Bodenständig im Hoch

Der Ausstieg der türkischen Investoren führte den FC Wil im Winter 2017 beinahe in den Konkurs. Nun gibt sich Thuns heutiger Gegner im Cupachtelfinal heimatverbunden – mit Erfolg.

Oft Grund zum Jubeln: Kein Team hat in der Challenge League 2018 mehr Punkte geholt als der FC Wil.

Oft Grund zum Jubeln: Kein Team hat in der Challenge League 2018 mehr Punkte geholt als der FC Wil. Bild: Keystone

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Wenn alles überstanden sei, werde er mit einem Bier anstossen, sagt Maurice Weber, ehe er sich hastig verabschiedet. Die Zeit drängt, der Präsident des FC Wil muss in Kloten die Sicherheitskontrolle passieren. Das Flugzeug nach Düsseldorf wird in einer halben Stunde abheben.

Es ist der letzte Donnerstagnachmittag, Weber ist in Mönchengladbach eingeladen. Mit dem Bundesligisten pflegt der FC Wil eine Zusammenarbeit auf Nachwuchsstufe, vergangenen Sommer führten die Deutschen in der Ostschweiz erstmals ein Camp durch. Weber will die Kontakte intensivieren, er kann sich vorstellen, dass der FC Wil für Talente der Borussia zu einer Zwischenstation auf dem Weg nach oben wird.

Nach einem Jahrzehnt im Verwaltungsrat ist der 55-Jährige im Dezember 2017 zum starken Mann bei den Ostschweizern aufgestiegen. Seither sollen seine Arbeitstage zwischen 16 und 18 Stunden betragen. Wenn man ihn fragt, warum er diesen Aufwand betreibe, verweist er auf seine soziale Ader. Andere würden Anlässe sponsern, er unterstütze den Herzensclub. Der FC Wil sei wie eine Familie, die Spieler nennt er seine Jungs. Als man von Weber wissen will, ob er oft in der Garderobe anzutreffen sei, erwidert er, er sei kein Constantin. Er meint, er setze auf Teamarbeit. «Top–down», von oben nach unten, sagt er, ganz der Unternehmer.

Dass Weber eine Architektur- und Ingenieurfirma führt, passt ins Bild: Als die türkischen Investoren den Club im Winter 2017 Knall auf Fall verliessen, drohte der Verein in Schutt und Asche zu liegen. 43 Spieler standen auf der Lohnliste – ausgestattet mit «türkischen» Verträgen. «Türkisch» ist in Wil zu einem geflügelten Wort geworden. Es steht für unverhältnismässig, überrissen, unbezahlbar.

Präsident im Privatjet

Basil Stillhart kennt die Bedeutung des Wortes. Der 24-Jährige, seit Sommer beim FC Thun beschäftigt, ist in Sirnach nahe Wil grossgeworden. Er spielte von klein auf für den FC Wil, seinen Club, der sich ab Sommer 2015 und dem Einstieg des türkischen Milliardärs Mehmet Nazif Günal drastisch zu verändern begann. Wird Stillhart auf die Zeit angesprochen, sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus.

Die Geschichten, die er zu erzählen hat, sind solche des Exzesses. Sie handeln von einem Präsidenten, der zu den Partien im Privatjet aus der Türkei eingeflogen kam und von der Tribüne aus per Handy via den Teammanager die Auswechslungen befahl. Von Verträgen, die mal ebenso verlängert wurden – bei dreifachen Bezügen. Von Mitspielern, die fürstlich verdienten – bis zu 50000 Franken monatlich –, bei denen er sich zum Teil aber fragte, wieso eigentlich. Und von Trainern, deren Namen er längst vergessen hat. Weil sie kaum länger als ein paar Wochen im Amt waren. «Nicht viele haben in meinem Alter schon so viele Erfahrungen gemacht», sagt er.

Stillhart war einer jener Spieler, die sich nach dem Rückzug der türkischen Investoren sofort bereit erklärten, auf Teile des Lohns zu verzichten. «Ich wohnte daheim, hatte keine Familie, die es zu ernähren galt», sagt der gelernte Schreiner.

Es waren aufreibende Wochen im Winter 2017. Die Clubführung bat Stillhart, den langjährigen Spieler, die Kollegen zum Lohnverzicht zu bewegen. Diese wiederum trugen ihre Forderungen via ihn an den Verein heran. Stillhart war gefordert wie ein Gewerkschaftsführer, daneben sollte er im Abstiegskampf die Leistung auf dem Platz erbringen. Es sei eine schwierige Zeit gewesen, sagt er. Etliche Mitspieler hätten im Training keinerlei Lust gezeigt, weil sie seit Wochen nicht mehr bezahlt worden seien. Dass fast alle Partien in der Rückrunde verloren gingen – Wil stieg nur nicht ab, weil Le Mont die Lizenz nicht erhielt –, hellte die Stimmung nicht eben auf.

Trainer im Stadtmuseum

Wie stark die Zeit Basil Stillhart geprägt hat, realisierten die Verantwortlichen in Thun bei den Vertragsverhandlungen. Ihnen gegenüber sass ein Spieler, der für sein Alter schon enorm reif war. In Wil sagt Trainer Konrad Fünfstück: «Mit ihm haben wir einen Eckpfeiler verloren.»

Dass sich die Ostschweizer dennoch stabil präsentieren und nach 12 Runden in der Challenge League gleichauf mit Servette, Lausanne und Winterthur an der Spitze liegen, ist vor allem das Verdienst des 38-jährigen Deutschen. Sogar der Boulevard, der ihn mit den Worten «Fünfstück zum Frühstück» empfing und schrieb, der FC Wil habe nichts aus seiner Vergangenheit gelernt, ist ihm nun wohlgesinnt.

Fünfstück ist ein Gegenstück zu den Trainern unter den türkischen Investoren. Er ist weder profillos noch abgekämpft noch auf den schnellen Erfolg aus. «Ich will etwas aufbauen», sagt er. Sein Enthusiasmus ist am Telefon deutlich hörbar.

19-jährig, hatte Fünfstück wegen Verletzungen die Hoffnung auf eine Karriere begraben müssen. Er liess sich zum Sport- und Psychologiefachmann ausbilden, machte im Nachwuchs von Greuther Fürth und Kaiserslautern Karriere. Als er 2015 bei den roten Teufeln zum Cheftrainer befördert wurde, besuchte er am ersten Tag mit seinen Akteuren das Vereinsmuseum, um ihnen die Besonderheit des Arbeitgebers vor Augen zu führen. In Wil ging er mit dem Team im Toggenburg wandern, im November ist eine Führung im Stadtmuseum gebucht. «Es ist wichtig, dass sich die Spieler mit der Region identifizieren», sagt er. Von seinen Präsidenten erhält er das Lob, sich den Gegebenheiten im Schweizer Fussball rasch angepasst zu haben.

Fünfstück und Weber, es sind die Gesichter des Aufschwungs. Es gelte hartnäckig weiterzuarbeiten, sagt Weber. Das Budget ist mit rund 2,5 Millionen Franken wieder eines der tiefsten in der Challenge League, das Kader umfasst 25 Spieler – 8 davon erhalten Aufgebote für die Nachwuchsteams der Schweiz und Kosovo. Weber hofft, bis zum nächsten Herbst die türkischen Altlasten endgültig bereinigt zu haben. Dann werde er mit einem Bier anstossen, sagt er. Und was ist, wenn sein Club am Mittwoch im Cupachtelfinal Thun besiegen sollte? «Ja gut», meint Weber. «Dann werde ich mir sicherlich auch einen Schluck Bier genehmigen.»

Oft Grund zum Jubeln: Kein Team hat in der Challenge League 2018 mehr Punkte geholt als der FC Wil. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone) (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.10.2018, 10:01 Uhr

Duell der Formstarken

Am Mittwochabend (20 Uhr) kommt es im Stadion Bergholz zu einer Neuauflage des letztjährigen Cupsechzehntelfinals. Damals siegten die Thuner auf dem Wiler Kunstrasen problemlos (3:0). Am Mittwoch dürfte der Einzug in den Viertelfinal nicht so leichtfallen, die Ostschweizer befinden sich im Hoch. Kein Team hat 2018 in der Challenge League mehr Punkte geholt.

«Der FC Wil spielt enorm solidarisch, hat einen klaren Spielplan. Es ist kein Zufall, steht er so weit oben», sagt Thuns Trainer Marc Schneider. Auch seinem Team läuft es gut, beim 1:2 in Lugano zeigte sich der Coach nur mit dem Resultat unzufrieden. Schneider dürfte drei Tage nach der Partie im Tessin einige Rochaden vornehmen. (dwu)

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