Die Ankunft des Technikers

Grégory Karlen verliess die Heimat, um seine Karriere neu zu lancieren. Nun ist der Walliser beim FC Thun zur Stammkraft gereift.

Formstark: Grégory Karlen hat sich beim FC Thun etabliert.

Formstark: Grégory Karlen hat sich beim FC Thun etabliert.

(Bild: Christian Pfander)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Es schien etwas heranzuwachsen im Wallis, im Frühling vor einem Jahr. Eine spielstarke, offensiv ausgerichtete Mannschaft, die YB und Basel herausfordert, sollte der FC Sion werden. Und mittendrin Grégory Karlen, Eigengewächs, das seine ganze Karriere in Sion verbracht hatte. Am liebsten, sagte der damalige Trainer Peter Zeidler einmal, hätte er vier oder fünf Spieler wie Grégory Karlen in der Mannschaft. Zu diesem Zeitpunkt ist der heute 23-Jährige Stammspieler und reitet mit Sion auf einer Erfolgswelle. Die Sittener haben sich in der Super League hinter Basel und YB etabliert und stehen im Cuphalbfinal.

Betrachtet man nur diesen Abschnitt in Grégory Karlens Karriere, könnte man schnell zum Schluss kommen, dass diese stets linear verlaufen sei, dass er sich kontinuierlich nach oben gearbeitet habe durch die Juniorenabteilung bis in die erste Mannschaft, wie dies schon sein Grossvater, Vater, Onkel und Bruder getan hatten, und dass er irgendwann nicht nur von Zeidler gelobt werden würde, sondern auch von ausländischen Scouts, die ihn verpflichten möchten.

Der schweigende Gabri

Nun, so mustergültig sollte der Aufstieg nicht laufen. Das schnell drehende Walliser Trainerkarussell beeinflusst auch Karlens Situation, und als Zeidler entlassen wird, wird alles anders. Bei Sébastien Fournier und Paolo Tramezzani kommt er deutlich weniger zum Einsatz und ist oft Ergänzungsspieler. Als er am 24. September letzten Jahres im Spiel gegen die Young Boys in der 54. Minute ausgewechselt wird, ahnt er nicht, dass er das vorerst letzte Mal für die Sittener gespielt hat.

Ende Oktober übernimmt Gabri die Geschicke beim FC Sion. Der Katalane kommt aus der Jugendakademie des FC Barcelona, hat die Philosophie von «La Masia» verinnerlicht, setzt konsequent auf Ballbesitz und Kurzpassspiel. Die Ernennung des neuen Trainers schürt in Grégory Karlen, dem guten Techniker, die Hoffnung, dass nun wieder vermehrt auf ihn gesetzt werden wird. Doch diese weicht schnell der Ernüchterung, als er trotzdem immer noch zwischen Tribüne und Ersatzbank pendelt und ausschliesslich in der U-21 der Sittener zum Einsatz kommt. «Ich dachte, ich würde in der ersten Mannschaft spielen. Aber meine Chance ist nie gekommen.»

Karlen spricht von einer «schwierigen Zeit» und erzählt, dass Gabri nie mit ihm gesprochen und ihm erläutert habe, weshalb er ihn nie berücksichtige. Für den sensiblen Walliser, der nur zu gerne den Weg seiner Verwandten weiter gegangen wäre, ein Umstand, der für ihn auch psychisch nicht einfach zu verarbeiten ist. Und so kreist in Karlens Kopf mehr und mehr der Gedanke, dass es an der Zeit sein könnte, seinen Stammverein zu verlassen. «Ich wollte einfach wieder spielen», sagt Karlen.

Der beratende Gaëtan

Der Kontakt zu Thun kommt im Januar zu Stande, als sich die Sittener im Militär-Camp in Montpellier auf die Rückrunde vorbereiten. Karlen tauscht sich mit seinem anderthalb Jahre älteren Bruder Gaëtan aus, der Anfang 2015 für ein halbes Jahr im Oberland spielte. Da dieser nur Positives zu berichten weiss, unterzeichnet Grégory wenig später einen Leihvertrag bis Ende Saison. «Ich bin sehr glücklich, dass ich hier eine neue Chance erhalten habe», sagt Karlen, der nebenbei ein Fernstudium in Wirtschaft absolviert.

In der Rückrunde hat der Walliser bisher zwölf Spiele für die Thuner bestritten, neunmal hat er durchgespielt und sich im zentralen Mittelfeld einen Stammplatz erkämpft. Er habe ein bisschen Zeit gebraucht, um sich im neuen Umfeld, zum ersten Mal ausserhalb des Wallis, an einem Ort, wo nicht Französisch gesprochen wird, zu integrieren, sagt Karlen. Nun aber fühle er sich sehr wohl, was auch sein Trainer bestätigt.

Der lobende Schneider

«Er ist so richtig angekommen», sagt Marc Schneider. Er lobt Karlens Übersicht, Spielverständnis und Kopfballspiel und spricht von Qualitäten, die den FC Thun weiterbringen würden. «Er bringt alles mit, was ein zentraler Mittelfeldspieler braucht.» Der 37-Jährige sagt aber auch: «Er kann noch mehr.»

In Sion habe er immer den Bonus des Eigengewächses gehabt, in Thun seien die Erwartungen jedoch von Anfang an höher gewesen. Karlen sollte als offensiver Mittelfeldspieler Tore schiessen und vorbereiten, einen Teil der Skorerpunkte sammeln, die den Thunern mit dem Abgang von Simone Rapp zu Lausanne in der Winterpause abhanden gekommen waren. Und als sich Moreno Costanzo im März das Kreuzband riss, wurde Karlen für die Thuner noch wichtiger. «Ich weiss wie es ist, so schwer verletzt zu sein. Da kann ich mich nicht darüber freuen, wenn ich jetzt deswegen mehr spiele», sagt Karlen. 2014 fiel er zweimal wegen einer Kniescheibenverletzung mehrere Monate aus.

Schneider sagt, dass Costanzos Verletzung sicher einen Einfluss auf Karlens Spielzeit gehabt habe, aber: «Er hätte sich sicher auch ohne diese Verletzung durchgesetzt. Davon bin ich überzeugt.»

Karlens Leihvertrag endet im Sommer. Die Thuner besitzen eine Kaufoption, die wohl eingelöst werden dürfte. Die beiden Parteien werden das Gespräch suchen, sobald das Sportliche «in die richtigen Bahnen gelenkt» worden sei, wie es Schneider ausdrückt. «Ich würde gerne hier bleiben», sagt Karlen. Und Schneider sagt: «Wir haben die gleiche Absicht wie er.» Die Chancen stehen also gut, dass nächste Saison zwar nicht vier aber doch immerhin ein Karlen bei Thun im Kader stehen wird.

Berner Zeitung

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