Drei Sterne für die Schweizer Zukunft

Die Schweizer Nationalspieler sind in den Ferien, nachdem sie an der Euro eine grosse Chance verpasst haben,Geschichte zu schreiben. Viele von ihnen werden aber auch in Zukunft zur Auswahl gehören. Ein Überblick über das Team.

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Fabian Ruch

Das Personal der Schweizer Nationalmannschaft wird sich nach der Euro nicht fundamental verändern. Was eine gute Nachricht ist, weil die wichtigsten Akteure im Schnitt erst 25 Jahre alt sind und sich weiter entwickeln können. Ein Überblick über die einzelnen Mannschaftsteile zeigt: Bis zur WM 2018 wird sich pro Reihe wohl maximal ein neuer Spieler in die Stammformation spielen können.

Klare Hierarchie im Tor

Yann Sommer, der eine ausgezeichnete EM spielte, ist als Torhüter gesetzt, Roman Bürki sein Ersatz. Dahinter könnte das YB-Talent Yvon Mvogo, in ein paar Jahren vielleicht die Nummer 1, aufgebaut werden – wobei Marwin Hitz es wegen seiner ausgezeichneten Leistungen ebenfalls verdient hätte, ständiges Mitglied der Auswahl zu sein.

Auf dem Torhüterposten muss sich die Schweiz weltweit nicht verstecken.

Rodriguez ohne Konkurrenz

Auf der linken Defensivseite ist die Auswahl deutlich kleiner. Ricardo Rodriguez dürfte sie noch rund zehn Jahre betreuen. Er kam an der Euro erst im Achtelfinal auf Betriebstemperatur. Ein auch nur halbwegs valabler Ersatz ist immer noch nicht in Sicht. Das spielt keine grosse Rolle, weil Rodri­guez nach einer schwächeren ­Saison bald wieder sein hohes Niveau erreichen dürfte.

Alternativen für den Captain

Rechts hinten dagegen gibt es Alternativen zu Captain Stephan Lichtsteiner, der für die Schweiz nicht annähernd so starke Leistungen zeigt wie bei Juventus. Michael Lang hat sich verbessert, auch Silvan Widmer und YB-Rechtsverteidiger Florent Hadergjonaj werden Druck machen. Lichtsteiner aber wird im Nationalteam sicher bis zur WM 2018 in Russland weiterspielen.

Elvedi für Djourou?

Im Abwehrzentrum hat sich Fabian Schär mit einer exzellenten Europameisterschaft als Boss empfohlen. Er leistete sich keine Leichtsinnsfehler mehr und war einer der stärksten Verteidiger an der EM. Gesucht ist ein Partner Schärs. Johan Djourou ist ein Unsicherheitsfaktor. Er agiert grösstenteils solid, aber hat immer wieder Aussetzer im Spiel. Timm Klose, nicht für die EM aufgeboten, ist eine Alternative, er ist kopfballstark, aber nicht besonders schnell. Seine spielerischen Schwächen würden weniger ins Gewicht fallen, weil Schär ein toller Aufbauspieler ist. YB-Captain Steve von Bergen beendet seine Karriere im Nationalteam.

Grosse Hoffnungen darf man in Nico Elvedi setzen. Der 19-Jährige etablierte sich in der Rückrunde beim Bundesliga-Spitzenverein Gladbach. Er wird eher früher als später zum Stamm der Nationalmannschaft gehören. Die Frage ist: Kann er im Zen­trum auch halblinks spielen, wo sich Schär nicht so wohl fühlt?

Mit Roy Gelmi und Martin Angha (beide St. Gallen) sowie vor allem Gregory Wüthrich (YB) stehen in der U-21-Auswahl weitere talentierte Innenverteidiger bereit, um Druck auszuüben.

Viele Kandidaten neben Xhaka

Im Zentrum ist Granit Xhaka der unumstrittene Chef. Der 23-Jährige wird das nächste Jahrzehnt der Auswahl stilistisch prägen. An seiner Seite gelang Valon Behrami ebenfalls ein sehr, sehr starkes Turnier in Frankreich. Doch den Vorkämpfer plagen gesundheitliche Probleme, er fällt immer wieder verletzt aus, seine Knie sind äusserst havariert. Vielleicht macht Behrami noch zwei Jahre weiter, vielleicht tritt er aber auch mit 31 Jahren zurück. Was sehr schade für die Nationalmannschaft wäre, weil Behrami mit seiner Routine, Mentalität und Integrationskraft ein Wortführer ist – gerade für die vielen jungen Secondos.

Ein Nachfolger Behramis, spätestens ab 2018, steht schon bereit: Denis Zakaria, 19 Jahre alt und von YB, war schon an der EM dabei. Der robuste, kraftvolle Antreiber mit den langen Beinen wird, diese Prognose sei erlaubt, bald um einen Stammplatz im Schweizer Team kämpfen. Zakaria und Xhaka könnten ein formidables, energisches Duo bilden, um das man ein starkes Team bauen kann.

Dahinter stehen die gleichen Kandidaten wie seit Jahren zur Verfügung: Routinier Gelson Fernandes sowie Fabian Frei und Luca Zuffi, vielleicht wieder der langjährige Captain Gökhan Inler und Fabian Lustenberger sowie natürlich auch die etwas offensiver aus­gerichteten Blerim Dzemaili und Pajtim Kasami, der wegen seiner Schussstärke und Kreativität wieder eine Chance erhalten dürfte. Anto Grgic (19) vom FC ­Zürich wiederum könnte sich in den nächsten Jahren wie Zakaria in den Vordergrund spielen.

Das Team

Ein neuer Fernandes

Nationaltrainer Vladimir Petkovic wird sich Gedanken machen müssen, wie er die Position des Spielmachers im 4-2-3-1-System besetzen will. Dzemaili ist, das zeigte auch die Euro, in dieser Rolle nicht die perfekte Lösung, weil er zu wenig schnell ist, zu ­wenig torgefährlich und zu wenig kreativ. Eigentlich wäre der offensive Schlüsselspieler Xherdan Shaqiri mit seinen Anlagen der ideale Regisseur. Er muss einfach klarer werden in seinen Aktionen. Shaqiri benötigt Bälle, damit er Einfluss nehmen kann. Diese erhält er im Zentrum – und nicht am Flügel. Das bewies beispielsweise sein Traumpass auf Eren Derdiyok in der Verlängerung des EM-Achtelfinals gegen Polen.

Der 20-jährige Edimilson Fernandes von Sion schliesslich ist ein grosses Talent mit Vision und Spielfreude. Er muss seine Darbietungen in Zukunft stabilisieren, dann wird er automatisch zum Thema für die Schweiz.

Einer wie Steffen fehlte an EM

Auf den Flügelpositionen ist ein heftiges Gerangel zu erwarten. Admir Mehmedi kann sich weiter entwickeln, dazu wird der flinke, freche Renato Steffen, an der EM verletzt, ein Gewinn sein. Einer wie er fehlte in Frankreich, weil Steffen auch als Joker sofort im Spiel ist und Betrieb machen kann. Steven Zuber ist eine wei­tere Möglichkeit. Und Valentin Stocker dürfte seine in Berlin ins Stocken geratene Karriere bald wieder lancieren. Shani Tarashaj wiederum versucht ab Sommer, sich bei Everton durchzusetzen. Das dürfte nicht einfach werden. Aber er besitzt das Potenzial dazu, sich nach seinem Kurzauftritt an der EM konstant im Nationalteam zu etablieren. Das gilt noch nicht für andere U-21-Nationalspieler wie Selim Khelifi.

Vor allem aber ist da noch Breel Embolo, soeben für über 30 Millionen Franken von Basel zu Schalke gewechselt. Er wird ein Fixpunkt im Nationalteam sein, das ist klar. Die Frage ist, ob ganz vorne oder am Flügel. Embolo ist ganz bestimmt jener Akteur, der die Schweiz aufs nächste Level hieven kann, weil er das grösste Problem des Teams lösen könnte: das Toreschiessen. Allerdings blickt der 19-Jährige auf ein schwieriges Halbjahr zurück. Seine Qualitäten jedoch sind unbestritten, er wird in der Bundesliga vom höheren Niveau profitieren.

Drmic und zwei Talente

Im Sturm ist Haris Seferovic ein dankbarer, wertvoller Teamspieler, weil er fleissig ist und körperlich stark. Er muss aber kaltblü­tiger im Abschluss werden. Josip Drmic stagnierte in den letzten zwei Jahren, doch er hatte zuvor nachgewiesen, dass er genau weiss, wo das Tor steht. Drmic fehlte an der Euro verletzt, wird aber bald wieder ein ernsthafter Konkurrent Seferovics. Eren Derdiyok steht auch weiter zur Verfügung. Kein Thema bei Petkovic ist Marco Schneuwly, sein frü­herer Spieler bei YB, obwohl der Luzerner seit Jahren der beste Schweizer Stürmer in der Super League ist. Und Mario Gavranovic steckt bei Rijeka in einer Sackgasse seiner Karriere.

Der zuletzt von riesigem Verletzungspech geplagte Michael Frey ist derweil ein Kandidat für den Angriff. Das gilt ganz besonders für den erst 19-jährigen Albian Ajeti von Bundesligist Augsburg, der sich noch nicht entschieden hat, ob er weiter wie seit Jahren für die Schweiz (derzeit U-21) oder für Albanien spielen will.

Von den anderen jungen Stürmern stagnierte Haris Tabakovic, in den man im Fussballverband grosse Hoffnungen setzt, bei YB sowie GC. Es gilt abzuwarten, wie es bei ihm weitergeht. Das gilt ebenfalls für weitere Youngsters wie Dimitri Oberlin von Red Bull Salzburg und Florian Kamberi von GC und die vielen anderen Nachwuchsnationalspieler, von denen sich bestimmt der eine oder andere Aufsteiger in den Fokus der Auswahl spielen wird. In der Defensive oder in der Offensive.

Mit Denis Zakaria rechnete vor genau zwölf Monaten auch niemand.

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