Erhan Kavak: Der Kommunikator

Erhan Kavak trug einst das YB-Trikot und träumte von einer Profikarriere. Nun verteidigt der Berner beim Zweitligisten AS Italiana.

Ballkünstler  in der Abendsonne: Erhan  Kavak.

Ballkünstler in der Abendsonne: Erhan Kavak. Bild: Raphael Moser

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Als seine Teamkollegen die Aufwärmrunde absolvieren, posiert Erhan Kavak für ein Foto. Sie applaudieren und skandieren seinen Namen. Für einen kurzen Moment ist er wieder im Blitzlicht­gewitter. Für einen kurzen Moment ist er auf dem Sportplatz Weissenstein wieder so etwas wie in der Welt, zu deren Schwelle er vor elf Jahren gestanden ist.

Am 24. September 2006 debütiert Kavak im St. Galler Espenmoos in der Super League, an seiner Seite spielen Mario Raimondi, Gilles Yapi und Thomas Häberli. Am 30. Januar 2007 unterzeichnet der damals 19-Jährige einen Profivertrag bei den Young Boys.

Zwei ­Monate später steht er gegen die Grasshoppers erstmals in der Startaufstellung. Trainer Martin Andermatt hält viel vom flinken Mittelfeldspieler, weitere Ein­sätze in der höchsten Schweizer Liga scheinen nur eine Frage der Zeit zu sein. «Das war ein Riesentraum», sagt Kavak rückblickend.

Der Familienmensch

Doch wie so oft hält das Leben eine andere Geschichte bereit. Zwar folgen weitere Höhepunkte wie der Einsatz in der Uefa-Cup-Qualifikation gegen Lens Ende Juli desselben Jahres («Dieses Trikot habe ich zu Hause eingerahmt»), Kavak kommt bei den Bernern jedoch nur noch sporadisch zum Einsatz, wird nach Biel und Thun verliehen, und so sucht er nach dem Auslaufen seines Kontraktes eine neue Herausforderung.

Er findet sie bei Karsiyaka in der zweithöchsten Liga der Türkei, seiner zweiten Heimat. Kavak gefällts, das Derby gegen Göztepe vor 45'000 Zuschauern hat er noch heute lebhaft präsent. Kavak bleibt sieben Jahre in der Türkei, und auch wenn ihn dieses Abenteuer menschlich extrem weitergebracht hat, wie er sagt – ein Gefühl war trotzdem sein ständiger Begleiter: Der in Bern aufgewachsene Kavak vermisste seine Familie, seine Freunde, sein gewohntes Umfeld. «Es war nicht immer einfach, allein zu sein.»

Mit Fussballspielen hört er 2014 auf. Er will sich auf seine Zukunft vorbereiten, Berufserfahrung sammeln. Der 29-Jährige arbeitet gut zwei Jahre bei den Turkish Airlines, bevor er am 16. Januar dieses Jahres wieder in die Schweiz zurückkehrt. Kavak sitzt in der Garderobe des Sportplatzes Weissenstein, als er von seinem bewegten Leben erzählt.

Davon, dass er damals, im Januar 2007, als er seine Unterschrift unter den YB-Vertrag setzte, schon von einer grossen Profikarriere geträumt habe. «Aber das machen alle Jungen.» Kavak ist ein versierter, reflektierter Gesprächspartner, er sagt, dass ihm damals vielleicht die Erfahrung und Geduld gefehlt habe. «Hätte ich damals die Reife von heute gehabt, hätte es vielleicht anders ausgesehen», sagt Kavak, «aber das steht in den Sternen.»

Der Gesellige

Damit, was hätte sein können, ­beschäftigt sich der Buchhalter nicht, aber er steht nun wieder ­regelmässig auf den regionalen Fussballplätzen. Giuseppe Melina, mit dem er zu Juniorenzeiten zusammenspielte und der nun Verteidiger beim Zweitligisten AS Italiana ist, überzeugte ihn davon, sich auch den Italobernern an­zuschliessen – wobei, viel Überzeugungsarbeit war nicht nötig.

Er vermisste die Geselligkeit und Kameradschaft, die in Fussballklubs herrscht. Kavaks Comeback hat jedoch noch einen anderen Grund. «Ich habe zugenommen», sagt er und lacht. Bei Italiana will er sich wieder in Form spielen, obwohl er mittlerweile nicht mehr die laufintensivste Position innehat.

Mit seiner Erfahrung fungiert er als Abwehrchef, dirigiert und organisiert. «Er ist ein ausgezeichneter Kommunikator», sagt Matteo Galiffa, der im Trainerstab neu eine beratende Rolle einnimmt und die beiden Co-Trainer Luis Rey und Sandro De Giuseppe unterstützt. «Man merkt, dass er Profi war», sagt Rey, und De Giuseppe ergänzt: «Ihm müssen wir fussballerisch nichts beibringen.»

Der Verein hat sich eine Platzierung in den Top 5 zum Ziel gesetzt. Nach dem Sieg am Samstag gegen Wyler (3:2) steht die AS Italiana mit 10 Punkten auf Rang 3. Sollte es im Sommer gar zu Rang 1 reichen, stünde wohl die ganze Mannschaft im Blitzlichtgewitter. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 10:54 Uhr

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