«Da flogen mir die Bälle um die Ohren»

David von Ballmoos beschreibt das Gefühl, ausgerechnet jetzt zuschauen zu müssen, wenn YB vor dem ersten Titel seit 31 Jahren steht.

Der Goalie als Zuschauer: Der 23-jährige David von Ballmoos befindet sich noch auf dem Weg zurück.

Der Goalie als Zuschauer: Der 23-jährige David von Ballmoos befindet sich noch auf dem Weg zurück. Bild: Franziska Rothenbühler

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Welche Frage wird Ihnen derzeit am häufigsten gestellt?
David von Ballmoos: Wann stehst du wieder im Tor?

Ist Ihnen die Frage verleidet?
Ich schätze es, wenn ich erkannt werde und sich die Leute nach mir erkundigen. Es ist doch ein Privileg, Fussballer zu sein. Das sagt mir meine Freundin auch oft. Am Montag waren wir einkaufen. Weil gerade Schulferien sind, standen plötzlich ganz viele Kinder um mich herum. Ich nahm mir sehr gerne Zeit für sie.

Wann stehen Sie wieder im Tor?
Seit zwei Wochen trainiere ich individuell mit Goalietrainer Stefan Knutti auf dem Platz. Dem Team läuft es ausgezeichnet, Marco Wölfli macht einen tollen Job. Es ist nicht nötig, etwas zu überstürzen. Wir haben Zeit, an Details zu feilen. Etwas, das ich in der Vorrunde mit den vielen Spielen nicht tun konnte.

Woran denken Sie?
Zu Beginn ging es darum, Timing und Ballgefühl zu erlangen. Als ich das erste Mal wieder im Tor stand, flogen mir die Bälle nur so um die Ohren. Man muss von Neuem lernen, die Flugkurven einzuschätzen. Da hilft nur üben, üben, üben.

Besteht bei Ihnen die Gefahr, zu viel zu wollen?
Ja. Als ich in die erste Mannschaft kam, absolvierte ich die Lehre zum Landmaschinenmechaniker. Der damalige Goalietrainer Paolo Collaviti sagte mir bald einmal, ich müsse auf mich und meinen Körper mehr achtgeben. Es sei wichtig, auch mal einen Tag lang freizumachen. Ich wollte das zuerst nicht glauben. An Antrieb hat es mir nie gefehlt.

Da hilft nur üben, üben, üben.David von Ballmoos

Sind Sie mittlerweile der gleichen Meinung wie Collaviti?
Die Regeneration ist für einen Sportler genauso wichtig wie das Training. Ich bin froh, habe ich Menschen um mich herum, die mich bremsen – falls nötig. In den letzten Monaten trainierte ich gemäss Plänen, die sowohl von den Physiotherapeuten als auch vom Goalietrainer abgesegnet wurden. Ich hielt mich daran.

Welches sind die nächsten Schritte?
Wir arbeiten an der Athletik, der Sprungkraft, der Schnelligkeit, der Reaktionsfähigkeit, der Beweglichkeit der Schulter. Wir betreiben auch viel Videostudium. Die Arbeit geht einem nie aus.

Das klingt nach einem langfristigen Plan. Ist es nicht Ihr Ziel, in dieser Saison zu spielen?
Klar möchte ich schnellstmöglich auf den Platz zurückkehren. Aber zuerst muss ich wieder mit dem Team trainieren können. Jetzt zu sagen: ‹Ich will in einem Monat im Tor stehen›, und dabei ausser Acht zu lassen, was Wölfli geleistet hat, wäre völlig falsch.

Es sieht danach aus, dass Wölfli nach fast zwanzig Jahren doch noch einen Titel mit YB gewinnen wird. Freut Sie diese schöne Geschichte auch?
Ja, es wäre eine wunderbare, märchenhafte Geschichte.

Glauben Sie ans Schicksal?
Und wie! Harte Arbeit zahlt sich aus, das ist ein Grundsatz von mir. In der Reha habe ich mir gesagt, du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du haderst, oder du versuchst, das Beste daraus zu machen. Wölfli hat sich in all den Jahren ohne zu klagen in den Dienst des Teams gestellt. Er hat mich immer unterstützt. Auch dafür wird er hoffentlich belohnt.

Jetzt zu sagen: ‹Ich will in einem Monat im Tor stehen›, und dabei ausser Acht zu lassen, was Wölfli geleistet hat, wäre völlig falsch.David von Ballmoos

Können Sie Wölfli ebenfalls unterstützen?
Ich probiere es. Doch er verfügt über so viel Erfahrung, dass er meine Hilfe nicht in dem Mass benötigt wie ich seine. Er weiss, dass ich für ihn da bin. Wir reden oft zusammen, vor allem unter der Woche. Wir haben seit je ein gutes Verhältnis.

Vielleicht, weil er sich in Ihnen wiedererkennt?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Wir kommen beide aus der Region Bern, wir wissen, was es bedeutet, für YB zu spielen. Wir sind ähnliche Typen, wir leben die neunzig Minuten auf dem Platz voll mit, sind Arbeiter. Er aber soll schon früh als grosses Talent gegolten haben, was auf mich nicht zutraf.

Welches sind Ihre erste Erinnerungen an Wölfli?
(überlegt) Mit 16, 17 durfte ich ab und zu mit der ersten Mannschaft trainieren, Wölfli war die Nummer 1. Das Problem für mich war: Wir hatten es von Beginn an lustig zusammen, er konnte Witze machen und einen Moment später die Übung fokussiert durchziehen, ich jedoch nicht. Es dauerte, bis ich begriff: Es ist zwar cool hier, aber willst du dich auf Dauer etablieren, musst du dich auch zusammenreissen können.

Letzte Saison waren Sie an Winterthur ausgeliehen, trainierten einmal pro Woche bei YB. Es zeichnete sich ab, dass Sie und Wölfli auf diese Saison hin zu Konkurrenten würden. War das eine Probe für Ihr Verhältnis?
Nein, er hat mir auch in dieser Zeit Ratschläge erteilt. Wir waren damals im Winter zufällig beide in Dubai in den Ferien. Als ich davon erfuhr, schrieb ich ihm. Meine Freundin und ich verbrachten einen schönen Abend mit seiner Familie. Er sagte mir, er würde sich freuen, wenn ich im Sommer zu YB zurückkehren würde. Solche Episoden zeigen, was für ein grosses Herz er hat.

«Das Problem für mich war: Wir hatten es von Beginn an lustig zusammen.»

David von Ballmoos über seinen Konkurrenten Marco Wölfli

Sportchef Christoph Spycher sagte nach Ihrer Verletzung, Sie seien der YB-Goalie der Zukunft. Hat das geholfen?
Dieses Vertrauen zu spüren, tat mir enorm gut. Wenn man verletzt ist, macht man sich ständig Gedanken. Wann werde ich wieder fit? Was wird aus mir? Man steigert sich in etwas hinein. Solche Worte helfen enorm. Auch für meine Eltern war es schwierig, die Verletzung zu akzeptieren.

Inwiefern?
Sie konnten die Tragweite nicht einschätzen. Mein Vater dachte, dass Fussballer im Verletzungsfall schnell entlassen werden können. Er sagte zu mir: Was machst du jetzt? Eine solche Betroffenheit zu spüren, ist schön. Aber man darf sich von den Sorgen nicht anstecken lassen.

Was war der schwierigste Moment?
Der Moment, in dem es passierte, war sehr schwierig. Ich hatte die Verletzung im Herbst 2014 schon einmal und wusste sofort, irgendetwas stimmt nicht. Als der Arzt von drei, vier Monaten Pause sprach, war das ein Aufsteller – bei meiner ersten Schulterverletzung waren die Ärzte von über einem halben Jahr Pause ausgegangen. Am Anfang erzielte ich auch grosse Fortschritte. Aber plötzlich kam der Punkt, an dem man denkt: Es geht nicht mehr voran. Das war nicht leicht.

Zumal die Teamkollegen gleichzeitig von Erfolg zu Erfolg eilen?
Ich wurde oft gefragt, wie es sei, in einer der wohl schönsten Rückrunden der Clubgeschichte nicht im Tor stehen zu können. Plötzlich fängt man an, das zu realisieren. Das war hart. Es brauchte Zeit, damit umgehen zu können. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich auf jedes Spiel freue. Zuletzt in St. Gallen machte es einmal mehr unglaublich Spass, dem Team zuschauen.

Wie verfolgen Sie die Spiele?
Ich sitze neben Teamkollegen auf der Tribüne. Ich kann jeweils sagen: Ich bin nicht in der Lage, zu spielen. Meine Kollegen stehen zum Teil aber nicht im Aufgebot, obwohl sie fit sind. Ich denke, dies ist viel schwieriger zu verarbeiten. Nun kann ich verstehen, warum ein Ersatzspieler auch mal einen schlechten Tag hat, nicht gut gelaunt ist. Eine wichtige Erkenntnis aus meiner Verletzungspause ist: Es ist ein Privileg, spielen zu können. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 09:25 Uhr

YB - FC Zürich: Kabinenpredigt ohne Trainer

Die Young Boys müssen am Sonntag gegen den FCZ auf Kasim Nuhu verzichten. Trainer Adi Hütter lobt die Ersatzkräfte.

Die Bemerkung seines Spielers Leonardo Bertone, es seien während der Pause in St. Gallen deutliche Worte gefallen, kann YB-Trainer Adi Hütter nicht nachvollziehen. «Ich jedenfalls bin ganz ruhig geblieben», sagt der Österreicher beim Medientermin am Freitagmittag. Wobei, fügt er an, er lasse das Team immer erst ein paar Minuten für sich allein, analysiere derweil die erste Halbzeit mit dem Trainerstab.

Vielleicht sei einer der erfahrenen Akteure wie Captain Steve von Bergen und Guillaume Hoarau laut geworden, sagt Hütter. Er hat nichts dagegen einzuwenden.

Die Young Boys drehten am Sonntag beim 4:2-Sieg in St. Gallen im zweiten Abschnitt auf, erzielten zwei Treffer und erspielten sich etliche weitere Gelegenheiten. Es war ein weiter beeindruckender Auftritt in einer spektakulären Rückrunde. Hütter ist am Freitag ein sehr zufriedener Trainer. Einmal sagt er, sein Team erhalte zu viele Gegentore. Er stellt dies in einem Nebensatz fest.

In der Defensive muss Hütter am Sonntag beim Heimspiel gegen den FC Zürich (16 Uhr) umstellen, Kasim Nuhu ist nach der achten Gelben Karte gesperrt. Gregory Wüthrich wird voraussichtlich ins Team rücken. Zudem dürfte Bertone im Mittelfeld den verletzten Djibril Sow ersetzen. Egal, welcher Spieler in dieser Saison eingesprungen sei, sagt Hütter: «Ich bin nie enttäuscht worden.»

Bis am Freitag Mittag wurden 24'000 Tickets verkauft. YB geht davon aus, dass das Stade de Suisse gegen den FC Zürich annähernd ausverkauft sein wird.

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