Eine deutsche Mannschaft in bedenklichem Zustand

Der Weltmeister von 2014 zerfällt beim 0:3 in Holland. Nicht alle Spieler schätzen die Leistung danach realistisch ein.

«Eine sehr brutale und enttäuschende Niederlage», sagt Joachim Löw. Video: AFP.

Der Moment, in dem die deutsche Nationalmannschaft schwere Erschütterungen heimsuchten, war ein geradezu physisches Ereignis. Mats Hummels ruderte am Fernsehmikrofon aufgeregt mit den Armen. Manuel Neuer warf sein Torwarttrikot auf den Amsterdamer Fussballrasen. Und Joachim Löw fasste sich an die Nase und marschierte ohne Glückwünsche für den gegnerischen Trainer in die Kabine. Man brauchte nicht einmal besonders nah dran sein, um das Desaster förmlich greifen zu können. Die Gefühlswallungen prasselten aus allen Beteiligten heraus, und sie hatten allen Grund dazu.

Das 0:3 (0:1) gegen Holland im zweiten Gruppenspiel der Nations League wirkte wie eine ganze Salve an Nierenschlägen. Treffer auf Treffer, zielgenau und schonungslos, «das tat schon sehr weh heute», wie Toni Kroos später sagte, als es im Schweissdunst der Katakomben um die Aufarbeitung ging.

Es war ein Abend, der sich tief hineinfräste ins Selbstverständnis dieser Elf, die sich vor wenigen Monaten noch Weltmeister nennen durfte. Es war ein Abend, der zwei Lager hervorbrachte: Diejenigen Nationalspieler, die auch nach einem 0:3 davon erzählten, dass doch eigentlich vieles gestimmt habe - und jene, die zu Selbstkritik in der Lage waren.

Der Fehler von Neuer

Zwischen den beiden Lagern befand sich der Bundestrainer, der nach diesem erneuten Reinfall mehr denn je um seine Position kämpfen muss. «Das war eine sehr brutale und enttäuschende Niederlage», sagte Löw, «was nicht passieren darf, ist, dass wir in den letzten zehn Minuten so auseinander fallen, dass da keiner die Verantwortung übernimmt.»

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Dabei konnte einen nicht nur jene Schlussphase schockieren, als die Holländer durch zwei Überfalltore von Memphis Depay (87. Minute) und Georginio Wijnaldum (90.) einen verdienten Sieg herausschossen, sondern auch weite Teile der vorangegangenen Darbietung.

Das 0:1 von Virgil Van Dijk (30.) war aus einem Fehler von Neuer beim Herauslaufen nach einer Ecke entstanden. Zu keinem Zeitpunkt sah es danach ernsthaft so aus, als könne das DFB-Team die Sache noch umbiegen. Die Nationalelf hat sich unter Löw in diesem Jahr vom Weltmeister zu einer Mannschaft in bedenklichem Zustand entwickelt, das offenbarte diese Nacht in Südost-Amsterdam in vielen Facetten.

Rücktritt? Das sass.

Und es sieht derzeit nicht so aus, als könne der Bundestrainer diese Entwicklung stoppen. Auf der Pressekonferenz musste sich Löw sogar die Frage nach einem abrupten Ende seiner Amtszeit nach 12 Jahren gefallen lassen. Rücktritt? Das sass.

«Im Moment» sei er nicht zu der Entscheidung gelangt, aufzuhören, antwortete er einigermassen empört. Nach Löws Empfinden sind solche Debatten eine Ungeheuerlichkeit – geführt werden sie im Jahr mit den meisten Länderspiel-Pleiten (fünf) seit 1985 natürlich trotzdem. Die Deutung dieses kaum für möglich gehaltenen Aufpralls hat Löw nicht mehr in der Hand.

Längst ist klar, dass seine Schlüsse nach dem WM-Debakel keine Verbesserung gebracht haben, sondern eher einen weiteren Rückschritt. Gleich neun WM-Fahrer hatte er in seine Startelf beordert, dazu den Debütanten Mark Uth im Sturm und Rückkehrer Emre Can – ein Neustart mit frischem, aufstrebenden Personal sieht anders aus.

Mats Hummels lieferte die verblüffendste Einordnung

Und so rangen die Spieler nach einem Auftritt ohne Wucht, ohne Dynamik, ohne Plan, ohne Tempo und ohne jeglichen Glauben an die eigene Stärke um eine Einordnung. Die verblüffendste lieferte Mats Hummels, der feststellte, dass man «das Spiel eigentlich gewinnen» müsse. «Wir werden jetzt auf die Fresse kriegen, dabei können wir uns nicht viel vorwerfen.» Was an Kritik von den Medien komme, sei «respektlos».

Zur Fraktion jener, die sich schwer taten mit Selbstkritik, zählte auch Kroos, der fand: «Wir haben viele vernünftige Dinge gemacht, aber uns nicht belohnt.» Solche Aussagen erstaunen, denn im Grunde wäre eine solche Belohnung nur ein einziges Mal wirklich möglich gewesen, als der viel zu spät eingewechselte Leroy Sané freistehend mit links das Tor der Holländer verfehlte.

Ganz anders hörte sich die Einordnung des Spiels dagegen bei Joshua Kimmich, Manuel Neuer und Julian Draxler an, die im Gegensatz zu den Kollegen sehr konkret wurden. «Es geht alles viel zu langsam bei uns, wir sind berechenbar, da muss dringend eine Lösung her», sagte Draxler, während Kimmich eingestand: «Es bringt nichts, das hier schön zu reden. Wir haben ein schwerwiegendes Problem.» Und Neuer bemängelte gar, dass man sich «aufgelöst» habe, «das war Harakiri». Diese Aussagen geben immerhin eine realistische Selbsteinschätzung wieder.

Trotzdem scheint sich die DFB-Auswahl anno 2018 in einem tiefgreifenden, systemischen Dilemma zu befinden: Es ist die Unfähigkeit, sich im Kollektiv der eigenen Probleme bewusst zu werden – und diese aus dem Weg zu räumen. Der Zeitpunkt könnte schlechter kaum sein: Am Dienstag geht es in Paris gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich. In der aktuellen Verfassung wird die deutsche Elf diese Partie kaum ohne ein paar weitere Watschen überstehen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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