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Comeback der Malocher

Ausgerechnet unter dem sensiblen Lucien Favre riskiert Borussia Dortmund die Rückkehr zu den Tugenden von einst. Der Verein versucht, weniger auf den feinen Fuss zu achten.

Bei Borussia Dortmund wird zur Zeit scheinbar alles anders, Lucien Favre ist einer der Gründe.
Bei Borussia Dortmund wird zur Zeit scheinbar alles anders, Lucien Favre ist einer der Gründe.
Alexander Simoes (Getty)

Im Business-Outfit, in feinem Tuch und mit Krawatte, sieht man Hans-Joachim Watzke meist nur noch dann, wenn es um die Verkündung kommerzieller Zahlen geht. Am Freitagmittag, zwei Tage vor dem ersten Saisonspiel gegen Rasenball Leipzig, lieferte Watzke routiniert die neuesten Rekordzahlen von Borussia Dortmund ab; dabei nestelte er bisweilen am Krawattenknoten, als könne er es kaum erwarten, ins legere Outfit des Fussballmanagers zurückzuwechseln.

Rekord! Mal wieder: 536 Millionen Euro Umsatz, 28 Millionen Euro Jahresgewinn, nach Steuern, Zinsen, Abschreibungen. Aber was nützt das alles, wenn man am Fussball keinen Spass mehr hat, wie in der vergangenen Saison. Wenn man «sich ohnmächtig auf der Tribüne fühlt», wie Watzke seine damalige Stimmungslage beschreibt. In der «Saison nach dem Anschlag», wie sie in Dortmund sagen; der Saison, in der der Teambus attackiert wurde.

Dass gerade scheinbar alles anders wird beim BVB, hat jedenfalls die allgemeine Laune hochschnellen lassen. Während Watzke am Freitag die jüngsten Erfolgszahlen präsentierte, liefen ein paar Hundert Meter entfernt auf der Geschäftsstelle des Fussballkonzerns gerade die Vorbereitungen für den letzten Transfer, den sich der BVB für diesen Sommer wünscht: Paco Alcácer soll das sein, wie man hört.

Der Mittelstürmer, der im Dortmunder Managerspiel dieser Transferperiode noch fehlte, 24 Jahre jung, vom FC Barcelona. Zunächst soll er für ein Jahr ausgeliehen werden, aber mit der fixierten Option, ihn bei Gefallen für gut 20 Millionen Euro im Sommer 2019 fest zu verpflichten. In Spanien war Alcácer mit 20 Jahren Nationalspieler und mit 22 schon Captain des stolzen FC Valencia, auch in der Champions League. Dann wechselte er nach Barcelona. Und kam – natürlich – nicht an Messi und Suarez vorbei.

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Video: Dortmund im Trainingslager

Die Mannschaft von Lucien Favre trainierte in Bad Ragaz. Video: Tamedia

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Die Defensive hat Vorrang

Solche Typen haben sie diesen Sommer bei Borussia Dortmund gesucht. Und ein paar scheinen sie gefunden zu haben. 100 Millionen Euro hat der BVB seit dem Winter jetzt schon für neue Spieler ausgegeben. Fast ausschliesslich für Spieler mit einer vorrangig defensiven Denkweise. Spieler, die «Mentalität» haben sollen, die «in schwierigen Situationen mutig sind, gerade wenn es ruppig wird, wenn man sich wehren muss», wie Watzke das neue BVB-Credo beschreibt.

Ein bisschen spät, nörgeln manche, denn vielleicht hätte Dortmund sich auch schon vor zwei Jahren, spätestens aber nach dem Abschied des ungeliebten Trainers Thomas Tuchel entscheiden können, die Marschrichtung zu ändern. Weniger auf den feinen Fuss zu achten und auch mal breite Schultern sprechen zu lassen. Das eine wie das andere gehört halt zum Fussball. Was wäre Real Madrid ohne einen Typ wie Ramos? Oder der FC Bayern ohne einen wie Martinez? Jetzt machen sie in Dortmund Ernst mit diesem Umbruch in einer Vehemenz, wie sie dort noch nie zu beobachten war.

40 Millionen für Witsel

Für die Verteidiger Manuel Akanji (aus Basel) und Abdou Diallo (aus Mainz) hat der BVB binnen sechs Monaten fast 50 Millionen Euro Ablöse gezahlt, für die Mittelfeld-Brummer Thomas Delaney (aus Bremen) und den Belgier Axel Witsel (aus China, zuvor Zenit St. Petersburg) noch einmal 40 Millionen. Und in all dem Changieren waltet wieder ein Trainer, der eine ziemlich eigene Spielidee hat. Lucien Favre, der den Deutschen so schweizerisch-professoral daherkommt, dass sie sich bisweilen wundern, warum er zum Fussball-Tüftler wurde und nicht zum Kernphysiker. So besessen scheint er zu sein, selbst von den kleinsten Teilchen seiner Arbeit.

An jedem Detail wird gefeilt, wie einst auf Favres deutschen Stationen in Berlin und Mönchengladbach. Und wenn Favre in seinem noch immer leicht holperigen Deutsch über die richtige Fussstellung bei dieser oder jener Passart doziert, sind selbst jene Spieler von ihm fasziniert, die Gefahr laufen, nicht einmal regelmässig ins 18er-Kader für die Spiele zu kommen. Niemand weiss, wie der sensible Taktik-Professor mit dem raueren Klima eines europäischen Top-10-Clubs klarkommt – aber als Fachmann wurde er blitzartig eingemeindet. Sicher ist allerdings auch: Die rhetorische Wucht eines Jürgen Klopp wird der 60-Jährige nicht erreichen.

Die Vierergruppe

Das grosse Experiment Borussia Dortmund macht auch vor der Führungsebene nicht halt. Seit April tagt, anfangs geheim, eine «Vierergruppe», die die Marschroute des Umschwungs nach der wenig glorreichen Saison festgelegt hat. Neben Boss Watzke und Sportdirektor Michael Zorc gehören Matthias Sammer und der langjährige Dortmunder Captain Sebastian Kehl dazu. Wenn Watzke von Sammer spricht, der als «Berater der Geschäftsleitung» ein Comeback in Dortmund feiert, dann schwingt Respekt vor Sammers «dreidimensionalem Sehen des Geschehens auf dem Fussballfeld» mit. Ein unfassbares Fachwissen bringe der ein.

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Video: Favre bei seiner Präsentation

Der Schweizer wird in Dortmund vorgestellt. Video: Borussia Dortmund

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Sammer selbst revanchiert sich mit Hochachtung, wie effizient sein ehemaliger Mitspieler Zorc die Dinge regle. Zudem stellt er fest, dass Dortmund «an die 80 Prozent» des geplanten Umbauprozesses schon heute geschafft zu haben scheint.

Michael Zorc wiederum schwingt sich offenbar gerade zu Bestform auf, denn den WM-Dritten Witsel nach Dortmund gelotst zu haben, gehört schon zu seinen Meisterstücken. Witsel, der zuletzt für märchenhafte 18 Millionen Euro Netto-Jahresgage eineinhalb Jahre in China verbrachte und davor 7,5 Millionen netto im Jahr in St. Petersburg kassierte, verfiel letztlich den Argumenten, die Zorc ihm täglich telefonisch und bei Besuchen in Lüttich einflüsterte.

Zwei Weltklasse-Spieler beim BVB

Witsel, einer der Köpfe der belgischen Nationalmannschaft, 29 Jahre alt und in 96 Länderspielen eingesetzt, könnte bei fast jeder europäischen Top-Mannschaft Stammspieler sein, von Real Madrid bis zu Manchester United, die offenbar um ihn mitgeboten haben. «So einen wie Witsel haben wir gebraucht», sagt Marco Reus, der andere von nur zwei Weltklasse-Spielern, die der BVB derzeit in den Reihen hat.

Die Mittelfeld-Malocher feiern ein Comeback im Revier, Witsel und Delaney gelten als unermüdliche Rackerer. In dem Stil hätten sie den neuen BVB gerne in der «Viererbande», in der Kehl für die Betreuung der Mannschaft zuständig sein wird. Mittel- bis langfristig dürfte Kehl einmal auf Michael Zorc folgen.

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