Der König von Bern

Marco Wölflis heldenhafter Abend verhilft den Young Boys zum Titel – und ihm zu einer fast kitschigen Krönung seines Märchens. Es ist schwierig, dem Wahnsinn dieser Geschichte gerecht zu werden. Versuch einer Erklärung.

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Wo anfangen? Vielleicht mit dem Hechtsprung, dem Wischer mit rechts, dem Ball, wie er sanft an die Latte prallt? Mit dem Urschrei, mit Grimassen wie gemalt in sein Gesicht, wild und roh und völlig ausser sich?

Wo anfangen mit Marco Wölf­li? Einfach ist das nicht, denn um dem Wahnsinn der Geschichte, die der Goalie bei YB nach 17 Jahren im Verein in dieser Saison ­geschrieben hat, auch nur einigermassen gerecht zu werden, müsste man eigentlich eine neue Textform erfinden. Die Tragik seines Werdegangs, die Romantik seiner Rückkehr, der Kitsch der Krönung am Samstagabend. Ein gehaltener Penalty in einem Meisterschaftsspiel, bejubelt wie ein Golden Goal in einem WM-Finale, weil er, Wölfli, einst ausgezogen aus dem solothurnischen Grenchen, längst angekommen im Herzen dieser Stadt, ihr nun ermöglichte, was er sich für sie gewünscht hatte: die Meisterfeier im eigenen Stadion.


Video: Wölfli hält den Penalty

Dank dieser Parade konnte YB am Samstag den Titel feiern. Video: Tamedia/SRF


Wo anfangen? Einen ersten Versuch startete Steve von Bergen, kurz nachdem die Young Boys als Schweizer Meister 2018 festgestanden waren. «Wir müssen ihm ein Denkmal bauen», sagte er, ziemlich frei von Ironie, und so ganz auszuschliessen ist es nicht, dass einem der fröhliche, lockige Wölfli-Kopf dereinst an irgendeiner Berner Ecke in Stein oder Bronze oder was auch immer gemeisselt entgegengrinst. Nicht bei dieser Geschichte.

Jahre des Spotts, Zeiten der Sehnsucht

Wo anfangen? Vielleicht mittendrin, 2013 im Dezember, es ist kurz vor Weihnachten und wenige Wochen her, dass Wölfli sich in einem Spiel gegen den FC Thun die Achillessehne gerissen hat. Alle wollen wissen, wie es dem Goalie nach der Operation geht, YB lädt an eine Pressekonferenz. Fünf Minuten vor dem Termin erfährt Wölfli vom Tod seiner Grossmutter in Sizilien. Er setzt sich trotzdem ans Pult, erzählt von den kleinen Schritten, die er bald wieder machen wolle, es sei ja gar nicht so schlimm, nun könne er zusammen mit seinem damals einjährigen Sohn laufen lernen. Wölfli, der Optimist. Damals wurden ihm solche Worte als ­Genügsamkeit ausgelegt. Als die Worte von einem, der es zwar in die Nationalmannschaft, aber dort nie zu einem Stammplatz, der es an die Spitze der Super League, aber dort nie zu einem Titel gebracht hat.

Wölfli hat das nie beeindruckt. Er wiederholte seine Statements gebetsmühlenartig, und wenn er sagte, es kümmere ihn nicht, was andere über seine Karriere dächten, dann meinte er das auch genau so. So viel weiss man heute.

Seit 2013 ist viel passiert, gerade bei YB. Und schon seit Wochen war klar, dass Marco Wölfli eine der schönsten Geschichten schreiben wird, die dieser erste Meistertitel seit 32 Jahren für die Young Boys mit sich bringen. Für ihn schien sich nach Jahren des Spotts und der Rückkehr ins Tor der Young Boys nach der Verletzung von David von Ballmoos vor vier Monaten alles zum Guten zu wenden. Aber dass Wölfli, die fast wütige Sehnsucht einer ganzen Stadt im Rücken, auf diesem letzten Schritt zum Titel seine Hände so ins Spiel bringen würde, davon wäre auch der kühnste Dramaturg nicht ausgegangen.

Am Samstag wich beim Mann des Abends die helle Freude je länger, je mehr dieser typischen, Wölfli-haften Genugtuung. «Das waren wichtige drei Punkte», flachste er in einem ersten TV-Interview. «Wenn man schon mal ein Märchen schreibt, dann doch gleich richtig», sagte er später lachend. Und «nicht schlecht» war sein vergnügter Kommentar, als er auf dem Stadionbalkon nach dem Gefühl gefragt wurde, welches die über 30 000 Leute unter ihm auslösten, die wie wild seinen Namen brüllten.

Bei aller Gelassenheit bleibt Marco Wölfli ein Fussballer, der seine Energie auf dem Feld vor allem aus der Emotion bezieht. Nach besagtem Ur-Schrei und der Parade triefte Wölfli förmlich vor Adrenalin. «Da muss ich schon sehr geladen gewesen sein.» Manisch tigerte er in den letzten Minuten umher, hockte mal weit vorne am Mittelkreis, hüpfte dann wieder hinten durch den Strafraum. Jean-Pierre Nsame traf zum Sieg, dann pfiff der Schiedsrichter ab, und die Leute stürmten alle auf ihn zu, wollten alle zu Wölfli, er ist wieder ihr Goalie, und er wird es bei YB jetzt auch auf ewig ein wenig bleiben.

Ein Sieg von Werten, die in ­Vergessenheit geraten schienen

Marcel Reif ist seit fünfzig Jahren im Fussballgeschäft. Er hat WM-Finals und EM-Endspiele kommentiert, er ist in Deutschland eine Legende und in der Schweiz ein Edelkommentator. Am Samstag war der Deutsche für Teleclub vor Ort und sagte: «Wegen solcher Momente, wegen diesem Marco Wölfli stehe ich jetzt hier und fühle mich wie ein kleines Kind.» Wölflis Auf-und-Ab-Geschichte ist nicht nur unglaublich, sie ist auch eine, in der sich jeder ein bisschen selber wieder finden kann. Sein Aufstieg zur grossen Figur des YB-Triumphs ist auch ein Sieg von Werten, die im Fussball, im Sport bisweilen nicht mehr Vorrang zu haben scheinen.

Wie aufhören? Vielleicht mit dem Fan, der in den frühen Morgenstunden auf der Berner Kornhausbrücke auf einem Stuhl sass, herausgerissen direkt aus dem Stadion in den Stunden des Glücks. Unterschrieben war das Erinnerungsstück, natürlich, von Wölfli, und der Fan meinte, er bleibe jetzt hier noch eine Weile sitzen. Es war ein stiller Tribut an ihn, an den König von Bern.

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