Der Hürdenüberwinder

Auf dem Weg zum Fussballprofi musste Leonardo Bertone einige Rückschläge einstecken. Heute ordnet der 21-jährige Berner den Aufbau bei den Young Boys.

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Fabian Ruch

In einem Wettbewerb gewann der Knirps 2003 ein YB-Leibchen Grösse XL von Alain Rochat. Stolz trug es der 9-Jährige an den Spielen der Young Boys im Neufeld, es war ein paar Nummern zu gross und schlabberte am kleinen Körper. Das passt zu Leonardo Bertone, der Mittelfeldspieler wurde oft für zu leicht befunden. «Mir wurde nichts geschenkt», sagt er, «aber ich habe nie daran gezweifelt, dass ich Fussballprofi werde.»

Bertone hat seinen Bubentraum verwirklicht, er ist Stammkraft bei YB, seinem Verein, dem er mit 9 Jahren beitrat, als das Rochat-Trikot sein ganzer Stolz war. Alain Rochat ist wieder bei YB, Bertone sein Mitspieler, der ihn in der internen Hierarchie überholt hat. Entdeckt wurde Bertone 2003 an einem Hallenturnier, das er mit dem SC Wohlensee bestritt.

Seither ist er bei YB und hat einige Rückschläge erlitten, aber sein unbändiger Wille half ihm, nie aufzugeben. In Bertone lodert ein Feuer, manchmal bricht es aus, dann legt er sich mit Gegenspielern und Schiedsrichtern an, er kann auch gegenüber Trainern und Mitspielern ganz schön austeilen, das gehört zu seiner Art, die ihn dorthin gebracht hat, wo er ist.

Kritik als Motivation

Bertone stand immer ein bisschen im Schatten anderer. Aber weil er, wie er sagt, sein härtester Kritiker sei, habe er einfach immer noch härter gearbeitet, wenn es nicht vorwärtsging. Beispielsweise vor dreieinhalb Jahren, als er keinen Profivertrag bei YB erhielt und in der U-21 bleiben musste. «Das war hart, weil ich das Gefühl hatte, ich sei bereit für die Super League.»

Er blieb dran, durfte Kurzeinsätze bestreiten, den ersten bei einem 2:1-Sieg in Basel, bald stand er erstmals in der Startformation, und im Dezember 2012 konnte er doch noch endlich seine Unterschrift unter den ersten Profikontrakt setzen. Er profitierte von einer schweren Verletzung Pascal Doubais.

Der Youngster ist einer, der Chancen packt, wenn sie sich ihm bieten. So war es auch letzte und diese Saison, als die Konkurrenten Sékou Sanogo und Milan Gajic immer wieder ausfielen. Nicht immer brillierte Bertone, aber Spiel für Spiel überzeugte der Berner mehr, und auch jene, die ihm noch vor einem halben Jahr das Super-League-Potenzial abgesprochen hatten, wurden eines Besseren belehrt. «Ich lese Zeitungen», sagt Bertone, «und wenn ich etwas Negatives über mich lese oder eine schlechte Note erhalte, ist das motivierend.»

Chefrolle in der U-21-Auswahl

Im laut Bertone «sehr anstrengenden, aber sehr interessanten» Balleroberungsfussball des neuen Trainers Adi Hütter nimmt der zentrale Aufbauer eine wichtige Rolle ein. Bertone sieht sich nicht als Sechser und nicht als Zehner, er ist also nicht nur ein Abräumer und kein reiner Spielmacher, er ist eine Kombination davon, eine Acht, wie man sagt.

Toni Kroos schaue er gerne zu, aber weil er selber so oft wie möglich in den Abschluss gehen wolle, nennt er Steven Gerrard als grösste Inspiration. «Seine Kampfkraft und Torgefährlichkeit und seine Leaderqualitäten imponieren mir.» Mit YB hat Bertone viel vor, ohne genau zu sagen, was in dieser Saison möglich ist. «Ich habe gelernt, dass es schlauer ist, auf dem Rasen zu zeigen, was man kann. Mit reden gewinnt man nichts.»

Der Vater von Bertone ist zur Hälfte Italiener und zur Hälfte Deutscher, die Mutter ist Spanisch-Deutsche, und die deutsche Hartnäckigkeit, gepaart mit südländischem Spielwitz, ist beim 21-Jährigen zu spüren. Er spielt nicht für Deutschland, nicht für Spanien und nicht für Italien, besitzt nur den Schweizer Pass und ist in der nationalen U-21-Auswahl angelangt.

Der Junge aus Hinterkappelen, der im Sommer seine erste eigene Wohnung nahe dem Elternhaus bezog und sich als guten Koch einstuft, nimmt dort als Vizecaptain hinter YB-Teamkollege Yvon Mvogo eine Führungsrolle ein. Zusammen mit dem 18-jährigen Denis Zakaria, der als grösstes Schweizer Mittelfeldtalent seit Jahren gilt, ordnet Bertone in der U-21-Auswahl wie bei YB den Aufbau.

Bald Vertragsverlängerung

Es läuft also für den Milan-Fan und Adrenalinjunkie, der die Premier League als beste und reizvollste Liga bezeichnet («Das hohe Tempo ist beeindruckend»). Der freundliche, bodenständige Bertone denkt aber noch nicht an einen Wechsel, den Ende Saison auslaufenden Vertrag werde er bald verlängern. «Jeder Schweizer Fussballer träumt vom Ausland», sagt er, «aber ich kann mir vorstellen, noch lange bei YB zu bleiben.»

Und vielleicht überrascht dieser Leonardo Bertone ja dann irgendwann wieder alle. Denn ein Transfer in eine Topliga, glauben viele Beobachter, sei nun wirklich eine Nummer zu gross für ihn.

Berner Zeitung

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