Zum Hauptinhalt springen

«Das Eis ist dünn»

Die Präsidenten der klammen Oberländer Spitzenvereine Markus Lüthi (FC Thun) und Georges Greiner (Wacker Thun) fordern ein Sportzentrum und damit mehr Unterstützung vonseiten der Stadt.

Konkurrenten im Buhlen um Zuschauer und Gelder, einig in der Sache: Markus Lüthi (links) und Georges Greiner.
Konkurrenten im Buhlen um Zuschauer und Gelder, einig in der Sache: Markus Lüthi (links) und Georges Greiner.
Patric Spahni

Sie haben sich eben einander vorgestellt und das Du angeboten – Sie begegnen sichoffenbar zum ersten Mal.

Georges Greiner:Wir sehen uns gerade das erste Mal, ja.

Wie oft haben Sie schonmiteinander telefoniert?

Greiner: Das heute ist unser erster persönlicher Kontakt.

Demnach ist der Austausch zwischen dem FC und Wacker Thun nicht allzu intensiv.

Greiner: Ich bin seit einem Jahr im Amt, und bisher hat nie ein Anlass bestanden, einander zu kontaktieren und sich zu unterhalten. Den FC Thun verfolge ich in den Medien. Ich drücke ihm die Daumen, wenn er spielt, und wünsche ihm, dass er nicht absteigt. Und natürlich hoffe ich, dass sich die Leute vom FC Thun auch für uns interessieren.

Wann waren Sie zuletzt in der Lachenhalle, Herr Lüthi?

Markus Lüthi: Ich bin da ganz ehrlich: Der FC Thun beschäftigt mich zu sehr, als dass ich mich ­intensiv mit anderen Sportclubs befassen könnte. Das soll keinesfalls als Desinteresse oder gar als Ablehnung verstanden werden. Ich gucke mir immer an, wie Wacker gespielt hat. Zu mehr aber reicht die Zeit nicht.

Wie nehmen Sie Wacker wahr?

Lüthi: Wacker hat ähnliche Attribute wie wir: eher klein, bodenständig, erfolgreich – noch erfolgreicher als wir, gemessen am ­nationalen Ranking in der jeweiligen Branche. Wacker ist ein Flaggschiff im Raum Thun, hier vielleicht sogar tiefer verankert, als wir es sind, während wir im restlichen Oberland auf ein stärkeres Interesse stossen dürften.

Mit der These, dass Wacker in der Stadt bedeutender ist als der FC Thun, vermögen wir Sie also nicht zu provozieren?

Lüthi: (lächelt) Nein, das werte ich nicht als Provokation. Wacker als Spitzenclub – das hat Tradition, damit identifiziert sich der Handballfan. Wir spielen erst seit ein paar Jahren konstant in der obersten Liga. Und für einen Fussballclub reicht es nicht, bloss in seiner Stadt zu mobilisieren. Uns muss man über die Stadtgrenzen hinaus wahrnehmen.

Greiner: Ich hoffe doch, dass auch wir im ganzen Berner Oberland interessieren, und davon bin ich überzeugt. Wir haben etwa einen Spieler aus Brienz und mit Bödeli einen Partnerclub im Raum Interlaken. Aber in Teilen des Oberlandes haben wir bestimmt Nachholbedarf.

Lüthi: Den haben auch wir. Wir waren Ende Oktober an der IGA präsent, an der Interlakner Gewerbeausstellung, haben dort die Eröffnungsrede gehalten und ­waren Thema der Sonderschau. Wir sind dran. Aber wir müssen noch mehr tun.

«Die finanzielle Situation ist ein Dauerthema, ein Problem. Gut geht es uns in dieser Beziehung nicht.»

Georges Greiner

Herr Lüthi hat es angesprochen: Beide Clubs definieren sich über dieselben Eigenschaften – man ist der Kleine, der sich gegen die Finanzstarken auflehnt. Titelhamsterer Wacker müsste sich anders positionieren, forscher auftreten – um eine Differenz zum FC Thun zu schaffen.

Greiner: Unser Rivale ist nicht der FC. Wir haben uns mit den andern Handballclubs zu messen.

Der FC Thun steht Wacker nicht im Weg?

Greiner: Er steht uns nicht im Weg, er nimmt uns nichts weg. Wir stehen insofern in Konkurrenz zueinander, als wir teilweise um die Gunst derselben Firmen und derselben Bevölkerung werben. Und in unserer Region gibt es nun mal vergleichsweise wenige Player, welche in der Lage sind, die hohen Beträge zu sprechen.

Ein grosses Unternehmen im Raum Thun ist die Fritz Studer AG in Steffisburg. Sie unterstützt weder den einen noch den andern Club. Weshalb gelingt es nicht, sie für Sie zu begeistern?

Lüthi: Das Sponsoringwesen hat sich gewandelt. Ich behaupte, dass man früher primär aus Goodwill Vereine unterstützt hat. Das geschieht heute kaum mehr oder nimmt zumindest stetig ab. Engagiert sich ein Unternehmen, verspricht es sich einen Gegenwert – Medienpräsenz, Gegengeschäfte und dergleichen. Und den können wir nur bedingt bieten. Studer, Meyer Burger und selbst die Jungfraubahnen, die uns auch schon geholfen haben – deren Markt sind nicht bloss die Leute vor der Haustür.

Greiner: Der Gegenwert, den wir bieten können, ist nicht unwesentlich. Wir haben einen Schnitt von 1400 Zuschauern. Das ist der höchste schweizweit. Bei uns kommen Engagements häufig durch Beziehungen zustande. Jemand hat Handball gespielt oder ist Elternteil eines Kindes, das aktiv ist, und deswegen bereit, sich einzusetzen.

Lüthi: Da besteht vermutlich ein Unterschied zwischen den Vereinen. Wir haben da wohl eine ­andere Flughöhe. Wie hoch ist das Budget von Wacker?

Greiner: 1,8 Millionen.

Lüthi: Unseres beträgt 10 Millionen. Das ist eine andere Dimension. Für das Geld, welches Leute vornehmlich aus Sympathie, Leidenschaft sprechen, sind wir sehr dankbar; damit aber kommen wir nirgends hin, das reicht nicht.

«Es müssen andere Bedingungen geschaffen werden, damit es weiterhin zwei grosse Thuner Sportclubs geben wird.»

Markus Lüthi

Beide Clubs sind traditionell mit finanziellen Problemen konfrontiert. Wie akut ist die Not gerade?

Lüthi:Wir haben per 31. Dezember unser Vereinsjahr abgeschlossen, und die Rechnung ist ausgeglichen. Aber: Das Eis ist dünn, das Gebilde ist fragil. Wenn sich ein grösserer Sponsor zurückzieht, haben wir gleich ein Riesenproblem.

Greiner: Wir haben unsere Partner Anfang Jahr um zusätzliche Unterstützung gebeten und erfahren den Support, den wir uns erhofft haben. Aber die finanzielle Situation ist ein Dauerthema, ein Problem. Gut geht es uns in dieser Beziehung nicht.

Was muss geschehen, damit die Clubs nicht permanent um ihr Überleben kämpfen?

Lüthi: Es müssen andere Rahmenbedingungen geschaffen wer­den in Bezug auf die Infrastruktur, damit es weiterhin zwei grosse Thuner Sportclubs geben wird. Wenn man uns der natürlichen Konkurrenz aussetzt, werden wir kaum überleben.

Was fordern Sie konkret?

Lüthi: Ein Sportzentrum. Den Raum dafür haben wir – da, wo einst Schrebergärten standen. Thun braucht einen Ort, an dem gezielt Sport betrieben und gleichzeitig konsumiert wird, ­Begegnungen stattfinden. Davon profitierten wir, davon profitierten alle.

« Ein grosser Club mit mehreren Sektionen – das mag in Barcelona und Paris funktionieren.»

Georges Greiner

Die neue Sporthalle, auf die Wacker so sehr drängt, soll im Areal der Stockhorn-Arena erbaut werden – dort, wo der FC Thun bereits ist.

Lüthi: Das ist kein Geheimnis und wäre sehr sinnvoll. Der Standort ist optimal, in vielerlei Hinsicht. Die Infrastruktur ist nicht ausgelastet, nicht mal annähernd. Wir können die Plätze nicht vermieten, die Kosten sind zu hoch. Die Öffentlichkeit sollte ein Interesse daran haben, dass Sport betrieben werden kann. Und ich spreche nicht nur vom Profi-, sondern genauso vom Breitensport und nicht zuletzt von der Nachwuchsbewegung, für die wir viel tun.

Hat der FC Thun ohne dieses Sportzentrum keine Zukunft?

Lüthi:Wir haben sowohl ein sportliches als auch ein wirtschaftliches Risiko. Irgendwann werden wir in einem der Bereiche nicht funktionieren wie erhofft.

Ein Abstieg wäre das Ende des FC Thun?

Lüthi: Wir haben keinen Plan B. Und ich wüsste nicht, wie ein Fortbestehen eine Liga tiefer möglich sein sollte. Mit einem von der Stadt unterstützten Sportzentrum wäre dies eher denkbar.

Ist es wirklich Aufgabe der Stadt, Clubs zu unterstützen?

Greiner: Wir müssen da vielleicht verstärkt Aufklärungsarbeit leisten. Von einem Sportzentrum würde nicht einfach irgendein Club profitieren. Das betrifft alle, die sich bewegen wollen. Die Vereine machen eine Menge für die Allgemeinheit. Markus hat es angesprochen. Wir etwa investieren ein Sechstel unserer Ausgaben in die Juniorenabteilung.

Wie weit fortgeschritten ist das Hallenprojekt?

Greiner: In dieser Beziehung ist vieles offen, der Weg ist lang. In Arbeit ist eine Machbarkeitsstudie, und Mitte März findet ein Workshop statt, an dem wir uns einbringen und unsere Bedürfnisse äussern können.

Käme das Projekt in Thun-Süd zustande, wären der FC und Wacker Thun quasi vereint. Eine Fusion wäre nicht mehr weit.

Greiner: Aus heutiger Sicht erachte ich dies für nicht vorteilhaft und für sehr unwahrscheinlich. Ein grosser Club mit mehreren Sektionen – das mag in Barcelona und Paris funktionieren. Für Thun wäre es kaum das Richtige.

Lüthi: Ich sehe das anders. Ich würde eine Fusion für prüfenswert halten. Man könnte dann immer noch zum Ergebnis gelangen, dass es nichts bringt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch