«Bin dankbar, konnte ich mein Versprechen an die Fans einlösen»

YB-Sportchef Christoph Spycher spricht über die Meisterfeier und die Bedeutung des Titels für ihn, über den personellen Umbruch im Sommer und Trainer Adi Hütter.

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Wie viele Gratulationen haben Sie erhalten?Christoph Spycher:Ich habe sie nicht gezählt, es waren sehr viele.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Samstag denken? Die wunderschönen Emotionen, die vielen strahlenden Menschen, die sensationelle Feier, wenig Schlaf, das glückliche Aufstehen am Sonntag. Ich könnte viele weitere Dinge anführen, es war einfach herrlich. Besonders emotional war es, unseren Besitzer Hansueli Rihs zu erleben. Bereits das Heimspiel eine Woche zuvor gegen Lausanne war ja kurz nach dem Tod von Andy Rihs enorm aufwühlend und berührend für uns gewesen.

Waren Sie am Samstag eigentlich nervös, obwohl YB einen derart grossen Vorsprung besass? Bis das Spiel gegen Luzern begann, war ich mit so vielen Sachen beschäftigt, dass ich gar nicht gross an den Match dachte. Aber diese Dramaturgie dann, der Rückstand, der gehaltene Elfmeter von Marco Wölfli, das späte Siegtor von Jean-Pierre Nsame, das war schon sehr spektakulär. Und als das Spiel zu Ende war, übermannten mich die Gefühle.

Inklusive Tränen? Nein, das nicht. Ich musste als Sportchef sofort Interviews geben, mit vielen Leuten reden, war in offizieller Funktion unterwegs.

Hatten Sie Zeit für sich selber? Nicht wirklich, doch das spielt keine Rolle. Es war wunderschön, mit meiner Familie und den zwei Söhnen, vielen Freunden auch aus der Kindheit und allen Mitarbeitern zu feiern. Als ich zu Hause war, schlief ich sofort ein, und am Sonntag galt es bereits wieder Medientermine wahrzunehmen. Auch in den nächsten Monaten wartet viel Arbeit auf uns. Aber diese Emotionen werde ich nie mehr vergessen.

War es der schönste Tag in Ihrem langen Fussballerleben? Es ist nicht angemessen, Erfolge oder Titel zu vergleichen. Ich wurde mit GC auch einmal Meister als Fussballer, nach einem Sieg 2003 im Neufeld gegen YB, das war ebenfalls wunderschön. Zumal man sich als Spieler halt mehr austoben kann. Unbestritten ist: Für einen Berner, der als YB-Fan aufgewachsen ist, sind die Gefühle nach dieser langen Wartezeit unbeschreiblich.

Was bedeutet Ihnen die ­Meisterschaft persönlich? Ich möchte ein bisschen ausholen bei dieser Antwort. Als ich 2010 nach sehr guten Gesprächen mit dem damaligen CEO Stefan Niedermaier als Spieler von Frankfurt zu YB wechselte, war es unser grosses Ziel gewesen, einen Titel zu gewinnen. Leider wurde Stefan Niedermaier nach ein paar Wochen entlassen, es waren schwierige Jahre. Aber ich bin sehr dankbar, konnte ich mein Versprechen an die YB-Fans einlösen.

Welches denn? Nach meinem letzten Spiel als YB-Spieler sass ich 2014 oben auf dem Zaun vor den Fans und sagte, es sei sehr schade, habe es mit einem Titel nicht geklappt. Und ich erklärte, dass ich nun in einer anderen Funktion alles daran­setzen würde, irgendwann mit YB einen Pokal zu gewinnen.

Marco Wölfli wird als «König von Bern» bezeichnet. Dann müssen Sie der Kaiser von Bern sein. (lacht) Wie Sie sehr gut wissen, interessieren mich solche Sachen nicht. Es wird so viel geschrieben, das kann ich alles einordnen. Und ich bin mir vor allem ganz genau bewusst, wie viele Leute einen sehr hohen Anteil an diesem Titel haben. Das ist ein Gemeinschaftswerk aller Mitarbeiter. In erster Linie natürlich von den Spielern und dem Trainerstab, aber auch von allen anderen Menschen im Stade de Suisse, die jeden Tag mit Freude, Motivation und Kompetenz arbeiten. Es ist ein grosses Privileg für mich, Teil eines solch starken und tollen Teams zu sein.

Sie sind ein sehr bodenständiger Mensch. Dennoch: Wie schwierig ist es, bei all den Gratulationen, Schulterklopfern und medialen Hymnen nicht abzuheben? Sie werden nicht überrascht sein, wenn ich Ihnen sage, dass das für mich überhaupt kein Problem ist. Ich habe im Fussball sehr schöne und sehr schwierige Zeiten erlebt, der Wind dreht sich schnell. Und meine Herkunft, meine Erziehung und meine Werte lassen es gar nicht zu, in irgendeiner Weise die Bodenhaftung zu verlieren. Machen Sie sich keine Sorgen.

Ein bisschen stolz sind Sie aber sicher, derart viele richtige Entscheidungen getroffen zu haben und nach so kurzer Zeit nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Okay, das war am Anfang irgendwie nicht vorstellbar. Es gab viel Arbeit, und es ist uns gelungen, das Kader günstiger zu machen und gleichzeitig an Qualität zu ­gewinnen. Deswegen bin ich nicht stolz, es ist eine Dankbarkeit, weil sich vieles so herausgestellt hat, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Der Verwaltungsrat redete Ihnen nicht rein und liess die Verantwortlichen gewähren, wie Sie es sich ausbedungen hatten... ... das ist nur ein Punkt und nicht selbstverständlich. Aber für mich war und ist es elementar, dass man die operative Führung autonom arbeiten lässt.

Aber es war im Herbst 2016, als Sie ihr Amt antraten, unrealistisch, an einen so souveränen Meistertitel 2018 zu glauben. Der Verein lag damals ziemlich am Boden, und es ging vorerst nur darum, wieder aufzustehen. Wir haben natürlich nicht daran gedacht und schon gar nicht erwartet, in der nächsten Saison so weit vor der Konkurrenz zu stehen. Aber ich kannte den Club, die Mitarbeiter und die Spieler sehr gut, weil ich als Talentmanager gearbeitet hatte. Aus diesem Grund wusste ich, dass bei uns grosses Potenzial vorhanden ist.

Und vor dieser Saison erklärten Sie und Trainer Adi Hütter intern den Meistertitel als Ziel. Ich sagte im Sommer beim Trainingsstart in der Kabine zu den Spielern, dass wir uns verbessern müssen. Wir wurden letzte Saison Zweiter mit grossem Rückstand auf Basel. Eine Verbesserung wäre auch gewesen, den Abstand zu verringern. Trainer Adi Hütter erklärte dem Team dann im Trainingslager in Österreich, er wolle Meister werden. Und vor der Rückrunde gaben wir das ja auch der Öffentlichkeit bekannt.

Die Young Boys profitieren auf allen Ebenen von diesem Erfolg, die Anzahl Dauerkarten wird von 12'400 deutlich nach oben schnellen, eine Generation Fussballfans konnte für YB gewonnen haben, Sponsoren und Politiker sind begeistert. Wie nachhaltig kann der Club profitieren? Das hängt davon ab, was wir daraus machen. Der Titelgewinn bringt auch Verpflichtungen mit sich, wir werden in der nächsten Saison die Gejagten sein. Und wir können in einer Saison nicht aufholen, was sich der FC Basel in all den Jahren aufgebaut hat.

Der FCB ist die Nummer 1... ... genau, aber vielleicht wissen das nicht alle Menschen. Ich betrachte uns als Herausforderer. Wir müssen diese Saison bestätigen.

Gemessen an Ihrem Naturell sind die Defensivleader Steve von Bergen und Sékou Sanogo sowie Goalie Marco Wölfli wohl Ihre YB-Spieler der Saison? Diese drei haben grossartige Leistungen erbracht, aber das haben viele andere Fussballer auch. Wir haben mehrere torgefährliche Spieler, die Fortschritte vieler Jungen sind sehr erfreulich, die Ersatzleute waren enorm wertvoll. Dass uns Jean-Pierre Nsame zum Titel schoss, passt in dieses Bild. Er musste nach starker Vorrunde zuletzt meistens auf der Bank Platz nehmen, aber blieb dran und wurde nun belohnt.

Die Mischung in diesem wunderbaren Team stimmt. Befällt Sie manchmal Wehmut, weil die Equipe nicht zusammenbleibt? Nein, ich kenne das Geschäft, so ist das nun mal. Die Super League ist eine Ausbildungsliga, es gehört zu unserem Konzept, mit Spielerverkäufen Geld zu verdienen. Auch ich fände es grossartig, wenn sich unser Kader in den nächsten zwei Jahren nicht verändern würde. Doch das ist total realitätsfremd.

YB steht sogar vor einem heftigen Umbruch, mehrere Stammkräfte werden im Sommer in eine grosse Liga wechseln. Eines ist klar: Wir werden auch nächste Saison ein starkes Team haben. Und wir werden nicht drei Viertel der Spieler auswechseln müssen. Es ist uns 2017 gelungen, wichtige Fussballer wie Yvon Mvogo, Denis Zakaria, Yoric Ravet und Yuya Kubo zu ersetzen. Nun werden wieder einige gehen.

Im letzten Sommer verpflichteten Sie fast nur junge Spieler aus kleinen Teams oder zweithöchsten Ligen. Das war mutig. Wir holen einen Spieler nicht wegen dessen Titeln oder Biografie, sondern weil wir an seine Qualität glauben. Das wird immer so sein. Und natürlich ist es nicht aus­geschlossen, dass wir auch mal einen Routinier verpflichten, wenn er uns weiterhilft. Drei ­30-Jährige werden wir aber in diesem Sommer nicht holen.

Nicht zu verhindern sind dieAbgänge der sehr umworbenen Kasim Nuhu, Kevin Mbabu und Roger Assalé, die Sie im Januar zum ­Bleiben bewegen konnten. Sicher ist im Fussball bis zu einer Unterschrift nie etwas. Es hat uns geholfen, dass Denis Zakaria ein Jahr zuvor ebenfalls geblieben ist. Unsere Spieler haben seine Geduld und dann seine tolle Entwicklung bei Gladbach ab Sommer auch mitbekommen. Die drei genannten Fussballer werden von vielen Clubs aus grossen Ligen beobachtet, aber der Transfermarkt wird erst nach der Saison richtig in die Gänge kommen. Wir haben ­alles genau mit unseren Spielern besprochen, sie werden von mir immer die Wahrheit hören.

Wie meinen Sie das? Ich kann doch zum Beispiel einem Roger Assalé nach so einer starken Saison nicht erzählen, er sei noch nicht reif für eine Top­liga. Das wäre nicht ehrlich. Er ist mit 24 Jahren Nationalspieler der Elfenbeinküste, wurde im Kongo Meister, gewann mit Mazembe auch die afrikanische Champions League, ist bei vielen Vereinen auf der Einkaufsliste.

Auch Mbabu und Nuhu stehen vor einer grossen Zukunft. Was aber sagen Sie einem wie Sékou Sanogo, der YB bereits zweimal fast zu Stuttgart und Hamburg verlassen hätte und nun mit bald 29 Jahren vielleicht vor der letzten Chance steht, doch noch in einer grossen Liga zu spielen? Sékou Sanogo ist ein sehr wichtiger Fussballer für uns. Er weiss wie die anderen Spieler, was er an YB hat, die gute Stimmung auch, den Teamgedanken, das Leben in der Schweiz. Und unsere Erfolge haben etwas ausgelöst, vielleicht können wir nächste Saison in der Champions League spielen. Das sind alles Argumente, welche die Spieler und gute Berater gewichten. Als ich meine Arbeit als Sportchef antrat, war es mir ein grosses Anliegen, mich speziell um Sanogo zu kümmern. Er hatte vorher vielleicht nicht immer die Anerkennung erhalten, die ihm zusteht. Heute bekommt er die gebührende Wertschätzung von allen im Club und von den Fans.

Für einen wie Djibril Sow käme ein Wechsel nach nur einem Jahr bei YB aber zu früh. Das sehe ich auch so, zumal er vorher bei Gladbach zwei Saisons kaum gespielt hatte. Es hängt immer auch von den Beratern ab, wie sich ein Spieler entscheidet. Das Potenzial von Djibril Sow ist riesengross, doch ich habe bei ihm das Gefühl, es würde ihm nicht schaden, noch eine Saison zu bleiben. Es ist ähnlich wie bei Zakaria vor zwei Jahren.

Und wieso wurden die Verträge mit Captain Steve von Bergen und Miralem Sulejmani eigentlich noch nicht verlängert? Weil man sich nicht einfach einmal an einen Tisch setzen kann und dann alles klar ist.

Mit beiden laufen die Gespräche aber seit Monaten, bei von ­Bergen dürfte die Verlängerung ohnehin Formsache sein. Wir konzentrierten uns in den letzten Wochen auf den Fussball. Mit Steve von Bergen verbindet mich eine lange Vergangenheit, wir sind uns einig, wie es weitergehen soll. Er wird im Sommer 35 und vielleicht nächste Saison nicht mehr alle drei, vier Tage im Einsatz stehen. Und dann geht es auch darum, was er nach seiner aktiven Karriere bei YB möchte.

Noch eine Saison zu Xamax ­gehen oder bei YB in den Club eingebunden werden – oder beides nacheinander? Zum Beispiel. Sie verstehen, dass ich in der Öffentlichkeit nicht ­detailliert über jeden Fussballer Auskunft geben möchte.

Dann bestätigen Sie auch nicht, dass Miralem Sulejmani schon lange unterschrieben hätte, wenn es nach seinem Herzen ginge? Seine serbischen Berater aber möchten ihm einen ­Wechsel in ein Land wie China, die Emirate oder die Türkei schmackhaft machen, wo er ein Vielfaches verdienen könnte. Dazu sage ich nichts. Sulejmani ist ein toller Spieler, der zahlreiche Angebote hat. Das ist alles andere als eine einfache Entscheidung für jeden Menschen. Wir haben noch Zeit und lassen uns nicht unter Druck setzen. Wir ­planen die nächste Saison schon lange und seit dem 1. Februar intensiv. Und wir werden jeden Abgang ersetzen mit Spielern, die uns weiterbringen können.

Gerüchte über Zugänge gibt es viele. Thuns Sandro Lauper hat offenbar bereits unterschrieben. Er ist jung, talentiert und polyvalent, weil er im Zentrum hinten sowie im Aufbau spielen kann. Damit passt er perfekt ins YB-Beuteschema. Ich kommentiere Gerüchte immer noch nicht. Sandro Lauper ist ein ehemaliger YB-Junior, hat sich bei Thun im Mittelfeld sehr gut entwickelt und ist einer von vielen interessanten Spielern, mit denen wir uns beschäftigen.

YB dürfte im Sommer über 30 Millionen Franken aus Spielerverkäufen einnehmen und wie 2017 einen schönen Gewinn generieren. Wie viel dürfen Sie davon für neue Spieler ausgeben? Das ist offen. Die Wirtschaftlichkeit ist enorm wichtig, es ist unser Auftrag, selbsttragend geschäften zu können. Das war jahrelang nicht der Fall gewesen, gelang uns aber 2017. Und es wird uns auch 2018 gelingen. Das ist schön.

Und wann verlässt der erfolgreiche Trainer Adi Hütter YB? Es ist bekannt, dass er gerne einmal in der Bundesliga arbeiten möchte. Das ist absolut nachvollziehbar. Wir können das nur sehr begrenzt beeinflussen. Auch ihm ist bewusst, was er hier für Möglichkeiten hat. Wenn er aber eine Chance bei einem grossen Club in Deutschland erhält, haben wir einen ernsthaften Konkurrenten... Aber bei uns weiss jeder, wie gut es ihm bei YB gefällt.

Derzeit ist der Markt nicht günstig für Adi Hütter, wobei er sogar bei Dortmund auf der Trainerliste steht. Realistischer wären aktuell Vereine wie Frankfurt oder auch Gladbach, Wolfsburg und Berlin. Vermutlich aber wird er die Saison noch bei YB beginnen. Das ist spekulativ. Adi Hütter hat bei uns einen Vertrag bis 2019, und wir arbeiten sehr gerne mit ihm zusammen. Wer ihn in den letzten Monaten und auch am Samstag nach dem Gewinn des ­Titels gesehen hat, dürfte erkannt haben, dass es ihm in Bern sehr ­gefällt. Doch er wird nicht bis an sein Lebensende hierbleiben. Aber auch wenn er oder ich einmal weg sind, wird YB weiterexistieren.

Auch Sie dürften eher früher als später zum Kandidaten in der Bundesliga werden. Man hört, Ihre Arbeit würde von deutschen Clubs genau beobachtet. Es gibt für mich keinen Grund, YB heute oder morgen zu verlassen. Wenn mir der Job hier weiter so viel Spass bereitet und wir in Ruhe gelassen werden, gibt es für mich keinen besseren Arbeit­geber. Zudem müssen wir immer noch vieles verbessern.

Zum Beispiel? Es geht darum, YB wirtschaftlich langfristig auf eigene Beine zu stellen. Das ist eine grosse Aufgabe. Zwei starke Jahre genügen nicht.

Sie haben die Aufgabengebiete sukzessive nach Dringlichkeit bearbeitet. Eine riesige Baustelle, die mangelhaften Trainingsmöglichkeiten, ist geblieben. Das ist richtig. Und es schmerzt mich sehr, haben wir diesbezüglich keine Fortschritte realisiert. Es ist eine Katastrophe, wie wir in Bezug auf Trainingsplätze auf­gestellt sind. Aber vielleicht hilft uns die Euphorie nach dem Meistertitel weiter. Es ist nach wie vor mein grosser Wunsch, dass wir auf der Allmend gleich gegenüber dem Stade de Suisse ein paar Plätze in einem Trainingszentrum aufstellen können. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben.

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