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Der verflixte Rücken

Kevin Bigler durchlebt schwere Zeiten. Wegen einer Rückenverletzung muss der 24-jährige Thuner Mittelfeldspieler seit Wochen zuschauen. Wann er auf den Platz zurückkehren kann, ist ungewiss.

Alternativtraining: Thuns Mittelfeldspieler Kevin Bigler muss auf seinen Rücken achtgeben. Auf dem Hometrainer hält er sich fit.
Alternativtraining: Thuns Mittelfeldspieler Kevin Bigler muss auf seinen Rücken achtgeben. Auf dem Hometrainer hält er sich fit.
Christian Pfander

«Warum ausgerechnet ich?» Die Frage hat sich Kevin Bigler in den letzten Wochen oft gestellt. Es sind die Minuten nach dem 4:3-Heimsieg gegen den FC Vaduz, bei dem Thuns Allrounder einmal mehr gefehlt hat, wie immer in der Rückrunde – offiziell wegen eines Hexenschusses. Inoffiziell ist es schlimmer.

Routinier Nelson Ferreira steht an diesem Abend in den Katakomben der Stockhorn-Arena, er sagt, was Fussballer in einem solchem Moment eben sagen. Dann jedoch weicht das Gespräch vom üblichen Verlauf ab. Der 34-Jährige meint zum Schicksal Biglers, er wünsche seinem Teamkollegen nur das Beste. «Es sieht leider nicht gut aus mit dem Rücken.»

Der Einzelkämpfer

Zehn Tage später, der Dienstagvormittag dieser Woche. Kevin Bigler empfängt vor der Garderobe des FC Thun. Die vier Wände sind das Reich der Fussballer, ihr Rückzugsort. Einblicke an Aussenstehende werden nicht gewährt. Frei nach dem Motto: Was in der Kabine passiert, bleibt in der Kabine.

Es sind oft die Momente, die sich darin abspielen, die Gespräche, die Emotionen, welche die Fussballer nach dem Ende ihrer Karriere so sehr missen. Bigler trägt Trikot und Jogginghose in den Klubfarben. Er sieht aus wie einer von ihnen. Und doch ist er gerade vor allem eines: ein Einzelkämpfer.

Er empfindet es als entscheidend, nicht zu weit weg vom Team zu geraten. Deshalb ist er bei den Matchs dabei, trifft sich mit den Kollegen zum Essen. Aber: Die Nähe, die er sucht, kann gleichzeitig auch belastend sein. Weil sie ihm zeigt, wie weit der Weg zurück ist. «Die Konkurrenz schläft nicht», sagt er. Es gelte, den Mut nicht zu verlieren. Der 24-Jährige kommt gerade vom Aquajogging. An ein Training mit Ball ist momentan nicht zu denken.

Der verhängnisvolle Vorfall

Es passiert Ende Januar. Die Winterpause ist fast zu Ende, die Rückrunde beginnt in wenigen Tagen. Kevin Bigler ist voller Tatendrang, er blickt auf die besten Monate seiner Karriere zurück. Seit September hat er jedes Spiel absolviert, nach Jahren mit etlichen Rückschlagen ist er in Thun endlich etabliert. «Dafür hatte ich lange gekämpft», sagt er.

Bei einem Torabschluss an diesem Montagmorgen trifft der Gümliger den Ball nicht recht. Er bemerkt ihn sofort, den stechenden Schmerz im Rücken. Bigler muss die Übungseinheit abbrechen, Hexenschuss lautet die Diagnose. Er ist enttäuscht, klar. Aber schon bald sagt er sich: «Alles halb so schlimm. Ein, zwei Wochen vielleicht, dann kann ich auf den Platz zurückkehren.»

Doch die Schmerzen bleiben. Und sie werden bald schlimmer. Zwanzig Tage nach dem Zwischenfall lässt sich Bigler genauer untersuchen. Ein MRI ergibt, dass er einen Bandscheibenvorfall erlitten hat. Wie 2012, als er sich in der Folge einer Operation unterzogen hatte und fast zwei Jahre lang keine Partie in der Super League bestritt.

Bigler ist am Boden zerstört. Was er zuvor nicht wahrhaben wollte, zeigt ihm der Arzt schwarz auf weiss. «Das war der Tiefpunkt», sagt er. Es folgen emotionale Stunden im Kreise der Familie.

Die Zweifel

Mittlerweile geht es Kevin Bigler besser, zweimal die Woche lässt er sich am Rücken therapieren. Daneben versucht er, sich fitzuhalten, so gut es geht. In diesen Tagen will er das Krafttraining wieder aufnehmen. Aber es bleibt ein Auf und Ab.

Da sind die alltäglichen Dinge wie das Sockenanziehen, bei denen sich der Rücken bemerkbar macht. Da ist die Ungewissheit, weil anders als bei einer Muskel- oder Bänderverletzung ihm kein Arzt pro­g­nos­ti­zie­ren kann, wie lange der Heilungsverlauf andauert. Da sind die Rückschläge, wenn die Schmerzen nach einer Übungseinheit auf dem Hometrainer zurückkehren. Und da sind die Zweifel, die Bigler immer mal wieder beschleichen.

Als er sich vor fünf Jahren das ­erste Mal am Rücken verletzt ­hatte, riet ihm ein Arzt, er solle mit dem Fussballspielen aufhören. Den Satz hat er jetzt wieder öfters im Kopf. «Warum ausgerechnet ich?»

Die Motivation

Ende nächster Woche wird Bilanz gezogen. Kevin Bigler hofft, danach bald wieder auf den Platz zurückkehren zu können. Die Rückrunde hat er nicht abgehakt. Tritt keine Besserung ein, wäre der nächste Schritt, sich Kortison spritzen zu lassen. Auch wenn ihm dies eigentlich zuwider ist, er eine konservative Methode bevorzugt.

Eine erneute Operation jedenfalls kommt für Bigler ziemlich sicher nicht mehr infrage. Jedenfalls nicht, wenn deren einziger Zweck sei, die Karriere um ein paar Jahre zu verlängern.

Kevin Bigler sagt, der Rücken werde ein Leben lang seine Schwachstelle bleiben. Aber er hat immerhin die Gewissheit, vor dem letzten Zwischenfall ein Jahr verletzungsfrei gewesen zu sein, kein Training verpasst zu haben. «Das zeigt mir, dass es geht. Und das motiviert mich in dieser schwierigen Zeit», sagt er. «Ansonsten wäre ich jetzt völlig verzweifelt.»

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