«Da bleibt nichts übrig, als zu sagen: Machs gut!»

Marc Schneider (37) sagt, weshalb Andres Gerber für ihn ein Lottosechser ist, obwohl der Sportchef Stürmer Simone Rapp gegen seinen Willen abgeben musste.

Seit einem halben Jahr der Chef: Marc Schneider.

Seit einem halben Jahr der Chef: Marc Schneider.

(Bild: Patric Spahni)

Wer ist der beste Trainer der Schweiz?Marc Schneider:Seit Montagabend Murat Yakin.

Yakin wurde der SFL-Award als bester Trainer verliehen. Zu Recht? Ich habe auf Adi Hütter getippt. Er hätte es verdient. Raphael Wicky, ich und weitere Trainer ar­beiten ja höchstens seit einem halben Jahr in der Super League. Deshalb weiss ich nicht, ob es ­diese Auszeichnung überhaupt braucht.

Wo sehen Sie sich in dieser Rangliste? Sicher nicht zuvorderst. Ich bin erst seit Sommer Cheftrainer. Da ist es viel zu früh, ein Urteil zu ­fällen. Das erste halbe Jahr war sehr lehrreich. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, habe gute und schlechte Entscheidungen getroffen. Kurz: Ich bin noch in der Lehre.

Wie lange dauert die Lehre? Mehr als ein Jahr darf sie nicht dauern. (überlegt) Unser Geschäft ist sehr kurzlebig. Man muss schnell lernen, sonst bleibt man stehen und wird abgehängt. Das gilt auch für die Spieler.

Sie gingen im Sommer mit der Ernennung des unerfahrenen Francesco Ruberto als Stammgoalie ein Risiko ein. Ist das eine dieser Entscheidungen, die Sie nun anders treffen würden? In dem Moment war es die richtige Entscheidung, davon bin ich überzeugt. Aber wie ich gesagt habe: Das Geschäft ist schnell­lebig. Francescos Entwicklung verlief nicht, wie wir uns das erhofft hatten. Deshalb mussten wir Anpassungen vornehmen, mit Djordje Nikolic einen Goalie verpflichten. Wir sind nicht in der Situation, zu sagen, jetzt schauen wir mal.

Wie lernen Sie abseits der täglichen Arbeit? Ich lese viel, beschaffe mir In­formationen von Spielern und Trainern, die ich kenne. Man muss sein Netzwerk pflegen. Martin Schmidt etwa hat mir angeboten, dass ich ihm in Wolfsburg über die Schulter schaue.

Als Cheftrainer ist dies zeitlich aber schwierig. Dann opfere ich dafür halt meine Ferientage, wenn in Deutschland noch gespielt wird. Es ist in erster Linie eine Frage des Willens, des Engagements. Daran wird es bei mir nie scheitern.

Sie absolvieren nebenbei den Lehrgang zur Uefa-Pro-Lizenz. Vor allem im Herbst war die Doppelbelastung sehr streng. Aber ich erhalte wertvolle Inputs. Kürzlich war René Weiler zu Gast. Beim Nachtessen unter vier Augen gewährte er mir spannende Einblicke, und er warnte mich.

Er wurde im Herbst in Anderlecht entlassen, Monate zuvor war er in Belgien Meister geworden. Hat er Sie vor der Unbarmherzigkeit des Geschäfts gewarnt? Vor den Medien unter anderem. (schmunzelt) Er hat mich vor allem vor Menschen gewarnt, die in den Vereinen viel zu sagen haben, aber keine Ahnung von Fussball haben. Er hat mir gesagt: Bleibe so lange wie möglich beim FC Thun. Was du dort hast – mit einem Präsidenten und einem Sportchef, die einen in Ruhe ar­beiten lassen –, wirst du wohl an keinem anderen Ort mehr haben.

Haben Sie diesen Eindruck auch? Wenn ich mich mit Trainerkol­legen unterhalte und erfahre, wie oft sie von Dingen abseits des Platzes absorbiert werden, unzählige Gespräche führen müssen, erst am Abend um neun zu Hause sind, dann habe ich mit Ändu (Sportchef Gerber, Anm. der Red.) wahrscheinlich tatsächlich einen Lottosechser. Weiler sagte: Wenn du eine kompetente sportliche Führung hast, der du vertraust und die loyal ist, dann stimmt schon sehr viel.

Dann muss es Ihr Ziel sein, möglichst lange beim FC Thun zu bleiben. Das ist das primäre Ziel. Ich muss mich erst einmal hier etablieren, hier das Maximum aus mir und den Spielern herausholen, bevor ich daran denken kann, einen Schritt weiterzukommen. Dass ich einmal möglichst weit kommen will, das ist klar. Das wollen meine Spieler auch.

Simone Rapp beispielsweise. Der Verkauf des besten Tor­jägers zu Lausanne rief viel Kritik hervor. Rein aus der Optik des Trainers: Hätten Sie ihn auch abgegeben? Ich wollte ihn nicht abgeben. Aber man muss immer die Umstände betrachten. Vor einem halben Jahr hätten wir Simone nicht nach Lausanne verkauft. Nach dem Einstieg von Ineos hat der Klub nun unglaubliche finanzielle Möglichkeiten, da können nur noch Basel und YB mithalten. Lausanne kann Ablösesummen und Löhne in einer Höhe zahlen, da bleibt nichts übrig, als zu sagen: Machs gut!

Dann nehmen Sie Lausanne auch nicht mehr als Konkurrent im Abstiegskampf wahr? Auf dem Platz ist Lausanne derzeit nicht besser.

Ist es in der jetzigen Situation nicht fahrlässig, den besten Torschützen der Liga an einen Konkurrenten abzugeben? Simone hat eine gute Vorrunde gespielt, klar. Aber zu Beginn der Saison war er bei uns nicht mal Stammspieler. Er hatte zuvor auch Phasen, in denen er monatelang ohne Torerfolg geblieben war. Wenn wir ihn dazumal verkauft hätten, hätte niemand etwas gesagt. Er erzielte in der Vorrunde viele und wichtige Treffer, aber wir waren noch nie abhängig von einem Spieler. Und wir werden es auch nie sein.

Sie waren kürzlich während eines dreitägigen Teamevents in Grindelwald auf dem Jungfraujoch. Es stürmte, es war kalt, kurz: Es war ungemütlich. Ein Bild, das zur Lage des FC Thun passt? Es sind stürmische Zeiten, wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Und wir mussten in diesen drei Tagen in Grindelwald mit Widrigkeiten umgehen. Einmal waren wir auf der First und wussten nicht, ob wir wegen des Sturms die Gondel nach unten nehmen können würden. Wir mussten warten, uns ge­dulden. Aber keiner hat gemault, jeder hat es akzeptiert. Genauso müssen wir nun auch akzeptieren, dass Lausanne deutlich mehr Geld hat und dass der Verbleib in der Liga nicht einfacher ge­worden ist.

Im Sommer sagten Sie, wenn es gut laufe, könne sich der FC Thun im Mittelfeld nach oben orientieren. Halten Sie an der Prognose fest? Die hat immer noch Bestand. Aber wir dürfen nicht blauäugig sein, unser primäres Ziel ist ein einstelliger Tabellenplatz. Den Verbleib in der Liga zu sichern, wird Challenge genug sein.

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