Ein märchenhafter Abschied für Steve von Bergen

Mit dem 4:0 gegen Luzern krönt YB die Meistersaison. Held des Spiels ist der zurücktretende Captain Steve von Bergen.

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Marco Spycher

Aus der Rubrik: Geschichten, die nur der Fussball schreibt. In der Hauptrolle: Steve von Bergen. Am 11. April dieses Jahres verkündete er seinen Rücktritt per Ende Saison. Der YB-Captain ist der Typ, der im Hintergrund rackert und sich nie in den Vordergrund drängt. Im Spiel gegen Luzern kommt er allerdings nicht darum herum. Der Abend gehört ihm alleine.

Von Bergen hat viele herausragende Qualitäten. Eines macht er ganz selten: Tore schiessen. Zwei Treffer erzielte er in seiner Laufbahn: 2004 mit Xamax gegen YB, 2013 in der Serie A mit Palermo gegen Sampdoria. Bei den Young Boys traf er in 235 Einsätzen nie. Bis Samstag. Bis zu seinem letzten Spiel. Bis er endgültig zur Legende wurde. Es wurde spekuliert, ob Guillaume Hoarau ihm in den letzten Partien einen Strafstoss überlässt. Aber wie sich zeigt, ist das gar nicht nötig. «Schade, dass meine Teamkollegen versucht haben, einen Elfmeter für mich rauszuholen. Sie haben nicht an meine Kopfballstärke geglaubt», sagt von Bergen.

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Die Ehrung und die Choreo

Vor Spielbeginn ist im ausverkauften Stade de Suisse alles angerichtet. Die Zuschauer zelebrieren ihre Meisterhelden. Nebst den Feierlichkeiten ist es aber auch Zeit für Verabschiedungen. Während beim FC Luzern noch das Warmlaufen fortgesetzt wird, verschwinden die Gelb-Schwarzen in die Garderobe. Mannschaft und Staff kehren zurück, stellen sich auf, um Spalier zu stehen und den scheidenden Spielern einen würdevollen Abschied zu leisten.

Nach der Verabschiedung von Assistenztrainer Harald Gämperle, Physiotherapeut Matthias Gubler und den Club-Ärzten Andreas Brand und Cuno Wetzel, dem langjährigen Teamarzt der Schweizer Auswahl, folgen die Spielerehrungen. Den Start macht Sékou Sanogo, der in der Winterpause zum FC Ittihad nach Saudiarabien wechselte. Der Ivorer war vom einen auf den anderen Tag weg, eine offizielle Verabschiedung fand nie statt. Aus diesem Grund flog er für dieses Spiel in die Schweiz.

Eine schöne Geste, die vom Publikum mit stehenden Ovationen und Fangesängen gefeiert wird. Dasselbe gilt für Thorsten Schick, der YB verlassen und wohl zurück in die Heimat zu Rapid Wien wechseln wird. Für Loris Benito, der mit Bordeaux in Verbindung gebracht wird. Für Kevin Mbabu, der zu Wolfsburg in die Bundesliga wechselt. Und natürlich für Captain von Bergen. Sie alle haben mit den Tränen zu kämpfen, von Bergen fällt der Abschied am schwersten. Für die anderen geht die Karriere weiter, für den bald 36-Jährigen endet sie.

Und auch an der Choreo merkt man: Es ist von Bergens Abend. Als er sein Team zum letzten Mal als Captain, mit seiner Tochter an der Hand, aufs Feld führt, ziert ein grosses Bild von ihm die Fankurve, mitten im gelben Fahnenmeer. Komplettiert wird das Ganze mit dem Schriftzug: «Häregstange uf u näbem Platz! Merci für di Isatz, Steve!» Ja, von Bergen stand immer hin, er war ein Captain aus dem Lehrbuch. So feucht wie das Wetter, so feucht sind von Bergens Augen. Es ist nicht das letzte Mal an diesem Samstag.

Die Führung und der Rat

Vor lauter Emotionen vergisst von Bergen gar den Gang zum Münzwurf, der für ihn in etwa so ist, wie für viele Menschen am Morgen der Weg zur Kaffeemaschine. Es ist die einzige kleine Unachtsamkeit, die ihm an diesem, an seinem Abend passiert. Die Young Boys spielen offensiv, kommen durch Djibril Sow und Ulisses Garcia zu Möglichkeiten. Letzterer zirkelt nach 27 Minuten einen Freistoss auf den Kopf Guillaume Hoaraus – 1:0. Nachdem «Air France» die letzten vier Saisons auf dem zweiten Platz der Torschützenliste beendete, sichert er sich diese Saison mit 24 Treffern in 28 Spielen die Torjägerkrone.

Und was macht von Bergen? Er spielt noch einmal wie in seinen besten Zeiten. Wobei: Es sind bei YB vielleicht seine besten Zeiten. Er grätscht, was das Zeug hält, bei den Zweikämpfen und vor allem in den Luftduellen behält er die Oberhand, dirigiert die Mitspieler, diskutiert mit dem Schiedsrichter. Und als YB in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit einen Eckball zugesprochen bekommt, bleibt er als Einziger hinten und sichert ab. Genau das ist typisch von Bergen. Den Erfolg der Mannschaft stellt er über persönliche Bedürfnisse.

Ersatzgoalie Marco Wölfli sieht sich in der Pause gezwungen, zu intervenieren, wie von Bergen später erzählt. «Steve, du musst auch mal mit nach vorne gehen!», fordert Wölfli. Zurück auf dem Platz, kniet Wölfli vor von Bergen nieder. Um ihn zu vergöttern? Oder um ihn zu bitten, seinem Rat zu folgen? Aber von Bergen tut dies vorerst nicht. Seine Vorderleute sind bestrebt, die magische 100-Tore-Marke zu knacken, Christian Fassnacht trifft zum 2:0.

Und nach einer Stunde wieder eine Szene, die sinnbildlich für von Bergen steht. Nachdem er den Zweikampf gegen Blessing Eleke verliert, opfert er sich, stoppt ihn regelwidrig und sieht Gelb. Es dürfte ihm so lang wie breit sein.

Das Tor und der Abschied

Eigentlich läuft es YB in dieser Saison durchs Band positiv. Umso bitterer ist es, dass sich Sandro Lauper gegen Luzern ohne Fremdeinwirkung verletzt. Der 22-Jährige wird mit der Krankenbahre abtransportiert, eine schwere Knieverletzung, lautet die erste Diagnose. Am Montag finden weitere Untersuchungen statt. Und als ihn Nicolas Ngamaleu ersetzt, braucht der Kameruner keine zwei Minuten, ehe er sich für das Tor der Saison bewirbt. Nach Fassnacht-Flanke trifft er per Seitenfall-Rückzieher zum 3:0, gespielt sind 70 Minuten.

Nun stellt sich noch eine, ziemlich abenteuerliche, Frage: Gelingt von Bergen dieser eine Treffer? Just zum Anbruch der YB-Viertelstunde liefert der Captain die Antwort. Thorsten Schick legt sich den Ball zum Freistoss bereit. Und siehe da: von Bergen ist mittendrin statt nur dabei. Schick bringt den Ball in den Strafraum und leitet das Märchen ein. Von Bergen hat wohl auf Wölflis Rat gehört, er schleicht sich in die Mitte, köpft den Ball ins Netz und bringt das Stade de Suisse zum Beben.

Seine Kameraden stürzen sich auf ihn, er kann es selber kaum fassen. Und da sind sie wieder, die feuchten Augen, wobei es jetzt doch eher schon Tränen sind. Eine Geschichte, die eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Immer wenn man denkt, diese Mannschaft könne keinen mehr drauflegen, beweist sie das Gegenteil. «Das ist YB-like, schon fast unheimlich, was für Geschichten wir schreiben», meint Fassnacht. Knapp zehn Minuten später ist Feierabend für von Bergen in diesem Spiel. In seiner Karriere.

Die Zuschauer stehen noch einmal auf für ihn, singen für ihn, die Mitspieler umarmen ihn. Schick, Fassnacht und Ngamaleu kämpfen gar mit den Tränen – wie natürlich von Bergen selber. Der Schweizer Fussball verliert eine grosse Figur. Nach 19 Jahren als Profi, beinahe 500 Pflichtspielen, darunter 50 im Nationalteam, nach Stationen in der Schweiz bei Xamax, Zürich und YB, in Deutschland bei Hertha Berlin, in Italien bei Cesena und Palermo, sagt von Bergen also Adieu.

Mit seinem dritten Karrieretor, seinem ersten für YB im letzten Spiel. Mehr Kitsch geht nicht. Wenig später ist das Spiel vorbei, die Young Boys gewinnen gegen Luzern 4:0. Die Spieler liegen sich in den Armen, gehen vor die Fans, derweil wird alles für die Pokalübergabe vorbereitet. Auch Lauper lässt sich wieder blicken, schreitet mit Krücken aufs Podest. Und natürlich ist es Captain Steve von Bergen, der den Pokal in Empfang nehmen darf.

Der Vater und die Tür

Die Spieler geniessen den Moment, posieren für Fotos mit dem Pokal. Und wer der gefragteste Mann ist, diese Frage erübrigt sich. Von Bergen springt von Interview zu Interview, dazwischen findet er Zeit, um mit Familie und Freunden zu plaudern, die Augen feucht, die Medaille um den Hals gehängt.

«Jetzt habe ich das letzte Kapitel auf die schönste Art beenden können.»Steve von Bergen

Eigentlich fehlen ihm die Worte, aber trotzdem könnte er es nicht treffender beschreiben: «Unglaublich!» Sekunden später hat er die Worte wieder gefunden: «Jetzt habe ich das letzte Kapitel auf die schönste Art und Weise beenden können.»

Wie wichtig er für dieses Team war, zeigen die Reaktionen seiner Mitspieler. Christian Fassnacht bezeichnet ihn als «den besten Captain», den er je hatte.

«Das kann doch nicht wahr sein.»Christian Fassnacht

Und fügt hinzu: «Bei seinem Tor dachte ich nur: Das kann doch nicht wahr sein. In den anderen Spielen war er nie gefährlich, und ausgerechnet im letzten Spiel macht er das Tor. Das ist unglaublich.» Unglaublich, das Wort des Abends, das auch der erst 18-jährige Jan Kronig in den Mund nimmt.

Kronig debütierte beim 6:1-Sieg gegen GC in der Innenverteidigung neben dem Captain. «Er gab mir Sicherheit. Ihm habe ich ein erfolgreiches Debüt zu verdanken. Er ist der Vater dieser Mannschaft.» Oder kurz gesagt: «Är isch eifach ä geilä Siäch.» Auch Fassnacht spricht in höchsten Tönen über von Bergen: «Bei uns im Team hat diese Saison vieles top funktioniert, und Steve war einer der wichtigsten Bausteine dafür. Mit ihm verlieren wir eine wichtige Figur.» Auch Fassnacht könnte YB verlassen. Obwohl, so wie er es sagt, klingt es nicht nach Abschied. «Stand jetzt bin ich da. Aber egal, ob ich hier bleibe oder nicht: Ich werde Steve vermissen.» Er ist nicht der Einzige.

Die Feierlichkeiten neigen sich dem Ende zu, die Spieler verschwinden in der Garderobe, um sich frisch zu machen und in der Champions Lounge und in der Stadt weiterzufeiern. Nur von Bergen ist noch auf dem Feld. Sichtlich mitgenommen, aber auch erleichtert, erscheint er in den Katakomben. Die Tür zur Garderobe ist abgeschlossen. «So schnell geht das also», sagt er und schmunzelt. Wobei ihm die Tür auch in Zukunft offen steht. Er übernimmt bei YB eine neue Aufgabe. «Ich muss jetzt erst mal alles verdauen, danach schauen wir, in welche Richtung es geht.»

Young Boys - Luzern 4:0 (1:0)

31'120 Zuschauer. - SR Bieri. - Tore: 27. Hoarau (Freistoss Garcia) 1:0. 49. Fassnacht (Schick) 2:0. 72. Ngamaleu (Fassnacht) 3:0. 75. Von Bergen (Freistoss Schick) 4:0.

Young Boys: Von Ballmoos; Mbabu (80. Lotomba), Von Bergen (88. Assalé), Benito, Garcia; Schick, Lauper (70. Ngamaleu), Sow, Fassnacht; Hoarau, Nsame.

Luzern: Zibung; Schwegler, Lucas, Custodio, Sidler; Ndenge, Voca; Vargas, Schulz, Schürpf (86. Schneuwly); Eleke (64. Demhasaj).

Bemerkungen: Young Boys ohne Sulejmani, Aebischer und Camara (alle verletzt). Luzern ohne Knezevic und Juric (beide verletzt), Lustenberger, Salvi, Ugrinic, Feka und Rodriguez (nicht im Aufgebot). Benito, Mbabu, Schick und Von Bergen bei YB offiziell verabschiedet. 42. Lattenschuss Nsame. 70. Lauper verletzt ausgeschieden. Verwarnungen: 27. Voca (Foul). 33. Mbabu (Foul). 46. Vargas (Unsportlichkeit). 59. Von Bergen (Foul). 74. Sidler (Foul).

Berner Zeitung

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