Ein Grosser sagt Adieu

YB-Captain Steve von Bergen beendet Ende Saison seine Karriere – mit dem vierten Meistertitel.

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Fabian Ruch

Steve von Bergen ist am Mittwochabend, nach dem 3:1-Sieg der Young Boys in Luzern, prächtig gelaunt. Er scherzt mit den Journalisten, spricht locker über Spiel und System und davon, dass es für ihn als alten Mann angenehmer sei in einer Dreierkette in der Abwehr, weil er in der Innenverteidigung einen Spieler mehr an seiner Seite habe.

Als es darum geht, wo das YB-Team nun am Samstagabend die Begegnung Basel - GC am TV verfolge, meint von Bergen, er werde es den Medienvertreter wissen lassen und dann auch gleich einladen. Und als er gefragt wird, ob YB nun eine Hand am Meisterpokal habe, erwidert er, es seien eher eindreiviertel Hände. «Es fehlt nur noch ganz wenig. Ungefähr so viel, wie ich heute den Ball mit dem Arm berührt habe.»

Von Bergen verursachte in Luzern einen kuriosen Handelfmeter, doch weil die Regeln bezüglich Hands sehr unklar sind, sagt der 35-Jährige auch noch: «Ich spiele mein Leben lang Fussball, aber ich werde diese Regel nie mehr kapieren.»

Die grosse Wehmut

Bald muss sich Steve von Bergen nicht mehr mit solchen Dingen auseinandersetzen. Seine lange, grosse Karriere neigt sich dem Ende entgegen, am Donnerstag gab er seinen Rücktritt auf Ende Saison bekannt. Zum Abschluss seiner Laufbahn wird er am 25. Mai nach dem Heimspiel gegen Luzern zum zweiten Mal in Serie den Meisterpokal in Empfang nehmen dürfen. Danach ist Schluss, nach 19 Jahren als Profi, beinahe 500 Pflichtspielen, darunter 50 im Nationalteam, nach Stationen in der Schweiz bei Xamax, Zürich und YB, in Deutschland bei Hertha Berlin, in Italien bei Cesena und Palermo.

In beinahe 500 Pflichtspielenerzielte von Bergen zwei Tore. Eines davon mit Xamax gegen YB.

Von Bergen geht als vierfacher Schweizer Meister, ein Grosser sagt Adieu. «Es ist mir sehr schwer gefallen, diesen Entscheid zu treffen. Es tut weh, daran zu denken, nicht mehr auf dem Platz zu stehen und nicht mehr mit den Teamkollegen in der Kabine zu sein», sagt er. «Aber ich freue mich, dass wir mit YB Clubgeschichte geschrieben haben.» Diese Emotionen und Erlebnisse, etwa die Teilnahme an der Champions League im Herbst, seien für die Ewigkeit. «Und nach einer grandiosen Saison stehen wir kurz davor, erneut Meister zu werden. Das erfüllt mich mit grossem Stolz.»

Von Bergen hat einen schönen Zeitpunkt gewählt, um aufzuhören. Einerseits. Andererseits hätte er gerne noch eine Saison weitergespielt, es läuft gerade sehr gut, er ist immer noch ein exzellenter Defensivspezialist. Zu seinem Heimatclub Xamax aber wollte er nicht wechseln, er sagt, er gehe, wenn es am besten sei. «Die Erfolge mit YB sind ein toller Abschluss meiner Karriere.»

Die vielen Fragen

Von Bergen hat in den letzten Wochen und Monaten mit sich gerungen, viele Gespräche geführt, unter anderem mit YB-Sportchef Christoph Spycher, und irgendwann ist die Erkenntnis gereift, dass die Beziehung mit den Young Boys nächste Saison komplizierter werden könnte. Berlins Fabian Lustenberger, mit dem von Bergen befreundet ist, wurde bereits als sein Nachfolger verpflichtet, ab Sommer hätte von Bergen nicht mehr jene dominante Rolle einnehmen können wie in den letzten Jahren.

Zu Saisonbeginn wäre er 36 Jahre alt gewesen, von Bergen sagt, die fast zwei Jahrzehnte als Profi hätten Spuren hinterlassen. Es wäre ein spannendes Experiment gewesen, ob er die Versetzung in der Hierarchie klaglos angenommen und kein Problem damit bekundet hätte, in wichtigen Begegnungen auf der Bank Platz nehmen zu müssen – weil Lustenberger und der aufstrebende, sehr entwicklungsfähige Mohamed Camara als Innenverteidiger agiert hätten.

Und so verlässt von Bergen YB durch die Vordertüre. Und mit den allerschönsten Referenzen. «Einen besseren Captain kann man sich als Trainer gar nicht wünschen», sagt Coach Gerardo Seoane. «Er stellt immer den Erfolg der Mannschaft ins Zentrum und ist in jedem Training und in jedem Spiel ein leuchtendes Vorbild.» Sportchef Spycher wiederum zieht den Hut vor der grossartigen Karriere von Bergens. «Er wird uns als Leader auf und neben dem Platz fehlen. Umso mehr sind wir froh, dass er uns als Persönlichkeit im Verein erhalten bleibt.» Schon seit längerer Zeit ist klar, dass von Bergen nach seiner Karriere eine Aufgabe bei den Young Boys übernehmen wird.

Nun erhält er die nötige Zeit, um herauszufinden, in welche Richtung seine berufliche Laufbahn verlaufen soll. «Es ist uns wichtig, ein solches Vorbild für die Jungen weiterhin in unserer Organisation zu haben», sagt Spycher, der 2014 ebenfalls mit 36 Jahren seine Karriere bei YB beendete – und heute sagt, er wisse genau, welche Gedanken sich von Bergen gemacht habe. «Es ist enorm schwierig für jeden Sportler, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um die Karriere zu beenden.»

Das letzte Ziel

Spycher hatte damals ebenfalls geliebäugelt, eine weitere Saison anzuhängen, ist heute aber froh, vor fünf Jahren einen Schlussstrich gezogen zu haben. «Die Verletzungsanfälligkeit nimmt zu, man hat aber als ehemaliger Nationalspieler und Profi im Ausland immer noch hohe Erwartungen an sich, die man eventuell nicht mehr erfüllen kann.»

Ein letztes Ziel bleibt Steve von Bergen in den letzten acht Begegnungen noch: endlich nach 229 Pflichtspielen ein Tor für die Young Boys zu schiessen. In seiner Laufbahn seit dem Jahr 2000 erzielte er ohnehin nur zwei Treffer: 2004 mit Xamax beim 3:1 gegen… YB und Torhüter Patrick Bettoni – sowie 2013 in der Serie A mit Palermo gegen Sampdoria (1:3) und Argentiniens langjährigen Nationalkeeper Sergio Romero. Vielleicht überlasst ihm Guillaume Hoarau in den letzten Partien ja mal einen Elfmeter, vielleicht darf er bei Standards nach vorne gehen.

Die starke Rückkehr

Und sonst wird von Bergen die Null-Tore-Bilanz egal sein. Er definiert sich über seine Qualitäten als Organisator des Sicherheitsdiensts, ist als Fussballer und Mensch beharrlich seinen Weg gegangen. Manchmal knorrig, oft überzeugend, stets zuverlässig. Wobei festgehalten werden darf, dass er im Umgang mit den Medien sanfter (oder altersmilder) geworden ist. Konsequent aber ist er geblieben: Mit dem «Blick» redet er nach einigen Zwischenfällen nicht mehr, das ist auch am Mittwochabend in Luzern bei aller Jovialität so. Die Boulevardzeitung hatte zum Beispiel im Juli 2017 nach einer schwachen Leistung von Bergens im Champions-League-Qualifikationsspiel bei Dynamo Kiew (1:3) den damaligen Trainer Adi Hütter gefragt, ob von Bergen Captain bleibe.

Es war eine schwierige Phase für den Romand. Eine Woche später gewann YB das Rückspiel 2:0, von Bergen erreichte bald wieder seine Bestform – und verlässt die Young Boys nach zwei fantastischen Jahren als Legende.

Berner Zeitung

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