Was passiert, wenn eine WM zum Dampfkochtopf der Gefühle wird

Für Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner sollten die letzten Tage ein Denkzettel sein. Und vielleicht kommt am Schluss ja alles gut.

Emotionale Wertungen lösten Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit ihrer Aktion gegen Serbien aus, nun ist die Affäre ausgestanden. Foto: Antonio Calanni (AP/Keystone)

Emotionale Wertungen lösten Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit ihrer Aktion gegen Serbien aus, nun ist die Affäre ausgestanden. Foto: Antonio Calanni (AP/Keystone)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Der Tag ist heiss und lang, bis die Nachricht aus dem 1000 Kilometer entfernten Moskau am Abend in Toljatti ankommt. Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Stephan Lichtsteiner werden von der Fifa für ihren Doppeladler-Jubel vom Freitag gegen Serbien nicht gesperrt. Die Bussen von je 10'000 Franken für die Torschützen des Spiels und von 5000 Franken für den Captain sind vernachlässigbar.

Es hätte anders herauskommen können, mit mindestens zwei Spielsperren. Der Artikel 54 des Disziplinarreglements sieht das für den Fall vor, wenn während einer Partie eine Provokation der Zuschauer vorliegt. Diese Möglichkeit hing über dem Schweizer Team, weil die Fifa in solchen Angelegenheiten zuweilen unberechenbar ist. Die Fifa aber warf dem Trio nur unsportliches Verhalten vor und sanktionierte das gemäss Artikel 57.

Der Entscheid, die Spieler frei­zusprechen, kann nicht weiter über­raschen. Er ist der einzig richtige. Alles andere wäre eine Masslosigkeit gewesen für ein Vergehen, das wohl unbedacht und unangebracht war, aber weiter nicht nach ernsthaften Sanktionen rufen konnte.

Karikatur vergrössern

Und wenn man es ins Verhältnis zu den 5000 Franken setzt, die Mladen Krstajic zahlen muss, sind die Bussen gar deutlich überzogen. Serbiens Trainer hatte nach dem Spiel empfohlen, Schiedsrichter Brych wegen seiner Entscheide vors Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag zu stellen. Das gibt es zwar nicht mehr, die Aussage beweist nur die Geschmacklosigkeit Krstajics.

Am Sonntag sagte der Schweizer Verbandspräsident Peter Gilliéron noch: «Das ist die Krux. Wo führt es hin, wenn jede Geste interpretiert wird?»

Ja, wohin, wenn jeder Jubel, jede Handlung während eines Fussballspiels auf ihre rechtliche Zulässigkeit und emotionale Lauterkeit überprüft wird? Was passiert zum Beispiel, wenn einer mit dem ausgestreckten rechten Zeigefinger über den Platz rennt? Gehört er dann zum sogenannten Islamischen Staat, nur weil der dieses Zeichen als Symbol für sich verwendet? Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel feiert seine Siege immer auf diese Art. Die Fifa hätte darum mit einer schweren Sanktion gegen das Schweizer Trio die Schleusen geöffnet für eine mögliche Flut an Sperren.

Die Lehre für Xhaka und Shaqiri

Das heisst nun nicht, dass die Spieler, allen voran Xhaka und Shaqiri, vergessen sollen, was sie mit ihren Aktionen ausgelöst haben, was an emotionalen Wertungen, was an Interpretationen ihrer Gesten und an Deutungen ihrer Loyalität zur Nationalmannschaft. Sie können lernen, was passiert, wenn eine WM zum Dampfkochtopf der Gefühle wird und auf einmal auch die mitreden, die sonst mit Fussball nichts zu tun haben.

Nach dem 2:1-Siegtreffer zeigen Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner den Doppeladler-Jubel. Video: SRF

Sie sollen sich daran erinnern, in welch sensiblem Umfeld sie sich bewegen. Das zeigen nicht zuletzt die Reaktionen der serbischen Zuschauer im Stadion, denen sie ausgesetzt waren. Die forderten offenbar mit ihren Rufen und Gesten nichts anderes als den Kopf von Xhaka und Shaqiri.

Xhaka sagte hinterher: «Der Doppeladler war keine Mitteilung an den Gegner, der war mir scheissegal.» Das mag glauben, wer will. Denn es war genau das: ein klares Zeichen an die, die einst seinen Vater wegen seiner Herkunft über drei Jahre in ein Gefängnis gesteckt hatten und die Kosovo, seine emotionale Heimat, noch immer nicht anerkennen.

Verhalten war jedenfalls ein Bruch

Die Ungewissheit, die vom Samstagabend mit der Eröffnung des Verfahrens bis zum Entscheid am Montagabend anhielt, kann allerdings auch ganz heilsam sein. Vielleicht sehen Xhaka und Shaqiri das als Denkzettel an und schaffen es künftig, ihre Emotionen so zu kontrollieren, dass sie nicht gleich eine ganze Expedition gefährden. Ihr Verhalten war jedenfalls ein Bruch mit der vier Jahre alten Zusicherung, auf den Doppeladler zu verzichten. Damals hatte es mannschaftsintern eine Diskussion gegeben, weil Xhaka und Pajtim Kasami, ein weiterer albanischstämmiger Spieler, Tore in ihren Vereinen entsprechend gefeiert hatten. Nationalcoach Vladimir Petkovic redet im Rückblick von «einer Polemik».

Um Lichtsteiner, den «Schweiz-Schweizer» aus Adligenswil LU, wie es der «Kosovo-Schweizer» Xhaka einmal ausgedrückt hat, ging es bei all diesen Debatten seit vergangenem Freitag nie. Sein Doppeladler nach dem zweiten Treffer von Shaqiri war nichts anders als ein verblüffendes Zeichen der Solidarität.

Der Teamgeist als Trumpf

Darum geht es auch jetzt, wenn die Schweizer unbelastet auf das dritte und letzte Gruppenspiel von morgen Mittwoch gegen Costa Rica schauen können. Um das Zusammenrücken und Zusammenstehen der Gruppe, mit der Petkovic vor zwei Wochen nach Russland gereist ist. Sie zeigt sich unbeeindruckt von den letzten Stunden, im Gegenteil: Sie sieht gar das Gute darin und gibt sich noch solidarischer als sonst schon. So meldet Verteidiger Michael Lang stellvertretend: «Der Teamgeist ist sogar noch besser geworden.»

Die Frage ist nun, was das mit den Schweizern macht, wie weit sie dieses Gefühl von Geschlossenheit und Harmonie tragen kann. Den Achtelfinal haben sie so gut wie erreicht. Es müsste morgen in Nischni Nowgorod (und Moskau) schon viel zusammenkommen, damit sie im letzten Moment noch ausscheiden würden.

Und dann? Geht es immer weiter, zumindest so weit, wie Petkovic als Ziel ausgerufen hat? Bis in den Viertelfinal?

Präsident Gilliéron sagt: «Ich finde es absolut richtig, sich solche Ziele zu setzen, wie der Trainer das getan hat. Wir müssen erhobenen Hauptes aus dem Turnier gehen. Wenn das im Halbfinal oder Final ist, umso besser.» Er ist nicht unbedingt bekannt für gewagte Aussagen. Aber auch er scheint von der Atmosphäre im Team beflügelt zu sein wie ein Adler.

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