Der Chancenverwerter

Am Sonntag empfängt der FC Thun die Young Boys zum Derby. Für Christian Fassnacht dürfte es das letzte Heimspiel im Trikot der Oberländer werden. YB bemüht sich intensiv um ihn.

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Dominic Wuillemin

Zu Beginn des Songs «Lose Yourself» fragt der amerikanische Rapstar Eminem: «Wenn du nur einen Versuch oder eine Gelegenheit hättest, alles zu erreichen, was du je erreichen wolltest, würdest du den Moment festhalten, oder zulassen, dass er dir durch die Finger rutscht?»

Das Stück schrieb Eminem für den Film «8 Mile», in dem sich ein mittelloser Jugendlicher aus dem Ghetto nach oben rappt.

Interessent aus Deutschland

Wenn Thuns Sportchef Andres Gerber auf Christian Fassnachts Werdegang angesprochen wird, redet er von einer Wahnsinnsgeschichte. Es ist erst zweieinhalb Jahre her, da beobachtete er den schnellen Flügel erstmals. Fassnacht spielte da noch in der 1. Liga Promotion für Tuggen, dritthöchste Liga. Provinz.

Fassnachts Berater hatte seinen Klienten an Gerber empfohlen, die beiden pflegen seit Jahren eine ergiebige Zusammenarbeit. Gerber fuhr mit dem damaligen Trainer Urs Fischer und Marc Schneider ans Spiel. «Ich sehe ihn noch genau vor mir», erinnert sich der Sportchef.

Wie sich Fassnacht auf dem Platz bewegt und gegeben habe, sei noch gleich wie heute, findet er. Ansonsten hat sich beim 23-Jährigen enorm viel verändert. Vielleicht war es damals im November beim Spiel von Tuggen Fassnachts von Eminem besungener Alles-oder-nichts-Moment.

Er ist kein Noname mehr, sondern einer der meistumworbenen Spieler der Super League.

In seiner ersten Super-League-Saison hat Fassnacht in 33 Partien 16 Skorerpunkte gesammelt. Er ist kein Noname mehr, sondern einer der meistumworbenen Spieler der Super League. Er wurde zuletzt mit Teams aus Italien in Verbindung gebracht, laut seinem Berater bekundet ein Bundesligist ernsthaftes Interesse.

Und in der Schweiz würde ihn fast jedes Team liebend gern verpflichten. Die Young Boys bemühen sich intensiv um ihn. Gerber kann für den Spieler, den er im Herbst 2014 bei Tuggen beobachtet hatte, einen siebenstelligen Betrag verlangen. Fassnacht ist ein weiterer Coup des Sportchefs, der in den letzten Jahren in den tiefen Ligen so manche Trouvaille ausgegraben hat.

Mit den Einnahmen aus Fassnachts Verkauf hätte der Sportchef die budgetierten Transfererlöse bereits erreicht, der Druck, weitere Spieler abzugeben, wäre dann erheblich kleiner.

Von der 3. Liga nach oben

Andres Gerber hat sich auch schon gefragt, was aus seinem begehrtesten Akteur geworden wäre, wenn er dazumal nicht dieses Spiel anschauen gegangen wäre. «Dann würde ihn vielleicht nun niemand kennen», sagt er.

Gerber vergleicht Fassnachts Werdegang mit dem von Renato Steffen, den er 2012 aus der 1. Liga geholt hatte, und der es nun via Bern und Basel bis ins Nationalteam gebracht hat. Fassnacht spielte ab der 3. Liga in jeder Spielklasse, sein Weg ging über Thalwil, Tuggen, Winterthur Schritt für Schritt nach oben. Die Frage ist, ob es jetzt schon Zeit ist, den nächsten Schritt zu machen?

Es ist Freitagmittag. Christian Fassnacht sitzt ganz oben auf der Tribüne der Stockhorn-Arena. Er hat den Platz vorgeschlagen. So, als ob er dort besser überblicken könnte, was sich in seinem Leben alles getan hat. Hinter ihm liegt eine verrückte Zeit, vor ihm eine goldene Zukunft.

Fassnacht sagt: «Ich habe mir erhofft, dass ich mich in der Super League durchsetze.» Aber dass es so gut laufe, sei schon unglaublich. Fassnacht meint, sein Weg zeichne ihn aus, weil er nichts geschenkt bekommen habe, sich nach oben kämpfen musste.

«Ich habe mich in den letzten Jahren auch menschlich immer weiterentwickelt, weil ich mich immer wieder in ein neues Umfeld integrieren und beweisen musste.»Christian Fassnacht

Deshalb findet er auch, er sei nach nur einer Saison in Thun schon bereit für den nächsten Schritt. «Ich habe mich in den letzten Jahren auch menschlich immer weiterentwickelt, weil ich mich immer wieder in ein neues Umfeld integrieren und beweisen musste.»

Einerseits würde Fassnacht gerne seine ganze Karriere in Thun verbringen, wie er sagt. So gut gefalle es ihm im Oberland. Mit etlichen Teamkollegen reist er nach der Saison eine Woche in die Ferien. Anderseits möchte er weiter vorankommen. Bei einem Schweizer Spitzenteam reifen, das Jahr für Jahr europäisch ­engagiert sei.

YB kann ihm die Möglichkeit bieten. Noch ist der Wechsel nicht beschlossen, aber sehr wahrscheinlich.

Die Kleider als Extravaganz

Wer so schnell aufsteigt wie Christian Fassnacht, droht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Die Gefahr bestehe bei ihm aber nicht, sagen Personen, die ihn kennen. Mit seiner Freundin, die er seit der Sekundarschule kennt und die in Zürich bei einer Bank arbeitet, wohnt er in Gümligen. Gerber attestiert Fassnacht, ein «guter Gieu» zu sein.

Und Sven Christ, der ihn letzte Saison in Winterthur trainiert hatte, meint: «Er ist ein sehr umgänglicher Typ.» Das einzige Extravagante an Fassnacht seien dessen Kleider, sagt der Trainer.

Am Freitag trägt der Offensiv­akteur ein Cap, ein lang geschnit­tenes Shirt, zerlöcherte Jeans, Sneakers. Alles miteinander abgestimmt, alles trendig. Wer es nicht besser wüsste, könnte zum Schluss kommen, Fassnacht sehe ein wenig wie Eminem aus.

Mode als zweites Standbein

Die Mode ist Christian Fassnachts zweite Leidenschaft. Mit einem Freund hat er ein Label ­gegründet, aufs Weihnachtsgeschäft soll eine erste Kollektion online erhältlich sein. Zuletzt ging Fassnacht an den freien ­Tagen mehrmals nach Italien, Fabriken besichtigen, welche die Kleider produzieren könnten.

Die Marke heisst Cedici, abgeleitet vom italienischen Wort «sedici» für 16. Sie ist Fassnachts Glückszahl. Er trägt sie beim FC Thun auf dem Rücken, seine älteren Brüder, die ebenfalls Fussball spielen, auch. Und: 2016 gelang Fassnacht der Durchbruch.

Eine letzte Episode, die zeigt, wie rasant der Thuner aufgestiegen ist. Letzten August, vor dem ersten Berner Derby, erschien er im Stade de Suisse zum gemeinsamen Interviewtermin mit seinem Cousin Linus Obexer, der bei YB unter Vertrag steht.

Im leeren Stadion zückte Christian Fassnacht sein Handy, schoss Erinnerungsbilder. Wie ein Tourist.

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