«Die Leistung regelt alles, fertig»

Thorsten Fink vor dem Saisonstart gegen YB: Basels Meistertrainer hat grosse Lust auf weitere Titel.

«Xhaka hält den Heiligen Geist nicht für einen Raubvogel»: FCB-Coach Thorsten Fink ist von der forschen Jugend in seiner Mannschaft angetan.

«Xhaka hält den Heiligen Geist nicht für einen Raubvogel»: FCB-Coach Thorsten Fink ist von der forschen Jugend in seiner Mannschaft angetan.

(Bild: Keystone)

Seit 2002 wurde der FC Basel sechs Mal Meister, zuletzt zweimal in Folge. Erwartet wird nun eine Saison, die Spannung verspricht wie seit langem nicht mehr.

Thorsten Fink (43) sagt: «YB, Zürich, Basel, das sind die Favoriten. Sion hat Aussenseiterchancen. Dahinter kann alles passieren. Die Aufsteiger pflegen offensiven Fussball. Es gibt kein Team mehr, das acht-, neunmal in Folge gewinnen wird, und der Meister wird nicht mehr 80 Punkte holen. Es wird enger. Und Zürich wird uns dieses Jahr vielleicht einmal schlagen . . .

Der FCZ ist sehr eingespielt und hat einen Trainer, der Charakter reinbringt. Bei YB läuft einiges. Christian Gross liess früher einen englischen Stil spielen, jetzt aber nicht mehr.Es ist für uns ziemlich schwierig, in der Champions League zu spielen und gleichzeitig den Titel zu verteidigen. Wenn man gegen Bayern oder Barcelona spielt und ein paar Tage später gegen eine kleinere Mannschaft antreten muss, ist das nicht die gleiche Motivation. Das bleibt im Unterbewusstsein haften, da kann ich so viel reden, wie ich will.

Unsere Ziele sind klar: Meister werden, den Cup holen – und in der Champions League für eine Überraschung sorgen, ich möchte im europäischen Geschäft bleiben und die Schweizer Liga würdig vertreten. Nur: Wenn wir Mannschaften wie Barcelona kriegen oder wie Real Madrid und als dritten Gegner Manchester City, wird es schwierig.»

Ein Hoch auf die Liga

Fink schwärmt von der Ausbildungsarbeit in der Schweiz. Bei seinen deutschen Landsleuten sieht er vor allem «laufen und kämpfen», hier dagegen den taktischen, offensiven Fussball.

«Ich bin von der Super League positiv angetan. Ich sage es jedes Mal: Bitte, wir dürfen den Verband loben für die Erfolge der U-17 oder jetzt der U-21, aber als Allererstes möchte ich die Klubs loben. Bei uns wird super gearbeitet, wie bei Zürich, bei GC, wie überall. Wer setzt die Spieler ein? Wir Trainer geben ihnen die Chance, in der Super League zu spielen. Deshalb hat sich die U-21 so gut entwickelt.Ich spreche für alle Trainer, für Sforza mit Emeghara, für Yakin mit Klose, für Fischer mit Mehmedi, mit Koch. Ich könnte noch zig junge Spieler des FCZ nennen, die ich interessant finde. Genauso könnte das der FCZ bei uns tun. Überall gibt es Nachwuchstalente, die sich bereits durchsetzen. Demnächst werden Schweizer Spieler nicht nur einfach in die Bundesliga wechseln, sondern zu einem Topklub. Das ist eine super Entwicklung für die Schweiz.»

Spekulationsobjekt Shaqiri

Das Ausnahmetalent beflügelt die Fantasie der Boulevardschreiber: Shaqiri zu Manchester United? Zu Tottenham? Zu Bayern? Zur Roma? Zu Aston Villa? Nach St. Petersburg? Oder Liverpool?

«Der Junge hat nicht unbedingt Starallüren. Aber wenn er über die Strasse läuft, ist es auch nicht so, dass er sagt: Ich bin der kleine Shaqiri. Er zeigt schon, wer er ist. Er hat ein unheimliches Selbstvertrauen. Shaqiri ist Symbol der heutigen Jugend. Die lässt sich nichts mehr gefallen. Und trotzdem braucht sie eine Führung. Dafür bin ich dann da.Er muss einfach immer wissen, wo er in der Hierarchie steht. Er kann der Leader der Jungen sein, von mir aus. Aber er ist nicht ausgereift. Wenn er ganz nach oben will, muss er an seiner Torgefährlichkeit arbeiten. Er muss sich ständig weiterentwickeln wollen. Für mich ist entscheidend, dass er auf dem Platz die Leistung bringt, dass er einen oder zwei Tage vor einem Spiel nicht durch die Discos zieht. Letzten Herbst habe ich ihn einmal gescholten, weil er im Training nicht fleissig war. Das ist jetzt gut. Die Gerüchte über seine Zukunft nehmen wir nicht ernst. Das Angebot des HSV vor einem Jahr war konkret. Und ich weiss jetzt von einer Anfrage, die interessant tönt. Ich kann leider nicht sagen, wer angerufen hat. Ich kann Xherdan natürlich raten, besser weiter hier zu spielen, als irgendwohin zu gehen, wo er nur zweite, dritte Wahl ist. Das Scheitern Nassim Ben Khalifas in der Bundesliga ist allen Jungen eine Lehre. Shaqiri zeigt den richtigen Weg vor.»

Das Duell der Generationen

Benjamin Huggel geht mit seinen 34 Jahren dem Ende der Karriere zu. Bedrängt wird er vom 18-jährigen Granit Xhaka.

«Wir haben auf den zentralen Positionen im Mittelfeld genügend gute Leute. Jeder von denen ist praktisch Stammspieler. Wir bestreiten in einer Saison etwa 50 Partien, alle werden zu ihren Einsätzen kommen. Huggel sieht die Situation relaxt. Er will nicht Weltmeister werden, sondern Meister mit dem FCB. In der Vorbereitung hatte er die beste Phase, seit ich hier bin.Huggel ist auch clever, er weiss: Granit gehört die Zukunft. Nur heisst das nicht, dass Beni deswegen zehnmal draussen sitzt. Es wird rotiert. Wenn ich merke, dass Xhaka eine Pause braucht, bekommt er sie. Vielleicht spielen einmal Huggel und Xhaka zusammen, dafür ist Yapi Ersatz. Xhaka ist jetzt leider verletzt, aber sehr vernünftig, immer pünktlich, trainingseifrig, er will nach oben und hat keine Angst vor grossen Namen. Er verkörpert genau das, was der FCB will. Xhaka lässt sich auf dem Platz nichts gefallen, das gefällt mir. Er hält den Heiligen Geist nicht für einen Raubvogel.Für mich birgt der Kampf zwischen Alt und Jung keinen Konflikt. Konkurrenz tut auch Huggel gut. Auch Frei ist in zwei Jahren vielleicht in der gleichen Situation. Die Leistung regelt alles, fertig. Das heisst nicht, dass ich Alex Frei nach drei schlechten Spielen rausnehme, weil ich weiss: Irgendwann schiesst er seine Tore wieder. Federico Almerares war ein Trainingsweltmeister. Hätte ich nur nach diesen Eindrücken aufgestellt, wäre er immer vor Frei zum Zug gekommen. Aber das geht nicht.»

Alex Frei, der Torjäger

Mit 27 Toren erzielte Alex Frei letzte Saison mehr als ein Drittel aller FCB-Treffer. Der 32-Jährige ist unverzichtbar.

«Im Moment ist Frei topfit. Er gibt Gas, ein Wahnsinn. Alex will wieder etwas erreichen. Er ist für uns ein guter Torjäger, aber er erfüllt nur seine Aufgabe. Als Stürmer ist er abhängig von den Bällen, die er kriegt. Streller passt sehr gut zu ihm, bereitet viele Treffer vor und legt Wege für Alex zurück. Ich erwarte von Alex nicht, dass er wieder 27 Tore erzielt. Er kann auch 20 machen und Streller dafür drei, vier mehr. Oder Shaqiri schiesst drei, vier mehr.Frei ist keiner, der drei Gegner ausdribbelt wie Messi und das Tor macht. Wenn er richtig eingesetzt wird, ist das Ding aber drin. Frei weiss auch, dass eine Gruppe einen Spieler retten kann, aber umgekehrt wird es schwierig. Jeder muss wissen, dass er ersetzbar ist. Der FCB arbeitet so gut, dass er immer oben steht. Das war auch schon ohne Frei so und auch ohne Thorsten Fink.»

Finks Entwicklung

2009 war er der überraschende Nachfolger von Christian Gross. Wenige Monate zuvor war er bei Ingolstadt in der 2. Bundesliga entlassen worden.

«Meine richtige Lehrzeit als Trainer war Ingolstadt. Da stieg ich zuerst auf und spielte danach gegen den Abstieg – und das in einem nicht so professionellen Umfeld. Am Anfang war ich in Basel für die Leute der Junge mit dem frechen Mundwerk. Dabei war ich nur selbstbewusst. Ich habe nie gesagt, wir würden die Champions League gewinnen. Ich habe nur realistische Ziele ausgegeben.In Basel habe ich mich nicht gross verändert. Aber nun habe ich eine andere Akzeptanz. Die Leute schauen auf mich. Sie fragen sich: Wie hat er es geschafft, zweimal die Meisterschaft und einmal den Cup zu gewinnen?Vor mir war ein Trainer hier, der seinen Stil durchsetzte. Ich möchte den Führungsstil von Christian Gross nicht beurteilen, ich brauche auch nicht zu sagen, dass er der kumpelhafte Typ ist. Er wirkt eher als der autoritäre Typ.Es gibt verschiedene Führungsstile: den kooperativen, den autoritären, den «laisser-faire», den situativen. Ich pflege den kooperativen, situativen Stil. Der passt zu mir. Dadurch wirke ich authentisch. Ich will nichts spielen, was ich nicht bin. Wenn ich das täte, würde das die Mannschaft merken. Man darf sich nicht verbiegen lassen.Mit einem 18-Jährigen muss ich anders umgehen als mit einem 30-Jährigen. Wenn einer Probleme mit der Ehefrau hat und ich noch draufhaue, glaube ich nicht, dass er fähig ist, Leistung zu bringen. Wenn ich die Spieler nur streicheln würde, käme ich nicht zu meinen Erfolgen. Ich darf nicht nur der Zarte sein. Ich darf nicht zu viel Nähe zu den Spielern haben. Wenn ich merke, dass sie zu locker werden, werfe ich den Anker. Dann sage ich: So und so läuft es. Das habe ich bisher nicht so schlecht gemacht, oder?»

Seine Ambitionen

Fink zu Wolfsburg? Zu Köln? Auch über seine Zukunft wurde spekuliert. Er habe nie Kontakte zu einem anderen Klub gehabt, sagt er. Sein Vertrag läuft bis 2013.

«Ich möchte mir keine Gedanken über andere Klubs machen. Ich weiss, wenn ich noch ein Jahr hier bin und dann noch eines, kann ich immer noch den Versuch starten, mich bei einem anderen Topklub durchzusetzen. Wenn denn einmal ein Angebot kommt.Ich möchte Titel holen. Ich könnte meine Sammlung um zwei Titel erweitern – wenn ich einmal von zwei in den nächsten zwei Jahren ausgehe. Das schadet nicht für meine Zukunft, egal wie lange ich hier bin. Doch ich kann nicht heute allen Ernstes sagen, dass ich zehn Jahre bleibe. Schauen wir, was wird.»

Tages-Anzeiger

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