Der halbe Meisterspieler

Sven Joss hat die Vorrunde beim designierten Meister YB bestritten. Für ihn ist der Wechsel von der Tabellenspitze in die Abstiegszone nach Thun ein Aufstieg.

Rot-Weiss statt Gelb-Schwarz: Aussenverteidiger Sven Joss fühlt sich beim FC Thun wohl.

Rot-Weiss statt Gelb-Schwarz: Aussenverteidiger Sven Joss fühlt sich beim FC Thun wohl.

(Bild: Raphael Moser)

Dominic Wuillemin

Irgendeinmal in den nächsten Tagen oder Wochen wird Sven Joss zu jenem Spieler werden, der YB mitten in der Meistersaison verlassen hat. Er wird zusehen müssen, wie seine ehemaligen Teamkollegen Historisches schaffen und Unvergessliches erleben, und dabei vielleicht denken: Ach, wie schön es doch wäre, mit dabei zu sein. Oder etwa nicht?

Joss ist in Konolfingen aufgewachsen, einen beträchtlichen Teil seines Fussballerlebens verbrachte er in Gelb-Schwarz, erst im Nachwuchs, später in der ersten Mannschaft. Er weiss einzuschätzen, was der erste Titelgewinn nach 31 Jahren für die Young Boys, Bern und die Region bedeuten würde. Und doch antwortet er auf die entsprechende Frage: «Es wäre es mir nicht wert gewesen, für diesen einen Moment ein weiteres Halbjahr auf der Bank oder Tribüne zu sitzen.»

Sechs Minuten stand Joss in der Vorrunde für YB in der Super League auf dem Platz. Wenn er spielen durfte, dann im Cup bei Unterklassigen und in der Europa League gegen den albanischen Aussenseiter Skënderbeu. Joss sah in Bern seine Entwicklung in Gefahr – noch schlimmer: Er verlor den Spass am Job. «Jetzt bin ich wieder mit Freude dabei», sagt er. Für ihn ist der Wechsel von der Tabellenspitze in die Abstiegszone ein Aufstieg.

Der Antifussballer

Der 23-jährige Aussenverteidiger hat am Montagmorgen sein erstes Training nach auskurierter Zerrung absolviert. «Das Alter», sagt er, als er auf der Tribüne der Stockhorn-Arena Platz nimmt. Es wird im Verlauf des Gesprächs nicht bei diesem Spruch bleiben. Captain Dennis Hediger schrieb im Club-Magazin über Joss: «Sven wirkt nach aussen hin sehr ruhig und besonnen, doch er hat es faustdick hinter den Ohren und trumpft immer wieder mit seinem trockenen Humor auf.»

Joss kann auch ein feiner Fussballer sein, der sowohl links wie rechts verteidigen und – sofern er Vertrauen spürt– mit viel Drive nach vorne preschen und Tore erzielen kann. Nachdem er im Winter von YB nach Thun zurückgekehrt war, sagte sein Trainer Marc Schneider, er habe geahnt, dass sich Joss bei YB nicht durchsetzen werde. «Und zwar nicht seines Potenzials wegen, das ist gross genug. Aber YB ist eine andere Welt als der FC Thun, da wird mit härteren Bandagen gekämpft.»

Als Joss auf das anstehende Derby in Thun angesprochen wird, das für ihn wegen Trainingsrückstand wohl zu früh kommt, sagt er: «Natürlich hätte ich gern gespielt. Aber meine Kollegen werden das sicher gut machen. Ich mag es jedem gönnen, der zum Einsatz kommt.» Mit seiner Frisur, die seit je dieselbe unspektakuläre ist, sieht er nicht nur aus wie der Antityp des Fussballers, er spricht auch wie einer.

Die miese Derbybilanz

Überhaupt das Derby: Kein Spieler weist eine schlechtere Bilanz als Sven Joss aus: Dreimal sind YB und Thun in dieser Saison aufeinandergetroffen, dreimal ist er unterlegen, zweimal mit YB, nach seinem Wechsel im Winter auch mit Thun. «Ich bringe kein Glück», stellt er fest und lacht.

Vom Lauf seiner früheren Teamkollegen, die im 2018 zehn von elf Partien gewonnen haben, ist Joss nicht überrascht, er meint, auch in den letzten Saisons sei YB jeweils in der Rückrunde stärker gewesen, und verweist als Erklärung auf die wegfallende Dreifachbelastung. Die Entwicklung der Young Boys zum Meisterkandidaten verfolgt er zwar mit Interesse, das Spiel am Sonntag gegen den FC Zürich hat er am Fernsehen geschaut, in der Vorwoche traf er sich mit Ersatztorhüter Dario Marzino und Michel Aebischer, der gegen Thun den gesperrten Sékou Sanogo ersetzen dürfte, zum Essen. Aber ein Bereuen, das alles nicht miterleben zu können, spüre er auch nach den Gesprächen mit den Kollegen nicht. «Uns lief es ja schon in der Vorrunde super. Und trotzdem wollte ich weg», sagt er.

Die Sache mit der Medaille

Und so wird Sven Joss irgendeinmal in den nächsten Tagen oder Wochen zu jenem Spieler werden, der freiwillig auf den Titelgewinn verzichtet hat. Die allfällige Meistermedaille, sagt er, würde er schon annehmen. Aber eher aus Freundlichkeit, nicht um sie dereinst den Kindern und Grosskindern zu zeigen. «Sonst wollen sie noch wissen, wie viel ich zum Meistertitel beigetragen habe.»

Berner Zeitung

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