«Die Vorteile liegen eher bei Atlético»

Acht Jahre spielte Uli Stielike für Real Madrid. Vor dem Champions-League-Final der Königlichen gegen Atlético in Lissabon warnt er aber vor dem Stadtrivalen.

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Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Dreimal wurde Uli Stielike zwischen 1977 und 1985 mit Real Madrid Meister, in seinem letzten Jahr gewann der Deutsche mit den Königlichen den Uefa-Cup. Dann verabschiedete er sich in die Schweiz, wurde mit Xamax zweimal Meister und später Coach der Nationalmannschaft. Heute ist der 59-Jährige nach fünf Jahren als Coach in Katar ohne Verein. Er wartet in Deutschland auf neue Angebote. «Ich bin flexibel», sagt er. Den Champions-League-Final am Samstagabend geniesst er in aller Ruhe vor dem Fernseher.

Uli Stielike, was verbindet Sie heute noch mit Real Madrid? Es besteht eine emotionale Verbindung. Es ist zwar lange her, dass ich in Madrid war, aber ich habe acht Jahre da verbracht. Also ist es klar, dass meine Sympathien Real gehören, obwohl kaum mehr Leute von damals im Verein arbeiten. Emilio Butragueño ist eine Ausnahme (er gehört zum Management des Vereins).

Gehen Sie davon aus, dass Real «La Décima» feiert, den zehnten Gewinn des wichtigsten Clubwettbewerbs? Nein, ich finde, dass die Vorteile eher bei Atlético liegen.

Warum? Weil die Mannschaft in einem dramatischen Finale den Meistertitel der Primera División gewonnen hat, erst noch im Camp Nou. Das gibt mächtig Auftrieb. Sie hatte eine überragende Saison gekrönt. Und wer das zustande bringt, braucht sich vor keinem Gegner zu fürchten. Wenn ich die beiden Mannschaften miteinander vergleiche, rechne ich mit einer ganz engen Angelegenheit in Lissabon. Es riecht sehr nach einer Verlängerung.

Was spricht für Real? Es hängt alles von Cristiano Ronaldo und Gareth Bale ab. Sind die beiden in einer entsprechenden Verfassung, also richtig fit, sind sie kaum zu bremsen und können die Partie entscheiden. Atlético-Trainer Diego Simeone wird vor allem die Überlegung anstellen: Wie können wir diesem Duo die Wirkung nehmen?

Was zeichnet Atlético aus? Der unbedingte Arbeitswille, die unheimliche Energie, die physische Präsenz.

Das passt ganz gut auch als Beschreibung des Trainers. Simeone wirkt wie das pure Gegenstück zu Carlo Ancelotti. Ancelotti hat sich über viele Jahre auf Topniveau bewiesen und sich eine Gelassenheit angeeignet. Er erinnert mich an Vicente del Bosque, wenn ich ihn sehe. Und was Simeone angeht: In zehn Jahren wird auch er etwas ruhiger an der Seitenlinie stehen.

Was bedeutet es, dass sich zwei spanische Vertreter im Final der Champions League begegnen? Es ist eine Auszeichnung für den spanischen Clubfussball und ein Hinweis auf die bevorstehende WM.

Nämlich? Dass Spanien einer der grössten Titelkandidaten ist. Ich sehe in Europa jedenfalls keine bessere Mannschaft.

Trauen Sie Deutschland den Coup nicht zu? Die Deutschen kommen gleich hinter Spanien, sie haben in den vergangenen Jahren enorm aufgeholt. Den Unterschied zu Spanien gibt es nicht mehr. Die Mannschaft hat die Qualität, sehr lange in Brasilien im Turnier zu bleiben.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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