach drei Minuten beendet wurde», sagt Christoph Spycher. Und der YB-Sportchef meint: «Das waren etwas gar viele Fehlentscheide.»

Es passt zu diesem verrückten Abend, rollten die Luzerner Fans genau in jener Sekunde ihr Transparent zusammen, mit dem sie gegen die Einführung der Videoschiedsrichter (VAR) in der Super League ab 2019 protestiert hatten, als Knezevic nach seinem Siegtor zum FCL-Fanblock rannte. Mit VAR hätte YB diese Be­gegnung nicht verloren. Den Rest der Liga stört es nicht, wurde er am Samstagabend noch nicht eingesetzt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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