Challandes kann nicht anders

Der neue YB-Coach Bernard Challandes leidet manchmal an seinem Dasein als Fussballtrainer. Trotzdem wird es ihm eine Freude sein, wieder an der Seitenlinie zu stehen.

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Bernard Challandes’ Frau muss weiter warten. Seit Jahren schon schlägt sie ihrem Mann vor, welche Reisen sie gemeinsam unternehmen könnten, sobald er seinen Job als Fussballtrainer aufgegeben habe. Am liebsten im Wohnmobil, mit den Fahrrädern auf dem Gepäckträger. Doch das Feuer für seinen Beruf lodert weiter in Bernard Challandes, daran hat die Freistellung in Thun im vergangenen November nichts geändert. «Ich war, ich bin, und ich werde immer Fussballtrainer sein», schrieb er kurz nach dem forcierten Abgang bei den Oberländern fast trotzig in einem Essay über sein Dasein.

Der bald 62-Jährige blieb mit der Fussballwelt verbunden. Er schaute sich zahllose Spiele der Super League im Stadion und im TV an, schrieb kluge Fussballkolumnen für den Zürcher «Tages- Anzeiger», und er reiste unter anderem nach Paris, wo er PSG-Trainer Carlo Ancelotti bei der Arbeit mit Superstars wie Zlatan Ibrahimovic über die Schulter blickte. Challandes hielt so seinen Namen im Gespräch.

Er wäre im Januar gerne nach Montreal gewechselt, das Angebot eines Klubs aus Bangkok schlug er hingegen aus. Und als die Young Boys nun einen Trainer brauchten, war es letztlich nichts als logisch, dass der Neuenburger mit den guten Kontakten und dem grossen Wissen den Job bekam.

Die Kritik in Thun

Challandes weiss, worauf er sich einlässt: «Und wenn ich später wieder einen Job finden und mit neuen Spielern die Sterne erreichen sollte, darf ich nicht vergessen, dass meine Tage gezählt sind. Einen Vertrag unterschreiben heisst, die nächste Kapitulation zu unterzeichnen», schrieb er im Dezember. Er hat mal ausgerechnet, dass die durchschnittliche Verweildauer für einen Trainer in den Schweizer Profivereinen 43 Spiele beträgt. Ein paar Partien länger also, als eine Saison dauert.

Am Sonntag wird der ausgebildete Lehrer, der es als Spieler in den 1970er-Jahren bloss zu einer bescheidenen Karriere für den FC Le Locle und Urania Genf brachte, wieder an der Seitenlinie stehen. Als ältester und dienstältester Coach der Liga. Und als einziger aktiver Trainer in der Super League, der einen Meistertitel errungen hat (2009 mit Zürich). Bei der Premiere coacht er YB ausgerechnet gegen Thun.

Gegen seinen Ex-Klub, den er im November verlassen musste, nachdem ein Teil der Spieler nach dem 0:3 in Lausanne die von ihm in den Raum gestellte Vertrauensfrage negativ beantwortet hatte. Den Routiniers hatte etwa missfallen, dass ihr Coach wenig Wert darauf legte, dass die jüngeren Spieler nach dem Training die Tore und das Material wegräumten, und kritisierten seine Nonchalance.

Die Klubleitung wiederum nahm Challandes je länger, je mehr als Satelliten auf eigener Umlaufbahn wahr – unsteuerbar in seinen Aussagen gegenüber der Öffentlichkeit und kaum zu bändigen, wenn er von Schiedsrichterentscheiden in Rage gebracht worden war.

Für die sonntägliche Hölle

Toben kann er und schreien, dieser Bernard Challandes, wenn ihn der Fussball wütend macht. Doch dem gleichen Mann schiessen Tränen des Glücks in die Augen, wenn er in einem privaten Moment von seiner Familie erzählt. Von seiner Frau, mit der er seit fast 40 Jahren zusammen ist, von den vier Kindern und den Enkelkindern. Und von der Freude, die er verspürt, wenn er im Sommer, vor seinem Haus im Neuenburger Jura, Angehörige und Freunde zum Barbecue versammelt. «Ich bin dann der Patriarch und gehe in dieser Rolle auf», sagte er vor einem Jahr gegenüber dieser Zeitung.

Der Rückzug ins Private kommt für ihn dennoch nicht infrage. Zu sehr nimmt ihn der Fussball weiterhin gefangen. «Ich muss das Beste aus den Spielern herausholen, sie weiterentwickeln, entscheiden, etwas annehmen, mich selber hinterfragen. Woche für Woche arbeite ich für die sonntägliche Hölle – oder das Paradies», heisst es in seinem Aufsatz vom Dezember.

Daher wird es ihm ein Vergnügen sein, am Sonntag in Bern endlich wieder am Spielfeldrand zu stehen. Mit feurigem Blick wird er beobachten, was die YB-Spieler zeigen. Er wird schreien, gestikulieren und das Team antreiben. Und seine Frau muss noch ein wenig länger auf die Reisen warten.

Berner Zeitung

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