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Dario Zuffi: «Vielleicht habe ich mich unterschätzt»

Am Mittwoch empfangen die Young Boys den FC Winterthur im Cupviertelfinal. Die YB-Legende Dario Zuffi zählt seit kurzem wieder zum Trainerteam der Zürcher. Als Helfer in der Not.

Dominic Wuillemin
Fels in der Brandung: Seit bald zwanzig Jahren arbeitet Dario Zuffi in verschiedenen Tätigkeiten für den FC Winterthur. Derzeit ist die Lage bei den Zürchern ernst.
Fels in der Brandung: Seit bald zwanzig Jahren arbeitet Dario Zuffi in verschiedenen Tätigkeiten für den FC Winterthur. Derzeit ist die Lage bei den Zürchern ernst.
Madeleine Schoder

Hin und wieder erfährt Dario Zuffi, welche Rolle er in der bald 119-jährigen Historie der Young Boys einnimmt. Wenn wieder einmal eine Ehrung ansteht, ein Jubiläum begangen, ein Blick zurückgeworfen wird. Auf die Erfolgsjahre 1986 und 1987, in de­nen er als aufstrebender, schneller, wirbliger Offensivspieler tatkräftig mitgewirkt hatte. «In solchen Momenten werden all die schönen Erinnerungen wach», sagt er.

An den Meistertitel 1986, den Cupsieg ein Jahr später gegen Servette, als der Nummer 7 der zwischenzeitliche Ausgleich gelang, an die Saison 1990/1991, welche Zuffi als Tor­schützen­könig beendete. Ansonsten sei er aber keiner, der in der Vergangenheit schwelge, fügt er an. Er lebt in der Gegenwart. Und die hält für ihn die Aufgabe bereit, den Young Boys die Hoffnung auf den Titelgewinn zu ­nehmen, als Co-Trainer beim FC Winterthur, dem heutigen Gegner im Cupviertelfinal (19.30 Uhr). Das Wiedersehen mit seinem früheren Klub ist die Geschichte dieses Duells. «Für YB sind wir ein gutes Los», sagt der 52-Jährige trocken.

Das «Fussballdenkmal»

Es ist Freitagmittag. Dario Zuffi hat sich für die Fotografin auf den Rasen der Winterthurer Schützenwiese gestellt. Das Bild ist voller Kontraste – zwischen Alt und Neu, Krise und Aufbruch, grosser Vergangenheit und düsterer Gegenwart. Das Sulzer-Hochaus, ab 1966 jahrzehntelang das höchste der Schweiz, erzählt vom Industriekonzern, der einst das Vorzeigeunternehmen der Stadt gewesen war, dessen goldene Zeit aber in den 1970er-Jahren zu Ende ging. Kürzlich schloss Sulzer in Winterthur sein letztes Produktionswerk.

Das Foto zeigt zudem die neue Tribüne der Schützenwiese, die 2015 eingeweiht wurde, und die als Teil des etappenweisen Umbaus zu einem Super-League-tauglichen Stadion geplant war. Aktuell kämpft der Klub allerdings in der zweithöchsten Liga gegen den Abstieg.

Im Vordergrund posiert Dario Zuffi. Er steht für beides, Alt und Neu. Als Jungspund hatte er 1985 den Aufstieg in die NLA erlebt, nach seiner Rückkehr 1998 verhalf er dem Klub zur Promotion in die damalige NLB. Später war er Nachwuchs- und Assistenztrainer. Seit wenigen Wochen ist er Helfer in der Not. Als «Winterthurer Fussballdenkmal» bezeichnete ihn die Regionalzeitung «Landbote» kürzlich. Zuffi sagt dazu, er sei nie von einem ­anderen Klub angefragt worden, sonst wäre er womöglich fortgegangen. Keine Verklärung, keine Selbstüberhöhung, dass passt zum 19-fachen Nationalspieler.

Dennoch: Der FC Winterthur bedeutet ihm viel, dass hat er schon mehr als einmal bewiesen. Als sich der Klub nach der Jahrtausendwende in finanziellen Nöten befand, Zuffis Coachingvertrag, den er bei seiner Heimkehr abgeschlossen hatte, eine Belastung darstellte, willigte er ein, ein Teilzeitpensum einzugehen. «Kein Problem», lautete seine Antwort. Fortan arbeitete er nebenbei in der Firma des Klubpräsidenten als Finanzbuch­halter. «Ich bin hier zu Hause, ich weiss, was ich an diesem Verein habe», sagt er.

Obwohl die Trainingsbedingungen nicht gut, die Verdienstmöglichkeiten anderswo besser seien. «Ich fühle mich wohl hier.» Zuffi kennt fast jeden, fast jeder kennt ihn. Ein Junior fragte ihn kürzlich: «Sind Sie der Papi von Luca?» Früher war der heutige Basler Mittelfeldakteur der Sohn des berühmten Vaters, heute ist Dario Zuffi der Vater des berühmten Sohnes.

Der Selbstzweifler

Diese Verbundenheit mit dem Klub macht es schwer, ihm einen Wunsch auszuschlagen. Seine aktuelle Tätigkeit, die des gleichberechtigen Assistenten des neuen Cheftrainers Umberto Romano, hat Zuffi nämlich nie angestrebt. Doch als der Zweitletzte der Challenge League nach der Winterpause immer tiefer in die Krise geriet, liess er sich überreden, wie er sagt, gab seinen Job bei der ­U-21 auf. Jetzt findet er, er könne sich vorstellen, länger in dieser Konstellation zu arbeiten. «Diese Herausforderung habe ich gebraucht», sagt er. Auch das scheint zum Winterthurer zu passen: dass er zu seinem Glück gezwungen werden muss.

Als Dario Zuffi noch Fussballer gewesen war, sagte er jeweils: «Ich, Trainer? Niemals!» Der dreifache Familienvater (seine zwei anderen Söhne spielen bei YF Juventus) beschreibt sich als scheuer Mensch. Wenn er während der Schulzeit ein Gedicht vor der Klasse hatte präsentieren müssen, sei ihm schlecht geworden. Durch die Erfolge im Fussball sei das Selbstvertrauen gestiegen, sagt er, aber erst in der Schlussphase der Karriere konnte er sich einen Job im Nachwuchs vorstellen.

«Eine höhere Aufgabe habe ich mir nicht zugetraut.» Jetzt findet Zuffi, womöglich wäre mehr drin gelegen. Er zieht Parallelen zu seiner Aktivzeit. Er sei keiner gewesen, der im Nationalteam aufgemuckt habe, wenn ihm ein anderer vorgezogen worden sei. Er dachte: «Der ist wohl besser als ich.» Heute sagt er: «Ja, vielleicht habe ich mich manchmal unterschätzt.»

Bereuen tut Zuffi dennoch nichts. Er ist zufrieden, wie es gekommen ist. Für die Young Boys erzielte er während sechs Jahren in 186 Partien 81 Tore, feierte grosse Erfolge. Dass diese nicht selbstverständlich sind, erfährt er jeweils, wenn er wieder einmal zu einer Ehrung eingeladen wird.

Allerdings: Die bald 30-jährige Titellosigkeit der Berner sei ihm derzeit egal, sagt Dario Zuffi. Fast entschuldigend fügt er an: «Jetzt stehe ich halt auf der anderen ­Seite.»

Eine Übersicht über die YB-Cupleiten der vergangenen Jahre:

Saison 2016/17: Nach einer 2:0-Führung gegen Winterthur (Challenge League) gleichen die Gäste innerhalb weniger Minuten aus. Schliesslich unterliegt YB im Elfmeterschiessen. Eine bittere Niederlage.
Saison 2016/17: Nach einer 2:0-Führung gegen Winterthur (Challenge League) gleichen die Gäste innerhalb weniger Minuten aus. Schliesslich unterliegt YB im Elfmeterschiessen. Eine bittere Niederlage.
Andreas Blatter
Saison 2014/15: Bereits im Sechzehntelfinal verlor YB gegen den Zweitligisten SC Buochs. Im Bild der damalige Coach Uli Forte.
Saison 2014/15: Bereits im Sechzehntelfinal verlor YB gegen den Zweitligisten SC Buochs. Im Bild der damalige Coach Uli Forte.
Keystone
Saison 2013/14: YB gastierte im Cup-Achtelfinale beim Waadtländer Erstligisten Le Mont. Viermal musste Torhüter Marco Wölfli hinter sich greifen, 1:4 stand es am Ende aus Sicht der Berner.
Saison 2013/14: YB gastierte im Cup-Achtelfinale beim Waadtländer Erstligisten Le Mont. Viermal musste Torhüter Marco Wölfli hinter sich greifen, 1:4 stand es am Ende aus Sicht der Berner.
Keystone
Saison 2012/13: YB unterlag im Cup-Achtelfinal auswärts beim FC Wil aus der Challenge League mit 3:4.
Saison 2012/13: YB unterlag im Cup-Achtelfinal auswärts beim FC Wil aus der Challenge League mit 3:4.
Keystone
Saison 2011/12: Der FC Winterthur feiert frenetisch den Sieg über YB im Penaltyschiessen (3:2 n.P.). Das war im Achtelfinal, danach schalteten die Zürcher auch St. Gallen aus, ehe der FC Basel im Halbfinal Endstation war.
Saison 2011/12: Der FC Winterthur feiert frenetisch den Sieg über YB im Penaltyschiessen (3:2 n.P.). Das war im Achtelfinal, danach schalteten die Zürcher auch St. Gallen aus, ehe der FC Basel im Halbfinal Endstation war.
Keystone
Saison 2010/11: Xavier Margairaz tunnelt Torhüter Marco Wölfli und schiesst den FC Zürich mit 4:3 ins Halbfinale.
Saison 2010/11: Xavier Margairaz tunnelt Torhüter Marco Wölfli und schiesst den FC Zürich mit 4:3 ins Halbfinale.
Andreas Blatter
Saison 2009/10: Für 175'000 Franken hatte sich YB im Viertelfinal das Heimrecht erkauft, unterlag dem unterklassigen Lausanne dann aber 1:4.
Saison 2009/10: Für 175'000 Franken hatte sich YB im Viertelfinal das Heimrecht erkauft, unterlag dem unterklassigen Lausanne dann aber 1:4.
Andreas Blatter
Saison 2008/09: Während die Spieler des FC Sion im Stade de Suisse den Cup-Sieg feierten, blieb YB nach dem 2:3 bloss bittere Enttäuschung.
Saison 2008/09: Während die Spieler des FC Sion im Stade de Suisse den Cup-Sieg feierten, blieb YB nach dem 2:3 bloss bittere Enttäuschung.
Keystone
Saison 2007/08: Xamax, damals noch in der Super League, schmiss die Berner im Viertelfinale mit 3:2 aus dem Cup.
Saison 2007/08: Xamax, damals noch in der Super League, schmiss die Berner im Viertelfinale mit 3:2 aus dem Cup.
Keystone
Saison 2006/07: Im Viertelfinal strauchelten Hakan Yakin & Co. wieder einmal an einem Unterklassigen – 1:2 verlor YB beim FC Wil.
Saison 2006/07: Im Viertelfinal strauchelten Hakan Yakin & Co. wieder einmal an einem Unterklassigen – 1:2 verlor YB beim FC Wil.
Keystone
Saison 2005/06: Neues Stadion, Endspiel, ein Gegner aus der Challenge League – dumm nur, handelte es sich dabei um den FC Sion, der bis 2017 nie einen Cup-Final verloren hatte. Damals betrauerten die YB-Fans ein 4:6 nach Penaltyschiessen.
Saison 2005/06: Neues Stadion, Endspiel, ein Gegner aus der Challenge League – dumm nur, handelte es sich dabei um den FC Sion, der bis 2017 nie einen Cup-Final verloren hatte. Damals betrauerten die YB-Fans ein 4:6 nach Penaltyschiessen.
Urs Baumann
Saison 2004/05: Im Halbfinal musste sich YB dem späteren Cup-Sieger FC Zürich auswärts mit 1:3 geschlagen geben.
Saison 2004/05: Im Halbfinal musste sich YB dem späteren Cup-Sieger FC Zürich auswärts mit 1:3 geschlagen geben.
Keystone
Saison 2003/04: Im Achtelfinal blamieren sich die Young Boys mit 1:2 beim unterklassigen Malcantone Agno. Trainer der Tessiner damals: Vladimir Petkovic (rechts im Bild).
Saison 2003/04: Im Achtelfinal blamieren sich die Young Boys mit 1:2 beim unterklassigen Malcantone Agno. Trainer der Tessiner damals: Vladimir Petkovic (rechts im Bild).
Keystone
Saison 2002/03: Drei Tore von Gürkan Sermeter (rechts) reichten nicht, um im Viertelfinal den späteren Cupsieger FC Basel zu bezwingen. In der Verlängerung erzielte ein gewisser Hakan Yakin das 4:3 für die Gäste.
Saison 2002/03: Drei Tore von Gürkan Sermeter (rechts) reichten nicht, um im Viertelfinal den späteren Cupsieger FC Basel zu bezwingen. In der Verlängerung erzielte ein gewisser Hakan Yakin das 4:3 für die Gäste.
Andreas Blatter
Saison 2001/02: Schon im Jahr zuvor war gegen Basel Schluss, damals im Halbfinal. Hier hält Pascal Zuberbühler den entscheidenden Penalty von Johan Berisha.
Saison 2001/02: Schon im Jahr zuvor war gegen Basel Schluss, damals im Halbfinal. Hier hält Pascal Zuberbühler den entscheidenden Penalty von Johan Berisha.
Keystone
Saison 2000/01: Im Halbfinale mussten die Young Boys um Didier Tholot (links) nach der 3:4-Heimniederlage gegen Servette die Segel streichen. Die Genfer holten in dem Jahr den Cup.
Saison 2000/01: Im Halbfinale mussten die Young Boys um Didier Tholot (links) nach der 3:4-Heimniederlage gegen Servette die Segel streichen. Die Genfer holten in dem Jahr den Cup.
Ulrich Kocher
Saison 1999/2000: Als der FC Fribourg YB im Sechzehntelfinale überraschend mit 2:1 schlug, überzeugte Joël Descloux (im Bild in einem 1.-Liga-Match) offenbar – er wechselte im folgenden Sommer nach Bern.
Saison 1999/2000: Als der FC Fribourg YB im Sechzehntelfinale überraschend mit 2:1 schlug, überzeugte Joël Descloux (im Bild in einem 1.-Liga-Match) offenbar – er wechselte im folgenden Sommer nach Bern.
Alain Wicht
Saison 1990/91: Nah dran am Cup-Sieg war YB nach einer 2:0-Führung gegen Sion, doch am Ende hiess es 2:3 und es waren die Walliser, die im Wankdorf zur Ehrenrunde aufbrechen durften.
Saison 1990/91: Nah dran am Cup-Sieg war YB nach einer 2:0-Führung gegen Sion, doch am Ende hiess es 2:3 und es waren die Walliser, die im Wankdorf zur Ehrenrunde aufbrechen durften.
Keystone
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