Der Fussballvulkan bricht in Bern aus

Am ersten Arbeitstag in Bern arbeitet Bernard Challandes am Mittwoch intensiv. Der neue YB-Trainer fordert viel von seinen Spielern – und lebt die von ihm gewünschte Leidenschaft vor.

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Fabian Ruch

Energie. Leidenschaft. Temperament. Der Mann hat mehr als genug davon. 62 Jahre alt wird Bernard Challandes im Sommer, doch am Mittwochmorgen flitzt er über den Rasen im Turnerstadion neben dem Stade de Suisse, als sei er halb so alt. Knieschmerzen behindern ihn zwar ein wenig im Gang, nicht aber im riesengrossen Enthusiasmus. Challandes leitet sein erstes Training als YB-Trainer seit 1995, als ginge es darum, sich für eine Zirkusnummer zu bewerben. Aber: Der Neuenburger spielt nichts. Er ist so. Sagen auch langjährige Begleiter. Challandes redet und gestikuliert, rennt und fordert, manchmal alles gemeinsam, und als seine Fussballer auf engem Raum das Direktspiel üben, steht er mittendrin und nicht bloss dabei und: redet und gestikuliert, rennt und fordert.

Für die YB-Spieler muss das wie ein Kulturschock sein. Bernard Challandes verkörpert als Trainer den Anti-Martin-Rueda. Sein Vorgänger war ruhig, besonnen, sachlich, Challandes ist wild, laut, direkt. «Ich bin so, wie ich bin», sagt er, «ich mag mich nicht verstellen.» Rueda habe seine Arbeit gut gemacht, findet Challandes, «aber im Fussball hat ein Trainer heute leider keine Zeit mehr. Nicht bei YB, nicht in der Schweiz, nicht in England. Nirgendwo.» Fehlen die Resultate, komme der nächste Coach. «Und das bin hier jetzt ich», sagt Challandes. «Ich habe aber im Moment keine Zeit, ein Team zu bauen, wir stehen mitten in der Meisterschaft.»

Nicht bauen, nein, bewegen wolle er. Die Spieler. Den Ball auch. Und die Herzen der Fans. «Wir müssen jeden Tag hart arbeiten und an unsere Grenzen gehen», sagt Challandes. Das haben vor ihm schon Tausende Trainer gesagt, das ist klar, aber der Romand meint seine Worte sehr ernst. Er lebt sie vor. Und er sagt: «Jeder Spieler muss sich steigern. Jedem muss bewusst sein, was für ein schönes Leben er als Fussballprofi hat. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Das Alibi, und nichts anderes war es, mit dem Trainer geht jetzt nicht mehr.»

Bernard Challandes nimmt die Spieler in die Pflicht.Und ins Boot. «Ich bin seit vielen, vielen Jahren im Fussball», sagt er. «Und eines weiss ich: Es geht nur gemeinsam.» Er wolle motivierte Ersatzspieler und nicht solche, die den Kopf hängen lassen. «Warum schiesst bei YB selten ein Einwechselspieler ein Tor?», fragt er. Und: «Stimmt es in der Mannschaft nicht?» Er wolle und müsse das sofort herausfinden. Sein erster Eindruck von den Fussballern aber sei gut. «Doch wenn die Resultate fehlen, ist die Stimmung nie gut, das ist klar.»

Bernard Challandes will Harmonie schaffen und Eintracht, einerseits, und andererseits strebt er ein Reizklima an. «Die Spieler müssen gefordert werden, sie dürfen sich nicht ausruhen», sagt er. Ob das YB-Kader schlecht zusammengestellt sei, wolle und könne er aber nicht beantworten. «Wir können am Team jetzt nichts ändern. Und es hat viele gute Fussballer dabei, das weiss und sehe ich.» Auch die Taktik sei in so kurzer Zeit nicht zu revolutionieren. «Aber im Kopf können und wollen wir besser werden. Wir müssen mental bereit sein.»

Im Training am Mittwochmorgen gibts gleich eine ausgedehnte Taktiksession.Challandes schiebt die Akteure wie Schachfiguren hin und her, er übt intensiv Pressing im 4-4-1-1-System und ruft einmal: «Genau hier müssen wir Ghezal unter Druck setzen.» Saif Ghezal ist Abwehrspieler des FC Thun, und am Sonntag empfängt YB im Derby ausgerechnet den letzten Verein von Challandes. Kurz darauf kritisiert er den schwedischen Stürmer Alexander Gerndt, weil dieser nicht mit genügend Engagement nachsetzt. Challandes schreit derart laut («Geeerndt»), dass sich einige Akteure erstaunt und fast erschrocken anschauen.

Der Fussballvulkan Challandes belebt das zuletzt blutleere YB. Das ist klar. Er ist wild entschlossen, das Feuer bei YB zu entfachen. Und er greift auch zu subtileren Mitteln, um die angeschlagene Belegschaft bei der Ehre zu packen. Nach einer kurzen, feurigen Ansprache in der Kabine spielte der Coach den Akteuren den Motivationsfilm «Fish!» vor. Challandes gerät ins Schwärmen, wenn er von den fleissigen Händlern auf dem Fischmarkt in Seattle erzählt, welche die Geschichte prägen. «Man kann wählen, wie man arbeitet», sagt der Trainer. «Und wenn wir jeden Tag eine positive Einstellung haben, so wie die Fischhändler, dann geht vieles einfacher.»

Bernard Challandes weiss, dass er viel zu tun hat. «Es ist schlimm, wenn ein YB-Fan das Leibchen zurückschmeisst, nachdem er es von einem Spieler geschenkt bekommen hat. Die Zuschauer sind sehr enttäuscht, wir müssen sie zurückgewinnen», sagt er. Und: «Das geht nur mit harter Arbeit.» Challandes will das Vorbild sein. Er ist fussballverrückt. Am Mittwoch ist er um 8 Uhr am Morgen im neuen Trainerbüro im Stade de Suisse – und fährt am Abend nach zwei YB-Trainings noch nach Genf, um im TV-Studio des welschen Fernsehens den Champions-League-Experten zu geben.

Berner Zeitung

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