Ein ausgesprochen freundlicher Gast

Meister YB tritt in St. Gallen pomadig und schwach auf – und verliert am Tranquillo-Barnetta-Festtag gleich mit 1:4.

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Fabian Ruch

Der Fussball schreibt zuweilen die schönsten Geschichten, manchmal sind sie gar kitschig. Am Mittwochabend erzielt Tranquillo Barnetta am Tranquillo-Barnetta-Festtag das 2:0 für den FC St. Gallen gegen die Young Boys. Es ist kein besonders schwieriger Treffer, Barnetta muss den Ball aus wenigen Metern ins leere Tor schieben.

Und doch ist es ein besonderer Treffer, einer auch, der zu diesem Abend passt. Der beste Ostschweizer Fussballer der Geschichte trifft an seinem 34. Geburtstag in seinem letzten Heimspiel für seinen Lieblingsclub – und verwandelt den Kybunpark endgültig in eine Festhütte.

Quintillas Rabona-Flanke

Bereits vor der Begegnung steht vieles im Zeichen des Abschieds einer Kultfigur, die Anhänger präsentieren eine riesige, prächtige Choregraphie («Ciao Quillo»). Es sind dann die Young Boys, die den besseren Start erwischen, sich aber schon bald bemerkenswert viele Fehler erlauben. Seit Wochen stehen sie erneut als Champion fest, sie waren gemeinsam im Europapark und auf Ibiza, einer gab Konzerte, andere sind auf der Suche nach neuen Arbeitgebern.

So gesehen ist ihr liederlicher Vortrag halbwegs erklärbar. Zumal die Aufstellung wie meistens in diesen finalen Saisonwochen experimentell ist. Altmeister Marco Wölfli steht im Tor, Stammkeeper David von Ballmoos hat wie Loris Benito frei. Das grosse Verteidigertalent Jan Kronig bildet mit Grégory Wüthrich die zentrale Abwehr, es sind die Innenverteidiger 4 und 5. Vor ihnen agieren Sandro Lauper und Gianluca Gaudino, auch das ist eine eher ungewöhnliche Besetzung. Auf der Bank sitzen unter anderem Captain Steve von Bergen und Stratege Djibril Sow.

Dennoch treten die Young Boys mit einer respektablen Belegschaft auf, der man eine deutlich bessere Leistung zutrauen darf. Sie sind seltsam unkonzentriert, und deshalb ist es keine Überraschung, sind es die Gastgeber, die in der 19. Minute das 1:0 erzielen. Musah Nuhu scheitert zuerst noch an der Latte, über Umwege und schliesslich über eine grandiose Flanke Jordi Quintillas hinter den Beinen durch landet der Ball wieder bei Nuhu, der mit dem Kopf reüssiert. Quintilla spielte einst im Nachwuchs des FC Barcelona, möglicherweise lernte er dort den Rabona genannten Trick mit dem Überkreuzen der Beine.

Schwach und slapstickhaft

Nach der Pause müssen die Young Boys also ein 0:2 aufholen. Die Nonchalance, mit der Gaudino eine ausgezeichnete Gelegenheit vergibt, lässt jedoch bald erahnen, dass es YB kaum mehr gelingen wird, einen Weg zurück in diese Partie zu finden. In der 52. Minute vergibt der wirblige Jérémy Guillemenot noch das 3:0. Kurz darauf holt der 21-jährige Schweizer Stürmer, der einst sehr jung zum grossen FC Barcelona ging, gegen Jordan Lotomba einen Foulelfmeter heraus, den Vincent Sierro souverän verwandelt.

Erst jetzt, 0:3 im Rückstand, erinnert sich YB an seine Qualitäten, die zu einer Rekordsaison geführt haben. Die St. Galler, bereits vor der Pause anfällig, wirken keineswegs stilsicher, der auffällige Nicolas Ngamaleu trifft in der 67. Minute nach einem groben Nuhu-Patzer zum 1:3, aber kurze Zeit später ist die Begegnung endgültig entschieden. Und wieder verteidigen die Young Boys slapstickhaft, am Ende lenkt Gaudino den Ball in den Lauf des starken Majeed Ashimeru, der das 4:1 schiesst.

Barnettas Symbolaktion

Und weil der Abend aus St. Galler Optik kitschig verläuft, darf kurz vor Spielende auch noch Tranquillo Barnetta zum Elfmeter antreten. Er verschoss den wichtigsten Penalty seiner Karriere im WM-Achtelfinal der Schweizer gegen die Ukraine in Köln, das war vor 13 Jahren. Und er verschiesst seinen vermutlich letzten, der fast drei Jahre ältere Wölfli pariert.

Dann wird Barnetta ausgewechselt, er zieht die Schuhe aus und nagelt sie symbolisch an eine Wand, nach Spielende wird er von den Anhängern ausgiebig gefeiert. Am Samstag geht seine tolle Karriere mit dem Auswärtsspiel beim FCZ zu Ende, die St. Galler befinden sich noch mitten im verrückten Kampf um die Europacupplätze – dank des Coups gegen YB auf einmal wieder aussichtsreich.

Am Samstag wiederum laden die Young Boys im ausverkauften Stade de Suisse zur Meisterparty inklusive Pokalübergabe gegen den FC Luzern, der neu auf Rang 3 steht und damit für die Europa League qualifiziert wäre. In zwei Tagen feiert ein anderer Grosser des Schweizer Fussballs Abschied. Gestern spielte Steve von Bergen auch nicht, weil er unbedingt einen letzten Auftritt in Bern haben möchte und sich nicht verletzten wollte.

Ein drittes Tor von Steve von Bergen in fast 20 Jahren als Profi wäre am Samstagabend allerdings zu kitschig, um überhaupt in Erwägung gezogen zu werden.

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