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Ein Debütant und ein Rückkehrer

Roberto Mancini stand gestern zum ersten Mal als Trainer Italiens im Einsatz. Beim 2:1 gegen Saudiarabien sah er, dass er eine Wette mit Balotelli gewinnen kann.

Hand auf Herz, Flagge und Kaschmir: Roberto Mancini. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)
Hand auf Herz, Flagge und Kaschmir: Roberto Mancini. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Er hält die Arme verschränkt, würde am liebsten selber aufs Feld. Machtlos schaut er zu, wie seine Spieler noch einmal in Gefahr geraten, den Sieg doch noch zu verspielen, dann pfeift der Schiedsrichter ab. Ein letztes Kopfschütteln, dann winkt Roberto Mancini ins Publikum und bedankt sich für den warmen Applaus der 10'100 Fans. Dann verabschiedet sich der «Kaschmir-Trainer», wie ihn die «Gazzetta dello Sport» einst nannte, in die Katakomben.

Zurück bleibt ein 2:1 gegen WM-Teilnehmer Saudiarabien, der erste Erfolg seit Oktober und nach vier Partien und die Gewissheit, Tore schiessen zu können. In den letzten acht Spielen waren es nur deren vier gewesen. Es bleibt aber auch die Gewissheit, viel Arbeit vor sich zu haben, denn abgeklärt war das in der Schlussphase nicht. Das hatte er aber nach den Leistungen der letzten Monate auch nicht erwarten dürfen.

Zwei Wochen sind erst vergangen, seit Mancini in Rom einen Zweijahres-Vertrag als Nachfolger von Gianpiero Ventura unterzeichnete. Erst zwei Tage zuvor hatte Mancini sein Arbeitspapier bei Zenit St. Petersburg aufgelöst. Wenn die «Mutter aller Mannschaften» rufe, könne man sie nicht warten lassen, liess der 53-Jährige sinngemäss verlauten: «Es ist der stolzeste Moment in meiner Karriere, sei es als Spieler oder als Trainer.»

«Standing Ovation» für Balotelli

Dass die Karten bei Mancini neu ­gemischt werden, bestätigt die umstrittenste Personalie im Calcio: Mario Balotelli, die einst grösste Offensivhoffnung des Landes, die durch Eskapaden und Launenhaftigkeit so tief gefallen ist, dass sich Antonio Cassano daneben phasenweise vorkommen durfte wie ein ­unschuldiger Schuljunge. Mancini hat Balotelli aufgeboten, ihm die Nummer 9 zugehalten, und damit gezeigt, dass er an einen Reifeprozess beim «enfant terrible» glaubt. Balotelli stand bereits gestern in der Startformation und wurde mit einer Mischung aus sehr viel ­Applaus und wenigen Pfiffen begrüsst. Nach einer ersten Kopfballchance gab es nur noch «Mario, Mario»-Sprechchöre. Es war der Auftakt zu einer Balotelli-Show, gekrönt mit dem 1:0 (21.). Es war sein 14. Treffer im Nationalmannschaftsdress.

Und der erste seit vier Jahren und dem Siegtreffer an der WM gegen England. Niemand hätte damals gedacht, dass er am selben Turnier und beim 0:1 gegen Uruguay in Natal das Jersey der «squadra azzurra» zum letzten Mal für vier Jahre tragen sollte. Jenes 0:1 hinterliess aber schmerzhafte Spuren. Auf der Rückreise war die Luft zwischen dem noch jungen Balotelli und der alten Garde zum Schneiden. Danach gab es von Antonio Conte noch ein Aufgebot für den so launischen Modellathleten, Balotelli sagte aber wegen einer leichten Verletzung ab. Nun, fast 1500 Tage später, hat ausser den vier Sternen alles geändert: Balotelli hat zwei Kinder und zeigte in Nizza unter Lucien Favre ­Ansätze zur Läuterung. Vor allem aber waren da auch die Penaltys von Zaza und Pellé an der EM, die Ladehemmungen von Bellotti, Immobile und Insigne in der WM-Qualifikation, zudem ist keiner seiner «Feinde» von damals mehr dabei.

Den Widerspenstigen hat Mancini schon mehrfach gezähmt. «Es gibt keine Probleme», glaubt er.

Mit Gigi Buffon und Daniele De Rossi verabschiedeten sich vor kurzem die letzten Weltmeister von 2006, wobei Mancini darauf hofft, das Mittelfeld-Herz der AS Roma bald wieder umstimmen zu können. De Rossi hin oder her: Mit Balotelli ist Mancini eine Wette eingegangen, deren Ausgang über seine ­Zukunft mitentscheiden wird. Er hat den Widerspenstigen aber schon mehrfach gezähmt: Balotelli debütierte einst unter ihm für Inter in der Serie A, später holte der Chef ihn zu Manchester City. «Wenn er sich anstrengt, wird es keine Probleme geben», prophezeit Mancini. ­Zumindest gestern behielt er recht: Nach 57 Minuten endete Balotellis Arbeitsabend mit einer «Standing Ovation».

Generell plant Mancini das Team um einige Routiniers aufzubauen, angeführt von Captain Leonardo Bonucci. Der ­Milan-Innenverteidiger bestritt gestern sein 78. Länderspiel und zog mit den ­Legenden Scirea und Nesta gleich. «Als Nächstes strebe ich die Zahl 100 an», sagte der frühere Juventus-Spieler, kein Mann vollmundiger Ankündigungen. Daneben setzt Mancini auf die Jugend. Goalie Donnarumma ist erst 19, im Mittelfeld wächst mit Verratti, Bernardeschi und dem gestern überzeugenden Pellegrini eine starke Generation heran. Die zuletzt starken Leistungen bei den Nachwuchs-Nationalteams – ab Stufe U-17 ­erreichten alle in den letzten beiden Jahren mindestens einen Halbfinal – dürften sich in einigen Jahren auswirken.

Die Premiere ist gelungen, am Freitag gegen Frankreich in Nizza dürften weitere Aufschlüsse hinzukommen, danach folgt am 4. Juni zum Abschluss noch der «Gipfel der Ausgeschlossenen» gegen Holland. Und dann die einmonatigen WM-Zwangsferien. Roberto Mancini wird sie zu nutzen wissen. Damit sie sich nie mehr wiederholen.

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