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Blatter-Rücktritt für mehr Glaubwürdigkeit

BZ-Sportredaktor Fabian Ruch sieht noch einen langen Weg vor der Fifa, um ihr Image aufzupolieren.

Ein spannendes Fussballjahr, mit der WM in Brasilien als Höhepunkt, geht zu Ende. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack – wegen der Fifa. Der Weltverband mit Präsident Sepp Blatter steckt mal wieder tief in der Imagekrise. Das selbstherrliche Gebaren des Schweizers und seiner Veteranenriege an der Funktionärsspitze des Fussballweltverbandes ist beschämend für den weltweit mit Abstand populärsten Sport.

So richtig und wichtig ein Rücktritt Blatters endlich wäre – lösen würde er das Problem allein nicht. Es wäre nur der erste Schritt auf dem langen Weg der Fifa Richtung Glaubwürdigkeit.

Unbestritten ist, dass der Verband eine umfassende Modernisierung und eine radikale Verjüngung seiner Führungskräfte benötigt. Der Generationenwechsel wird aber offensichtlich nicht von innen eingeleitet, denn dazu hätte Blatter ja jetzt über 16 Jahre Zeit gehabt. Noch immer schwirren Getreue, Günstlinge und Geschäftspartner Blatters auf den entscheidenden Ebenen herum. Das Konstrukt aus Abhängigkeiten und Vetternwirtschaft hält Blatter und seine teilweise längst der Korruption überführten Kollegen eisern zusammen.

Ein Skandal jagt bei der Fifa den nächsten. Aber egal, ob es um Vermarktungsaffären oder umstrittene Präsidentschaftswahlen geht, um seltsame WM-Vergaben oder undurchsichtige Ticketflüsse, um peinliche Machtkämpfe oder anrüchige TV-Recht-Verkäufe – Blatter hat alle Stürme überstanden. Im nächsten Mai kandidiert der bald 80-Jährige zum fünften Mal für eine Präsidentschaft – obwohl er schon seit bald 10 Jahren vom Rücktritt spricht.

Und bis heute hat erst Jérôme Champagne erklärt, sich ebenfalls der Wahl zu stellen. Der Franzose könnte mit 56 Jahren immerhin der Sohn Blatters sein und gelobt auch, die Fifa streng umzubauen. Aber es gibt bereits Stimmen, die behaupten, Blatter und Champagne würden zusammenspannen, um andere Anwärter auszubremsen. Champagne war schliesslich während über eines Jahrzehnts der wichtigste Mitarbeiter des Wallisers, ehe sie sich zerstritten. Ein Deal würde perfekt zum machiavellistischen Verhalten Blatters passen.

Die Fifa braucht als oberste Figur eine unabhängige, anerkannte Persönlichkeit von Weltformat, der keinerlei Verbindungen zum Funktionärsklüngel nachgewiesen werden können. Eine solche Person zu finden, ist schwierig. Und dann stellt sich die Frage, wer sich den Wahlkampf überhaupt antun will. Jene Repräsentanten, welche den Fifa-Präsidenten wählen, gehören ja ebenfalls zum inneren Zirkel und lassen es sich auf den Kongressen an den schönsten Orten der Welt in den Fünfsternherbergen gut gehen. Wer will das schon aufgeben? Und so ist der Weltverband in sich selber gefangen.

Der Fifa geht es ausgezeichnet, sie hat Reserven von rund 1,5 Milliarden Franken. Längst nicht alles, was Blatter tat, war schlecht. Die generöse, globale Entwicklungshilfe beispielsweise hat den Fussball massiv vorangetrieben. Man möchte indes lieber nicht wissen, wie hoch in diesem Milliardenspiel der auf irgendwelchen Privatkonten versickerte Anteil ist. Die Fifa ist zu gross geworden, und es ist normal, dass sich viele am überwältigenden Erfolg bereichern wollen. Das ist ein Spiegelbild einer unschönen Seite der Gesellschaft.

In den letzten Jahren aber ist die Fifa zu weit gegangen. Sie vergibt ungerührt Weltmeisterschaften an Länder wie Südafrika und Brasilien, in denen es Millionen Menschen miserabel geht, und tritt an den Turnieren wie ein Besatzer auf. Sie beutet die Veranstaltungsländer aus, zieht weiter und hinterlässt sündhaft teure Arenen, die niemand benötigt, sowie Regierungen, die auf einem gewaltigen Schuldenberg sitzen.

Die nächste WM findet 2018 in Russland statt, was kein Zufall ist – demokratische Staaten können sich gar nicht mehr auf eine Zusammenarbeit mit der Fifa einlassen. Und natürlich ist es nichts anderes als ein riesengrosser Witz, die Weltmeisterschaft 2022 in Katar durchzuführen – ob im Sommer oder im Winter. Aber vermutlich würde Blatter sogar eine Vergabe auf die Malediven als Dienst am Fussball verkaufen. Hauptsache, der Rubel rollt.

Vielleicht aber hat sich Sepp Blatter jetzt überschätzt. Der renommierte New Yorker Anwalt Michael Garcia trat vor kurzem als Fifa-Chefermittler zurück. Er war bei seinen Untersuchungen zu den WM-Vergaben an Russland und Katar auf Ungereimtheiten gestossen. Doch weder Fifa-Richter Hans-Joachim Eckert noch das Exekutivkomitee unter Blatter nahmen den Ball auf.

Die Erkenntnis des ernüchterten Garcia: Die Fifa hat gar kein Interesse, Verstösse gegen das Ethikreglement aufzuklären. Immerhin hat sich der Weltverband kurz vor Weihnachten dazu durchgerungen, den Garcia-Bericht in ein paar Wochen doch noch zu veröffentlichen – nachdem er das zuvor kategorisch abgelehnt hatte. Viel erwarten darf man jedoch nicht, entscheidende Stellen dürften eingeschwärzt werden.

Und so machen Blatter und die Fifa derzeit das, was sie immer machen, wenn es eng wird: Helm auf, in den Schützengraben steigen – und erst ein wenig nachgeben, wenn der Druck sogar für sie zu gross geworden ist. Ändern wird sich das nicht mehr. Und der grossen Mehrheit in der Fussballfamilie ist es ohnehin einerlei, was da bei der Fifa genau passiert. Sie will Tore, Tricks, Tempofussball, am liebsten alle drei Tage. Blatter nutzt das geschickt aus. Er sieht aus nachvollziehbaren Überlegungen keinen Grund, viel zu ändern.

Deshalb wäre es allerhöchste Zeit, dass sich eine Allianz aus Vereinen und Verbänden bildet, die endlich tiefgreifende Reformen bei der Fifa fordert. Doch mit grösster Wahrscheinlichkeit wird der Weltverband weiterwursteln, wie er will. Dabei sagt Sepp Blatter oft, er schaue lieber vorwärts als zurück und diene in erster Linie dem Fussball. Sein bester Dienst wäre, wenn er zurückträte – und damit den Weg freimachen würde für einen dringend notwendigen Neuanfang der Fifa.

Fabian Ruch, Sportredaktorfabian.ruch@bernerzeitung.ch

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