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Eichhörnchentaktik

Die Punkteteilung zwischen Thun und YB macht keinen der Beteiligten wirklich glücklich, wobei beide ­bemüht sind, das Positive ­herauszustreichen.

Aktivposten an alter Wirkungsstätte: Christian Fassnacht war in Thun an beiden Toren beteiligt.
Aktivposten an alter Wirkungsstätte: Christian Fassnacht war in Thun an beiden Toren beteiligt.
Keystone
Zwei Etagen höher: Thuns Verteidiger Roy Gelmi überspringt in der 61.?Minute die YB-Spieler und trifft zum 2:1.
Zwei Etagen höher: Thuns Verteidiger Roy Gelmi überspringt in der 61.?Minute die YB-Spieler und trifft zum 2:1.
Patric Spahni
Thuns Goalie Guillaume Faivre muss sich dem Kopfball von Christian Fassnacht geschlagen geben.
Thuns Goalie Guillaume Faivre muss sich dem Kopfball von Christian Fassnacht geschlagen geben.
Keystone
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Als Christian Fassnacht am Mittwochabend die Treppe zu den Katakomben der Stockhorn-Arena hinuntergestiegen ist, biegt er schnurstracks links ab. Nicht weil er sich an alter Wirkungsstätte in der Garderobe irrt, sondern weil er sich Zeit nehmen will, alte Freunde aus seinem Jahr in Thun zu treffen.

Fassnacht klatscht ab, herzt, lacht und witzelt. Als er Marvin Spielmann erblickt, umarmen sich die beiden. Wenn sie sich sehen, sei der Fussball weit weg, sagt Fassnacht.

Dann reden sie lieber über private Dinge, vereinbaren, dass sie in der Freizeit wieder einmal etwas zusammen unternehmen wollen.Es ist ein versöhnliches Bild. Seit ihrer gemeinsamen Zeit in Thun verbindet die beiden eine Freundschaft, die allerdings an diesem Abend nicht das einzige verbindende Element zwischen den beiden Flügelspielern ist: Beide steuern sie in einem abwechslungsreichen Derby ein Tor bei.

Spielmann verwertet einen Penalty zum Ausgleich, und Fassnacht stellt mit seinem Kopfballtreffer kurz vor Schluss die Punkteteilung sicher. Eigentlich kann es für die beiden Freunde kein besseres Szenario geben.

Oder etwa doch? Als die beiden das Geschehen analysieren, schwingt in ihren Voten eine gewisse Unzufriedenheit mit und eine Unsicherheit, wie der Punktezuwachs einzuordnen ist. «Wir können sicher nicht ganz zufrieden sein», sagt Fassnacht. Und Spielmann meint: «Wenn wir den Spielverlauf anschauen, wäre sicher mehr dringelegen.»

Die Gabe

Im Bauch der Stockhorn-Arena drehen sich die Gedanken der Protagonisten eine Zeit lang um diverse Hätte-wäre-wenn-Szenarien, und das Gefühl überwiegt, dass das 2:2 keines der beiden Teams wirklich weiterbringt.

Mit dem zweiten Unentschieden der Rückrunde berauben sich die Young Boys der theoretischen Möglichkeit, bereits am Sonntag im Heimspiel gegen Lausanne den Meistertitel sicherzustellen, und die Thuner verpassen es, von den Niederlagen der direkten Konkurrenten Sion und GC vollends zu profitieren und sich im Abstiegskampf etwas Luft zu verschaffen.

Eine Gabe, die Fussballer und Trainer jedoch nur zu gut beherrschen, wenn sie mit kritischen Fragen konfrontiert werden, ist es, Positives herauszustreichen. Und so sagt Fassnacht: «Es gibt keinen Grund dafür, jetzt in Panik zu verfallen. Das Wichtigste ist, dass wir immer noch ungeschlagen sind.»

«Es gibt keinen Grund dafür, jetzt in Panik zu verfallen. Das Wichtigste ist, dass wir immer noch ungeschlagen sind.»

Christian Fassnacht

Der Zürcher offenbart die meisterliche Ruhe, welche die Young Boys seit Wochen auszeichnet, wenn sie dem langersehnten Titel immer näher kommen, auch in dem Moment, der in anderen Jahren als zumindest kleiner Rückschlag gewertet worden wäre, zumal Basel mit dem Sieg gegen GC den Abstand auf elf Punkte verkürzte.

Doch heuer ist bekanntlich vieles anders bei YB, und Fassnacht weiss, dass früher oder später der Punkteabstand zu Basel irrelevant sein wird, wenn er vom abtretenden Meister nicht mehr wird wettgemacht werden können.

«Wir kommen deswegen nicht von unserem Weg ab», sagt auch Trainer Adi Hütter, und Marco Wölfli stellt sogar fest, dass der Weg zum Titel erneut kürzer geworden ist. Stimmt, den Bernern fehlen noch acht Punkte, damit sie definitiv als Meister feststehen.

Patzt Basel, könnte es frühstens am übernächsten Samstag nach dem Heimspiel gegen Luzern so weit sein. Mit Rechnereien befasst sich Fassnacht indes nicht. «Ich bin dann einfach froh, wenn wir es geschafft haben.»

Das Geschichtsbuch

Thun-Captain Dennis Hediger fasst mit einem Wort zusammen, wie sich die beiden Teams mit der Punkteteilung ihren Saisonzielen nähern. Mittels «Eichhörnchentaktik». Langsam und mühselig erhält das Thuner Punktekonto Zuwachs.

«In unserer Situation können wir jeden Punkt gebrauchen», sagt Trainer Marc Schneider, der die Kunst des positiven Hervorhebens auch bestens verinnerlicht hat, indem er viel lieber von der «positiven Entwicklung» spricht, die seine Mannschaft in den letzten fünf Spielen seit dem 2:7-Debakel in Sion genommen habe, als dass er sich über Fassnachts späten Ausgleichstreffer und die dadurch verlorenen zwei Punkte ärgern würde.

Schneider weiss um das happige Restprogramm, das für die Thuner noch drei Partien gegen direkte Konkurrenten vorsieht und am Samstag das Spiel in St. Gallen, da bleibt keine Zeit, sich mit Vergangenem zu beschäftigen. Es gibt jedoch trotzdem etwas, dem der 37-Jährige nachtrauert. «Wir wären gerne das Team gewesen, das YB dreimal besiegt.»

In einer Saison, in der sich die Young Boys irgendwann einen Eintrag in den Geschichtsbüchern sichern werden, hätten sich die Oberländer damit ganz bestimmt auch einen Abschnitt in dieser Chronik verdient gehabt.

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