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Cupsieg: Dieser Wille! Dieser FCZ!

Die Zürcher besiegen in einem emotionalen Cupfinal Meister YB 2:1. Der Sieg des Aussenseiters ist verdient.

Das war die Vorentscheidung: Marchesano trifft zum 2:0.

Das Hemd hängt hinten aus der Hose. Die Krawatte sitzt locker. Die Coachingzone ist für Ludovic Magnin ein Käfig. Er ist gefangen darin. Er schreit herum, er glaubt, seine Mannschaft werde vom Schiedsrichter benachteiligt, zumindest dann und wann, die Emotionen stauen sich. Es ist ein Gemisch aus Stolz und Ärger, aus Hoffen und Bangen.

2:0 führt der FCZ, Magnins FCZ, als die Young Boys das Anschlusstor erzielen. Die FCZ-Abwehr sieht dabei nicht sonderlich gut aus. Zehn Minuten sind noch zu spielen, an der Seitenlinie sagt Magnin zu René van Eck, seinem Assistenten: «Wenn wir in die Verlängerung gehen, sind wir tot.»

Der FCZ hält sich weiter auf den Beinen, Thelander stoppt Nsames Konterchance mit einem Bodycheck. Rustikal geht es zu, nicht filigran – es ist nicht die Zeit dazu. Kurz vor vier Uhr an diesem Nachmittag in Bern ertönt dann der Pfiff, der das Hoffen der Berner und das Leiden der Zürcher beendet.

Video: Frey trifft früh zur Zürcher Führung

Der Schlusspfiff wird für Magnin zum Anpfiff. Er stürmt los. Die Emotionen müssen raus, alles muss raus. Magnin peilt die Kurve der FCZ-Anhänger an, «ich habe den Spielern nur zeigen wollen, dass ihr Trainer noch der Schnellste ist», sagt Magnin. Ganz entkommt er ihnen nicht. Sie holen ihn ein und stürzen sich auf ihn. Er spürt es nachher im Rücken: «Ich glaube, ich kann heute nicht tanzen.»

2016 wurde der FCZ Cupsieger, nachdem er vier Tage zuvor abgestiegen war. Es war eine wilde Zeit damals, die Spannungen zwischen Verein und Fans waren gross, der Pokal wurde als Opfergabe vor die Südkurve gesetzt, gefeiert hat man nicht. 2018 ist der FCZ wieder Cupsieger, nachdem er die Saison als Aufsteiger begonnen hat. Diesmal ist die Stimmung anders. Es ist ein wahres Fest, sofern man für einen Moment ausblendet, dass Querulanten während des Spiels mit Böllern das Stadion erzittern lassen und mit Rauchpetarden vernebeln.

Der zehnte Cupsieg

Im elften Final gewinnt der FCZ zum zehnten Mal, eine respektable Bilanz. Oben auf der Ehrentribüne strahlt mit Köbi Kuhn einer der Baumeister dieser FCZ-Geschichte. Er hat es noch rechtzeitig ins Stadion geschafft, obschon er auf der Fahrt nach Bern wegen eines defekten Zuges stecken geblieben war. Herr und Frau Canepa posieren mit den frischen Cupsieger-Medaillen, die sind klein, aber an diesem Tag unbezahlbar.

Video: Hoch den Pokal im Stade de Suisse

Die FCZ-Spieler feiern den Cupsieg in Bern.

Bei den ersten Interviews sprudelt es aus den Spielern heraus. Michael Frey sagt: «Vielleicht hätte YB das Double geholt, wenn ich da gewesen wäre.» Adrian Winter sagt: «Heute hätte kommen können, wer will, auch die Mannschaften vom Champions-League-Final – wir hätten alle weggeputzt.»

So ist das im Überschwang der Gefühle. Gerade bei Frey erreichen sie Magnin-Niveau. Als er noch ein «kleiner Giel» war, stellte er sich vor, wie er in diesem Berner Stadion einen Titel gewinnt. Jetzt hat er das geschafft, «einfach in anderen Farben», sagt er.

Bildstrecke: Einsnull, zweinull – und dann durchhalten

In der 11. Minute bringt Michael Frey den FC Zürich in Führung.
In der 11. Minute bringt Michael Frey den FC Zürich in Führung.
Peter Klaunzer, Keystone
Der Stürmer feiert sein Tor und sprintet dabei auffällig nah an der YB-Bank durch.
Der Stürmer feiert sein Tor und sprintet dabei auffällig nah an der YB-Bank durch.
Ennio Leanza, Keystone
Der Blick auf die Anhänger des FC Zürich.
Der Blick auf die Anhänger des FC Zürich.
Peter Schneider, Keystone
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Bis vor einem Jahr war er noch bei YB, er war der Stürmer, der alles für den Verein gab, weil er immer alles gibt und dabei manchmal überdreht. Er wollte ein Leader sein und scheiterte daran, sich gegen Hoarau durchzusetzen. Dabei hatte er sich einmal zum Ziel gesetzt, der beste Stürmer der Welt zu werden.

Die Trennung war das Beste: für YB, für ihn. In Zürich bezeichnete ihn der damalige Trainer Uli Forte als «Mentalitätsmonster».

Wer damit nicht viel anfangen konnte, kann es vielleicht nach diesem Cupfinal. Frey steht für all das, was Magnin will und der FCZ ist: Er kämpft und rennt, schont sich nicht und den Gegner erst recht nicht, es muss für einen Steve von Bergen schrecklich unangenehm sein, gegen ihn zu spielen. Frey sagt: «Was denken Sie? Dass ich ihm sage, spaziere an mir vorbei? Nein, so funktioniere ich nicht.»

Nach elf Minuten drängt Cédric Brunner nach vorn und spielt einen Ball in die Tiefe, Frey nimmt ihn irgendwie und samt Pirouette an, läuft noch zwei Meter und schiesst. Der Ball schlägt unten in der linken Ecke ein. Ganz kurz zögert er, aber nur ganz kurz. Dann legt er einen Sprint hin, als wäre er Magnin. Der Weg führt ihn an Adi Hütter vorbei, der an der Seitenlinie steht. Frey schreit ihn an, schreit den Trainer an, der ihn vor einem Jahr nicht mehr wollte.

Die Reaktion ist überflüssig, aber typisch Frey. Hütter erträgt sie stoisch. Er sagt über Frey, seinen einstigen Stürmer: «Er hat vorgezeigt, wie man von der ersten bis zur letzten Minute einen Cupfinal bestreitet. Aber wir sind ohne Michi Frey Meister geworden.»

Ein Spiel voller Gift

Auf dem Platz brodelt es. Es ist intensiv, es ist ein mitreissendes Spiel. Gerade während der ersten halben Stunde ist es eine Partie voller Gift. Sanogo schlägt gegen Frey aus und trifft ihn am Mund. Der gleiche Sanogo wird gefühlte dreissigmal gefoult. Von Bergen führt harte Zweikämpfe. Die Zürcher geben nicht nach. Dieser Biss. Dieser Wille. Diese Aggressivität!

Es ist, als würde Magnin noch selbst mitspielen. Und weil er das nicht mehr kann, hat er in den letzten Tagen nochmals alles getan, seine Gefühle auf die Spieler zu übertragen. Während des kurzen Trainingslagers in Thun spürt er, dass «die ganze Luft besonders ist». So sagt er das und meint damit, dass die Spieler bereit für die Aufgabe sind, dass sie an den Sieg glauben.

Zur Motivation hat der FCZ für sie ein Video zusammengeschnitten, in dem ihre Partnerinnen und Eltern ihnen allerlei nette Dinge wünschen. Frey kommen die Tränen, als er es sieht. Die Stimmung in der Kabine ist vor dem Spiel so aufgeladen, dass Frey sagt: «Es hat gebrannt.»

Der FCZ hat eine Schwäche: Ihm gelingt trotz vieler Chancen bis zur Pause nur ein Tor. Dass das zur Führung reicht, liegt auch an der grossartigen Rettungstat von Thelander auf der Linie bei einem Schuss von Assalé. Thelander ist stark, Brunner ist sehr stark, beide verlassen den Verein. YB dagegen tut es weh, dass seine Sturm-Asse Hoarau und Assalé nur je eine gute Szene haben.

Dabei wäre es beim FCZ beinahe zum Bruch gekommen. Magnin wechselt zur Pause Sangoné Sarr ein. Ein Entscheid mit Folgen. 22 Minuten später sieht Sarr Gelb-Rot. Er hat zweimal zu viel gefoult. Doch auch in Unterzahl verliert der FCZ seinen Mut nicht. Antonio Marchesano zieht mit einem Übersteiger an Nuhu vorbei, der YB-Brocken kann nur noch nachschauen, wie Marchesano seine Aktion mit dem zweiten Tor krönt.

Dann, kurz vor vier, stürmt Magnin los. Und YB wird zum traurigen Verlierer, der die Fairness wahrt und Spalier für die Sieger steht. Adi Hütter geht vor die Kurve und verneigt sich zum Abschied. Er sagt: «Der FC Zürich ist ein verdienter Cupsieger.»

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