Die Mücke und die alte Elefantendame

In der Schweiz trifft YB nach Belieben, in Europa steht kein Tor zu Buche. Diese Diskrepanz wirft Fragen auf.

Kein Durch­kommen: YB-Stürmer Guillaume Hoarau konnte sich in Turin nur einmal in Abschlussposition bringen.

Kein Durch­kommen: YB-Stürmer Guillaume Hoarau konnte sich in Turin nur einmal in Abschlussposition bringen.

(Bild: Keystone)

Dominic Wuillemin

Am Dienstag läuft in Turin die 75. Minute, als sich eine Szene ereignet, die viel über die Physio­gnomie der Partie aussagt. Juventus führt zu diesem Zeitpunkt 3:0, YB findet für einmal ein wenig Platz vor. Der eingewechselte Sandro Lauper erspäht eine Lücke, die es ihm ermöglicht, hindurchzuschiessen. Sein Schlenzer aus zwanzig Metern, den Juventus-Goalie Wojciech Szczesny pro­blemlos abwehren kann, ist und bleibt der einzige YB-Torschuss.

In der Super League stossen die Berner in neue Sphären vor. Sie haben neun von neun Spielen gewonnen. Sie haben dabei – nicht minder beeindruckend – 32 Tore erzielt. Allein in der Woche vor der Partie gegen Juventus ge­langen ihnen gegen Basel, St. Gallen und Thun 13 Treffer. Anfang Oktober trägt von den fünfzehn besten Torschützen der Liga fast die Hälfte Gelb-Schwarz.

Doch in Europa sind die be­achtlichen Zahlen nichts wert. Im Stade de Suisse forderten die Young Boys Manchester United beim 0:3 immerhin eine halbe Stunde lang. In Turin erinnerte ihr Bemühen an eine Mücke, die versucht, eine alte Elefanten­dame zu stechen. Die Gelb-Schwarzen konnten nicht durchdringen. Die Turiner Dreierkette Barzagli, Bonucci, Benatia, zusammen 99 Jahre alt, erlebte einen geruhsamen Abend.

Diese Diskrepanz bei YB zwischen ­heimischem und europäischem Schaffen wirft Fragen auf. Über das Niveau der Super League etwa. Aber auch, ob die Harmlosigkeit der Berner in der Königsklasse eher der Stärke der Gegner oder den eigenen Mängeln geschuldet ist? Oder beidem?

Guillaume Hoarau, der seit seinem Wechsel 2014 zu YB fast nach Belieben trifft, hing gegen Ju­ventus so sehr in der Luft, dass sein rüdes Tackling auch als verzweifelter Versuch interpretiert werden kann, endlich einmal den Ball berühren zu dürfen. Hoarau sagt danach: «Uns fehlt es in der Champions League an Erfahrung. Das wirkt sich auch auf unsere Offensivbemühungen aus.»

Ein Tor gegen die Blockade

Dass die mangelnde Routine das Spielgeschehen beeinflusste, glaubt auch Christian Fassnacht. In der Super League führt der Flügel gemeinsam mit Hoarau und Thuns Sorgic die Torschützenliste an, gegen Juventus hatte er keinen Stich. «Wir spielten unsere Aktionen zu wenig kon­sequent aus», sagt Fassnacht. «Für uns sind solche Spiele Neuland. Das hat zur Folge, dass wir in der Nähe des Tores zu lange überlegen, die letzte Überzeugung vermissen lassen.» Zudem sei das Selbstvertrauen ein Faktor, meint Fassnacht zu wissen. «Man holt es sich erst mit Erfolgserlebnissen. Und zwar auf internationaler Bühne.» Auch Hoarau ist der Meinung, ein Tor könnte viel verändern. «Dann wäre die Blockade gelöst.»

Bleibt der Gegner, der am Dienstag ein grosser war. «Juventus verfügt in allen Mannschaftsteilen über enorm viel Klasse», sagt Hoarau. Und Fassnacht sagt, dies zeige sich auch in der Kaltblütigkeit. Paulo Dybalas 1:0 war der erste Torschuss von Juventus. Und der Anfang vom Ende für YB.

Berner Zeitung

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