Der Dritte Gunner – oder auch nicht

Nach dem 2:2 im Hinspiel des Barrage-Halbfinals gegen Belgien sind die Schweizerinnen gefordert. Gerade – oder vor allem – Lia Wälti. Die Arsenal-Mittelfeldspielerin ist das defensive Gewissen.

Für ihre Trainerin schlicht «Weltklasse»: Lia Wälti, hier im Hinspiel gegen Belgien. Foto: Imago

Für ihre Trainerin schlicht «Weltklasse»: Lia Wälti, hier im Hinspiel gegen Belgien. Foto: Imago

6000 Zuschauer, die ihr Team anpeitschen. Nach vorne, immer weiter. Doch ein Schweizer Team, das dagegenhält. Das reagiert. Das aus dem 0:1 ein 1:1 macht und aus dem 1:2 kurz vor Schluss ein 2:2. Das Duell: offen, auch nach 90 Minuten. Nach der Hälfte dieser Barrage.

2:2 steht es zwischen der Schweiz und Belgien, ehe das Team von Martina Voss-Tecklenburg im Halbfinal der WM-Barrage heute in Biel die Belgierinnen empfängt (19.00, SRF). Doch nur dank einer markanten Steigerung in der 2. Halbzeit und zwei Treffern der jungen Alisha Lehmann wurde diese gute Ausgangslage erst möglich. Und nun sind die Schweizer Frauen heute Abend nochmals gefordert, um in den Barrage-Final einzuziehen.

Das Lob von Xhaka

Das gilt für viele, für Captain Lara Dickenmann genauso wie für Ramona Bachmann oder Ana Maria Crnogorcevic. Und es gilt für das defensive Gewissen des Teams: Lia Wälti. Über sie sagt Trainerin Voss-Tecklenburg: «Lia ist eine Persönlichkeit, eine absolute Leaderin. Sie ist klar in ihrer Meinungsäusserung, immer differenziert und sachlich. Aber sie kann auch emotional sein.» Für die künftige deutsche Nationaltrainerin ist Wälti «Weltklasse»: «Mit ihr sind wir immer ein Stück weit besser.»

2013 wechselte Wälti von YB zu Turbine Potsdam. Seit Sommer bildet die 78-fache Nationalspielerin mit ihren männlichen Kollegen Granit Xhaka und Stephan Lichtsteiner ein Schweizer Trio beim FC Arsenal in London. «Neue Mentalität, neue Temperaturen, neues Wetter, neue Sprache und ein neuer Stil, wie man Fussball spielt», sagt die Mittelfeldspielerin. «Sportlich ist Arsenal für mich noch einmal ein Aufstieg.» Der Fussball sei physischer, taktisch jedoch weniger weit als zum Beispiel in der Bundesliga. «Aber es fallen mehr Goals – vorne wie hinten», berichtet die 25-Jährige aus der Women’s Premier League.

«Ich habe mich mit Granit und Stephan ausgetauscht.»Lia Wälti

Wie Granit Xhaka ist auch Wälti im defensiven Mittelfeld zu Hause. Wie der 68-fache Regisseur des Nationalteams glänzt sie mit Übersicht, Ruhe am Ball und einer hohen Passgenauigkeit. Und wie Xhaka wechselte sie via Bundesliga und als Captain ins Mutterland des Fussballs. «Ich habe mich mit Granit und Stephan ausgetauscht. Es war schön und auch interessant, ihnen Fragen zu stellen, aber auch zu beantworten. Aber es ist nicht so, dass man sich jeden Tag über den Weg läuft und zusammen ein Schwätzchen hält.» Die Frauen trainieren auf derselben Anlage wie die Profis, teilen ihren ­Bereich aber mit den Junioren. «Sie war mir gleich sympathisch», sagt Granit Xhaka über Wälti. «Ich freue mich, dass wir bei Arsenal auch eine Schweizerin haben. Ich weiss, dass viele sagen, dass Frauen und Fussball nicht zusammenpassen. Ich ­finde genau das Gegenteil, und vor allem soll jeder das machen können, woran er Spass hat.» Das 2:2 in Belgien hat der Basler ­mitbekommen, und er sagt: «Die Frauen haben ein gutes Spiel ­gemacht, Ich hoffe, dass sie es im Rückspiel schaffen.»

Xhaka hat sich in der Premier League etabliert, zählt zu den Stammspielern der Gunners. So weit ist Lia Wälti nicht, sie wartet auf ihren ersten Einsatz. Dass sie das nötige Rüstzeug mitbringt, davon ist Voss-Tecklenburg überzeugt. «Wir haben sehr lange gesprochen, ob sie diesen Schritt machen soll», sagt die Schweizer Nationaltrainerin, «und ich bin sicher, dass ihr das wie der Schritt zu Potsdam wieder guttun wird. Er wird sie noch einmal nach vorne bringen. Sie wird körperlich noch einmal mehr gefordert werden und auch in der Art und Weise, wie in England gespielt wird.»

Noch ist die Bundesliga vorn

In der Vergangenheit war die Bundesliga das Nonplusultra im europäischen Frauenfussball. Haben die Engländer den Deutschen den Rang abgelaufen? Trainerin Voss-Tecklenburg ergründet: «In der Qualität und Dichte liegt Deutschland vorn. Wenn man aber die Trainings­bedingungen, die Vereinsstrukturen und auch die finanziellen Möglichkeiten vergleicht, dann ist England weiter. Der Support für den Frauenfussball auch seitens des Verbands ist extrem positiv.»

Auf eine grosse Unterstützung hoffen die besten Schweizer Fussballerinnen in Biel. ­Bislang gingen im Vorverkauf erst 1200 Tickets weg – dabei steht doch so viel auf dem Spiel. Lia Wälti sagt: «Ich finde es etwas schade, dass wir es hier nicht hinbekommen mit den Zuschauern. Wir waren an einer WM und an einer EM. Eine schöne Kulisse in Biel würde uns enorm helfen, schon 2000 Fans wären toll.»

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