«Der Sport hat keine Lobby in der Berner Politik»

Seit letzten Herbst ist Wanja Greuel CEO bei YB. Im ersten Interview spricht der 39-Jährige über seine Arbeit und Projekte, über das Verhältnis zum SCB und die Brüder Rihs, den Stadionnamen und die Trainingsplatzproblematik.

«Dann haben wir gleich ein ausverkauftes Stade de Suisse»: Wanja Greuel über die Dynamik rund um den Klub. Im August 2016 spielte YB vor über 30 000 Zuschauern gegen Gladbach.

«Dann haben wir gleich ein ausverkauftes Stade de Suisse»: Wanja Greuel über die Dynamik rund um den Klub. Im August 2016 spielte YB vor über 30 000 Zuschauern gegen Gladbach.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Wo steht YB im Sommer 2017?Wanja Greuel: Wir sind gut auf­gestellt, haben kompetente, motivierte, leidenschaftliche Mitarbeiter und sind daran, Klub und Stadion in die Zukunft zu führen.

Welches ist dabei Ihre wich­tigste Aufgabe?Die Finanzierung des Betriebs zu gewährleisten. Und dafür zu sorgen, dass wir endlich wieder selbsttragend werden.

Ist das realistisch?Ja, das ist es. Aber es ist ein langer, beschwerlicher Weg.

Seit 2010 verlor YB Jahr für Jahr über 10 Millionen Franken, die Besitzer haben über 60 Millionen eingeschossen......das schreiben Sie immer, wir kommentieren keine Zahlen...

...aber es ist Fakt, dass Andy und Hans-Ueli Rihs genug von den hohen Defiziten haben, zumal YB in dieser Zeit nicht einmal in die Nähe eines Titels kam.Es ist bekannt, dass wir die Ausgaben reduzieren und die Einnahmen steigern müssen. Das können wir im Stadionbereich bei Sponsoring und Hospitality sowie bei den Events. Und im Sport, wo der Hebel deutlich grösser ist, etwa auf dem Transfermarkt, wo wir diese Saison bemerkenswerte Einkünfte generieren.

Über 20 Millionen dank der Verkäufe von Florent Hadergjonaj, Yuya Kubo, Yvon Mvogo sowie bald Denis Zakaria.Das ist reine Spekulation, zumal Denis Zakaria noch bei uns ist. Und noch einmal: Es ist der Wunsch unserer Besitzer, dass wir in der Öffentlichkeit nicht über Zahlen sprechen. Es geht insgesamt darum, dass wir kostenbewusster arbeiten. Es kann nicht sein, dass YB wie in den letzten Jahren den Ruf besitzt, ein angenehmer Verhandlungspartner zu sein. Die Kultur verändert sich bei uns, doch das geht nicht von heute auf morgen.

Wo sehen Sie Potenzial?Man kann und muss sich immer verbessern, das ist mein Motto. Jeden Tag. Und in jedem Bereich. Sehen Sie, wir sind ein äusserst heterogener Betrieb, wie es ihn selten gibt. Wir haben die Abteilungen Marketing, PR, Finanzen, Informatik, Medien, Administration, wir haben Trainer, Spieler, Techniker, wir haben Gastroangestellte, so geht das immer weiter. Da haben sich in all den Jahren viele Eigenheiten entwickelt; nun ist es unsere Aufgabe, die unterschiedlichen Abteilungen wieder besser zu verzahnen.

«Holt YB einen Titel, heisst es, der Greuel habe gut gearbeitet.»

Wie stellen Sie sich das vor?Das ist eine langfristige Angelegenheit. Bei uns gibt es zum Beispiel rund 50 verschiedene IT-Programme in allen Ressorts, ­vieles ist nicht ganzheitlich aufgegleist. Das ändern wir. Zudem freuen wir uns sehr, dass wir wahrscheinlich ab Frühjahr 2018 alle Büros auf der Haupttribünenseite im Stade de Suisse haben werden, bei YB wird dann nicht mehr in den Räumlichkeiten hinter dem Tor gearbeitet, diesen Bereich können wir vermieten. So werden die Wege kürzen, wir können Geld sparen, Geld verdienen, effizienter werden. Das ist nur ein Beispiel, wie wir die Zukunft angehen.

Können Sie ein anderes nennen?Bezüglich Sponsoring planen wir gerade den VIP-Bereich komplett neu, nach einigen Jahren muss man den Sponsoren Neues bieten, wir werden ab Februar 2018 drei verschiedene Bereiche haben und das beste Hospitalityangebot der Schweiz anbieten.

Dieser Umbau kostet viel Geld.Genau, aber das muss sein. Manchmal muss man investieren, bevor man erntet.

Man hört, die Brüder Rihs suchen seit längerem einen Käufer für das Stade de Suisse und YB und seien mittlerweile bereit, den Betrieb gratis abzugeben, weil sie genug davon haben, ­immer mehr Geld zu verlieren.Grundsätzlich reden wir nicht über solche Sachen, da werden viele Gerüchte gestreut. Zudem liegt es nicht in meinem Kompetenzbereich, Auskunft über die Pläne unserer Besitzer zu geben. Aber ich kann Ihnen versichern, dass sie mit viel Leidenschaft dabei sind, das spüre ich in den Verwaltungsratssitzungen und während der Gespräche mit ihnen. Wir sollten alle froh sein, derart grosszügige, sportbegeisterte, engagierte Besitzer zu haben, die YB so kräftig unterstützen. Aber klar ist auch, dass Stadion und Klub einen sehr hohen Wert haben.

Sie sind seit etwas mehr als einem halben Jahr im Amt. Was hat Sie am meisten überrascht?Ich bin lange im Sport tätig und weiss, welche Emotionen ausgelöst werden. Dennoch ist es erstaunlich, wie stark man von den Resultaten abhängig ist. Auch meine Arbeit wird an den Erfolgen gemessen. Holt YB einen Titel, heisst es, der Greuel habe gut gearbeitet. Gelingt uns das nicht, werde ich kritischer gesehen.

Ist das frustrierend?Es ist, wie es ist. Der Fussball ist ein unterhaltsames, dynamisches Geschäft, das macht die grosse Faszination aus. Wenn wir wie im letzten Sommer Donezk in der Champions-League-Quali­fikation ausschalten, sind alle glücklich, dann haben wir gleich zweimal ein ausverkauftes Stade de Suisse. Wenn wir gegen Winterthur im Cup zu Hause verlieren, soll alles schlecht sein.

Diese Niederlage hat YB trotz einer mehr als ordentlichen Saison weit zurückgeworfen.Ja, klar, das war schmerzhaft. Aber gegen Donezk hatten wir auch Glück, gegen Winterthur auch Pech. So ist Fussball, man kann nicht alles planen.

«Eine echte Lobby besitzt der Sport in der Berner Politik leider nicht.»

Sportchef Christoph Spycher ist Ihnen gleichgestellt, das war eine Bedingung von ihm bei seiner Anstellung im Herbst. Wie läuft die Zusammenarbeit?Sehr gut. Er verantwortet den Bereich Sport, da macht es Sinn, besitzt er Autonomie. Er ist ein ausgeprägter Teamplayer, ein Sympathieträger, kennt den Laden sehr gut, hat viel Konstruktives in die Wege geleitet. Und als CEO bekomme ich alles mit, ich sehe die Verträge, das verläuft normal. Wie gesagt: Ich finde, wir sind auf einem guten Weg. Es ist wichtig, dass bei uns Kontinuität herrscht.

Wie beim FC Basel zuletzt.Oder wie beim SCB, wo seit vielen Jahren die gleichen Verantwortlichen die Richtung bestimmen. Wir hatten in den letzten Jahren einige Managementwechsel. Das ist nicht ideal für den Betrieb.

Schadet es YB eigentlich, wenn der SCB Meister wird?Wir bewegen uns im Sponsoring in einem ähnlichen Segment. Wir freuen uns jedoch über die Erfolge des SC Bern, ich habe als Angestellter beim SCB-Vermarkter IMS gesehen, welche Bedeutung das Eishockey in dieser Stadt hat. Aber ich komme aus dem Fussball, und das ist immer noch mit weitem Abstand die Königssportart. Wir sind zudem in einem internationalen Umfeld tätig.

Man hat das Gefühl, beim SCB sei die Leistungskultur deutlich stärker entwickelt. So gesehen tun Sie YB mit Ihrer direkten, ehrgeizigen Art gut. Haben Sie die viel zitierte Wohlfühloase im Stade de Suisse aufgemischt?(lacht) Das habe ich auch schon gelesen. Ich bin seit bald zweieinhalb Jahren bei YB. In dieser Zeit habe ich viele tolle Menschen kennen gelernt, die hart für den Erfolg arbeiten. Vielleicht fehlte manchmal der Leidensdruck. Aber glauben Sie mir, wenn ich eine Wohlfühloase spüren würde, hätte diese nicht lange Bestand.

Wie sieht denn Ihre Vision mit YB und dem Stade de Suisse aus?Die Zukunft sichern, das Geschäft selber finanzieren. Aber wir verfolgen nicht nur einen Sparkurs, wir bleiben ambitioniert und sehen uns als Top-2-Klub des Landes. Doch das kann man auch mit weniger Ausgaben sein. Zudem gibt es einige Punkte, die uns auf dem Magen liegen.

Eine grosse Baustelle ist die Trainingsplatzproblematik.Sie ist katastrophal. Es gibt keinen treffenderen Ausdruck dafür. Unsere Junioren trainieren überall ein bisschen, wir haben keine Heimat. Es gibt Nachwuchsspieler, die üben seit drei Jahren nur auf Kunstrasen. Es heisst immer, Bern sei eine Sportstadt, der SCB ist die Nummer 1 des Landes, YB die Nummer 2, aber eine echte Lobby besitzt der Sport in der Berner Politik leider nicht.

Was auch an den politischen Mehrheitsverhältnissen liegt. Was fordern Sie konkret?Die Thematik ist kompliziert und besteht seit vielen Jahren, da geht es auch um Zonenplanänderungen. Aber es kann doch nicht sein, dass wir auf der grossen Allmend gegenüber dem Stadion nicht endlich einen kleinen Teil für eigene Plätze bekommen. Das ist unverständlich. Wir müssen uns die Plätze mit allen möglichen Sportarten teilen, dabei hätte es mehr als genügend Fläche, damit alle, auch die Spaziergänger und die Hundefreunde, auf ihre Kosten kommen. Wir verfolgen unser Projekt «Rasentraum» akribisch und erhoffen uns Fortschritte.

Die politischen Prozesse sind gerade in Bern äusserst langsam.Wir bilden viele Junioren aus, die später in den kleineren Klubs in der Umgebung spielen, es geht nicht nur um den Spitzensport. Und wenn wir endlich ein paar Plätze erhalten würden, könnten wir im Stade de Suisse auch einen Naturrasen einbauen, was im Sinne aller wäre. Dann würden auch Länderspiele und Cupfinals wieder in Bern stattfinden.

«Es ist klar, dass wir den Stadionnamen verkaufen müssen, wenn wir die Wirtschaftlichkeit steigern wollen.»

Wohl nicht mehr im Stade de Suisse. Wie weit sind Sie aufder Suche nach einem Stadionnamenspartner?Diese Gespräche laufen seit einigen Jahren, doch das ist ein grosser Deal. Es ist klar, dass wir den Stadionnamen verkaufen müssen, wenn wir die Wirtschaftlichkeit steigern wollen.

Es geht um rund 2 Millionen Franken im Jahr, zudem muss so ein Engagement über mehrere Jahre dauern, sonst bringt es dem Sponsor ja wenig. Zuletzt stieg der Foto-Online-Dienstleister Ifolor aus den Verhandlungen aus. Warum?Dazu nehme ich keine Stellung.

Ifolor-CEO Filip Schwarz bestätigte den Gesprächsabbruch und sagte, das Engagement passe nicht in die Firmenphilosophie.Es geht für uns in dieser Sache um Vertraulichkeit, deshalb kommentieren wir nicht jede Verhandlung. Und wir wissen auch, wie sehr es die Fans stört, heisst unser Stadion nicht mehr Wankdorf. Aber ich bin sicher, dass auch sie verstehen, dass wir Geld verdienen müssen, um einen Betrieb zu finanzieren, der auch in Zukunft viel Freude bereiten soll. Wir müssen die besten Rahmenbedingungen schaffen, um im Fussball erfolgreich zu sein.

Sie gelten als sehr ehrgeiziger Macher. Wie sehen Sie Ihre Zukunft, zumal Sie bei Vereinen und Firmen aus Deutschland und England im Gespräch waren?Da meine Frau Engländerin ist, habe ich einen Bezug zu Grossbritannien. Bevor ich zu YB kam, wäre ich fast beim FC Southampton gelandet. Ich möchte aber noch viele Jahre hier arbeiten. Wir haben viel vor, und es wäre schön, einmal mitzuerleben, was in der Stadt Bern los sein wird, wenn wir einen Titel gewinnen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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