Blonde Boys, starke Symbole und viel Lametta

Nach 32 Jahren durfte YB wieder einen Meisterpokal in Empfang nehmen. Den sportlichen Teil gestalteten die Berner mit einem problemlosen 3:1 über Lugano erfolgreich.

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Hätten die Berner Young Boys einen Drehbuchschreiber, er wäre ein Mensch ziemlich reich an Fan­tasie. Romantisch ist die Geschichte, welche die Berner zum Titel geführt hat, dramatisch war der letzte Schritt dazu vor zwei Wochen, beim 2:1 gegen Luzern. Und auch für die das letzte Heimspiel hatte er sich etwas Besonderes ausgedacht, für diesen Nachmittag, der in so geordneten, vorhersehbaren Bahnen zu verlaufen schien.

YB also empfing Lugano, 31'120 waren im ausverkauften Stadion, und alle warteten sie auf einen, der sich lange Zeit gar nicht blicken liess: den Meisterpokal. Fast war es schon so weit, 3:1 führte YB in der Nachspielzeit, als Schiedsrichter Lionel Tschudi einen Penalty für die Berner pfiff.

YB nimmt den Meisterpokal in Empfang

Guillaume Hoarau trat an, wer sonst, schliesslich hofft der Franzose im direkten Duell mit Basels Albian Ajeti noch darauf, Torschützenkönig zu werden. Luganos Goalie Joel Kiassumbua ging auf ihn zu, irgendetwas sagte er ihm, Sekunden später hielt der junge Goalie den Versuch des routinierten Goalgetters und verhinderte das bedeutungslose 4:1. Und fast zur gleichen Zeit traf Ajeti im fernen Zürich zum ebenso bedeutungslosen 1:4 für den an diesem Nachmittag beim FCZ chancenlosen FCB. Ajeti 16, Hoarau 15. Spannend bleibt es da bis zum Schluss.

Die wilden, eruptiven Emotionen aus der Meisternacht gegen Luzern kamen dieses Mal bei den Young Boys nicht auf. Aber es war auf dem letzten Schritt zum Pokal, diesem langersehnten Symbol des Erfolgs, für den ganzen Verein die Gelegenheit, das Erreichte noch einmal ausführlich zu zelebrieren. Für den sportlichen Teil zeichnete die Mannschaft mit einem problemlosen Sieg verantwortlich – nachdem sie sich äusserlich bereits aufs gelbe Konfetti eingestimmt hatte. Das ganze Team erschien nämlich mit blond gefärbten Haaren.

Originelle Haarpracht der YB-Spieler. Video: SRF

Und was beim einen viel (Marco Wölfli), beim anderen weniger (Steve von Bergen) Farbe benötigte, schien vor allem alle zu erheitern. «Einigen steht es besser, anderen weniger, das kann ja jeder selber beurteilen», sagte Adi Hütter schmunzelnd. Der Meistertrainer hatte mit einer Fast-Kahlrasur ja bereits vor zwei Wochen auf den Titelgewinn reagiert, «vielleicht hatten die Spieler damals ja auch einen Schock, als sie mich sahen.»

Nun, über Geschmack mag sich ja streiten lassen. Aber der Gag versammelte in diesem für YB historischen Moment die erste Meistermannschaft seit 32 Jahren auch optisch zu einer Einheit. Und die Young Boys zeigten auch, warum. Als die Spieler alle einzeln durch ein Spalier aus Angestellten und früheren Berner Meisterspielern gelaufen waren, als der Pokal dann stemmbereit dastand, das Publikum auf den Rängen in erwartungsfroher La-Ola-Stellung, da rief Captain von Bergen den Goalie Wölfli zu sich.

Die besondere Geschichte des 35-Jährigen ist bekannt, in den letzten Wochen ist er zu einer Symbolfigur für die eingangs erwähnte Romantik aufgestiegen, welche YB auf den letzten Schritten zum Titel begleitete. Wölfli und von Bergen, sie stemmten also zusammen, das Blond der Häupter vermischte sich mit dem Gelb der Leibchen und sagte: Hier stemmen wir irgendwie alle zusammen.

Der Sonntagnachmittag hatte sich ja während des Spiels lautstärkemässig in tiefen Regionen eingependelt, die drei YB-Tore nach anfänglicher Rücklage durch Nicolas Ngamaleu, Hoarau und Sékou Sanogo wurden ordentlich, aber nicht frenetisch bejubelt. Richtig laut wurde es erstmals, als den Fans auf symbolhaft clevere Weise vor Augen geführt wurde, wie lang diese Jahre des Wartens wirklich gewesen waren. Martin Weber und Lars Lunde vom letzten YB-Meisterteam 1986 brachten den Pokal aufs Feld, Männer, die – mit Verlaub – ihr Alter als Spitzensportler schon etwas länger hinter sich haben.

Früher war mehr Lametta, meinte einst Loriot. An diesem Sonntag indes gab es davon einiges, gelb und schwarz strömte es aus den Konfettikanonen, als der Pokal in der Höhe war und dazu – wie erfrischend – Züri West vor «We Are the Champions» erklang. Die Mannschaft begab sich auf die Ehrenrunde, beschlossen wurde sie vor den treusten YB-Fans in der Ostkurve des Stadions.

Die feierte ihre Helden, sie bat gar ihren Meistertrainer kurz zu sich, und als Adi Hütter auf dem Gitter sass und sich einen grossen Schluck Bier genehmigt hatte, übte er sich vor der Kurve in Berndeutsch und sagte: «Dr Chübu isch wider in Bärn.» Es sei ein eindrücklicher Moment gewesen, sagte Hütter später, «wenn du in die Augen dieser jungen Leute blickst, siehst du echte Leidenschaft für den Club».

Und während über die Bildschirme im Stadion immer wieder die schon jetzt ikonischen Momente von der Meisternacht flimmerten, brannten sich auf dem Platz neue ins Fangedächtnis ein. Es wurden die Baumeister des aktuellen Erfolgs, dazu die alten Legenden gefeiert. Chefscout und Altstar Stéphane Chapuisat vereint ja irgendwie beides und wurde so lange mit Sprechchören bedacht, bis er sich von der Loge extra aufs Feld begab.

Auch Gürkan Sermeter, bekannt aus früheren Neufeldzeiten, unterbrach kurz seine Expertentätigkeit beim Fernsehen und verneigte sich gerührt vor der Kurve. Jeder wollte und jeder sollte in diesem Moment auch irgendwie eine Hand an dieses glänzende Edelmetall bekommen. Hier stemmten sie alle irgendwie zusammen.

Berner Zeitung

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