Der Besondere gibt sich bescheiden

José Mourinho ist zurück bei Chelsea und der aufregendste Transfer vor der neuen Premier-League-Saison.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als José Mourinho vor neun Jahren auf die Insel kam, startete er einen Überfall. «Sagen Sie bitte nicht, ich sei arrogant», verkündete er damals, «aber ich denke, ich bin der Besondere.»

Jetzt ist er zurück, wieder bei Chelsea, das er im September 2007 verlassen musste und das er bis dahin geprägt hat wie kein anderer Trainer vor und erst recht keiner nach ihm. Bevor morgen Samstag die neue Saison der Premier League beginnt, sagt er: «Ich bin der Glückliche.» Die Stamford Bridge hat ihn nie losgelassen, nicht bei Inter, wo er 2010 die Champions League gewann, nicht bei Real Madrid, wo er einmal Meister wurde. Die Stellen bei den Grössen aus Manchester haben ihn nie interessiert. «Ich bin da, wo ich sein will», gibt er vor. 50 ist er inzwischen, und «sehr ruhig, sehr entspannt», wie er sagt. Vom Kern des Teams, das er einst zur Maschine formte, sind nicht mehr viele da, abgesehen von Cech, Cole, Lampard und Terry. Viele Spieler haben jetzt ihre Zukunft noch vor sich, wie Hazard, Lukaku, Mata, Oscar, Van Ginkel oder Schürrle.

Das Jahr 1 nach Sir Alex

Mourinho ist zurück in einer Liga, in der vor dieser Saison eines ganz speziell ist: Sir Alex Ferguson ist nicht mehr da, zurückgetreten nach über 26 Jahren bei Manchester United als Trainer der Titel und Rekorde. David Moyes hat als Nachfolger wohl einen Sechsjahresvertrag erhalten, aber auch eine monumentale Aufgabe übernommen. Und Moyes, Schotte wie Ferguson, von Everton gekommen, muss lernen, wie schwierig es ist, richtig grosse Transfers zu machen.

Thiago ging lieber nach München, Baines kommt von Everton nicht frei, und Fàbregas, der absolute Wunschspieler von Moyes, hat keine Lust, Barcelona zu verlassen. Darum hat die United erst einen Ergänzungsspieler aus Uruguay, den 20-jährigen Varela, verpflichtet. Dafür ist der Fall Wayne Rooney weiterhin ungelöst, und der «Guardian» sieht darin eine «tickende Zeitbombe».

Rooney, frustriert nach den letzten Monaten unter Ferguson, möchte weg, unbedingt. Und es gibt auch einen Verein, der ihn ebenso unbedingt möchte und dafür 45 Millionen Franken bietet: Es ist Mourinhos Chelsea. Die United aber sagt beharrlich Nein. Und kümmert sich daneben weiter vornehmlich und fröhlich um den Ausbau der Vermarktung. Neuerdings hat sie schon 34 Sponsoren unter Vertrag. Moyes gibt sich nach aussen unbeirrt, dass er bislang keinen Spieler mit grossem Namen bekommen hat. Das sei weiterhin das Kader, das letzte Saison mit elf Punkten Vorsprung den Titel gewonnen habe, sagt er, also sei er zuversichtlich. Bei Everton bewies er, dass sein Enthusiasmus ansteckend ist.

Bei Manchester fragen sich die Spieler nach 13 Meisterschaften unter Ferguson dafür: Besitzt der Neue auch den «Fergie-Faktor», der den Gewinn so vieler Erfolge möglich machte? Diese Eigenheit, zum einen alles aus den eigenen Spielern rauszuholen, zum andern, alle einzuschüchtern, Gegner, Funktionäre und Schiedsrichter?

Einen Schritt weiter ist der Stadtrivale City. Vor einem Jahr, nach dem Gewinn der Meisterschaft, hatten die Besitzer noch Roberto Mancinis Ruf nach Verstärkungen ignoriert. Mancini zeigte eine Saison lang unverhohlen, wie beleidigt er darüber war. Er tat es so lange, bis er durch Manuel Pellegrini, den Chilenen von Màlaga, ersetzt wurde. Und Pellegrini durfte nun die Einkäufe machen, die Mancini verwehrt blieben: Für 140 Millionen Franken bekam er Fernandinho, Jovetic, Navas und Negredo.

Der einsame Wenger

Von den Top 4 der letzten Saison hat nur Arsenal den gleichen Trainer, Arsène Wenger, aber den immerhin schon seit dem Oktober 1996. Wenger hängt das Stigma an, dass er keine Titel mehr gewinnen kann, zumindest nicht mehr seit 2005. Im Vergleich zur Konkurrenz zeigt er sich sparsam, weil er vom «Finanzdoping» nichts hält. 22 Millionen Franken kostete sein teuerster Transfer überhaupt, jener von Arschawin 2009.

Im Moment ist er vornehmlich daran, das Kader zu lüften. Das Geld für grosse Einkäufe hätte er, und nach langem, langem Zögern ist selbst er zur Einsicht gelangt, wie wichtig es als Zeichen für die Konkurrenz und die eigenen Fans wäre, nicht nur Jahr für Jahr den besten Spieler zu verkaufen, sondern endlich einmal einen Starspieler zu verpflichten. Wenger wollte Gonzalo Higuain von Real, doch der zog Napoli vor. Er bot für Luiz Suarez 40 Millionen und 1 Pfund (das eine Pfund zusätzlich deshalb, weil Suarez eine Freigabeklausel von 40 Millionen hat).

Suarez, der höchst streitbare Uruguayer, erklärte, dass er Liverpool unter allen Umständen verlassen wolle. Der Club machte klar: «Suarez geht nirgends hin.» Suarez begann zu trotzen. Bis er diese Woche erklärt haben soll, er bleibe doch.

Rund 550 Millionen Franken warfen die 20 Premier-League-Vereine bislang für Personal auf den Markt, so viel wie in keiner anderen Liga und bester Ausdruck einer inflationären Preisentwicklung, die auch durchschnittliche Spieler viel zu teuer macht. Selbst Provinzclubs wie Swansea oder Norwich zeigen sich sehr spendabel, weil der neue Fernsehvertrag in Kraft tritt. Der bringt jährlich mehr als 2,6 Milliarden ein. Selbst dem Tabellenletzten stehen neu so viel aus dem TV-Topf zu wie Manchester City vor einem Jahr als Meister, um die 90 Millionen. Das allein ist so viel, wie die Schweizer Vereine in drei Jahren zusammen erhalten.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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