Berner Feier mit Thuner Geschenk

In sehr stimmungsvollem Rahmen im ausverkauften Stade de Suisse bezwingt YB den FC Thun im Berner Derby 4:1.

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Fabian Ruch

Fussball ist ein schnelllebiges Geschäft. Am vorletzten Samstag herrschte im nur zu einem Drittel gefüllten Stade de Suisse grosse Tristesse, als die Young Boys gegen Lugano 1:2 verloren. Genau eine Woche später ist die Berner Arena eine Festhütte, die Gastgeber feiern den 4:1-Heimsieg gegen Thun in sehr stimmungsvollem Rahmen.

Vor dem Spiel fasziniert die prächtige Choreografie über alle Tribünen, viele YB-Fans sind mit einem gelben Leibchen erschienen, das Sommerwetter passt zur Stimmungslage. Es sind gerade derart wunderbare Tage für den Verein, dass das Stade de Suisse sogar ausverkauft ist, wenn es nicht ausverkauft ist.

Und das geht so: Dank des ­tiefen Eintrittspreises von 12 Franken im Mottospiel «Der 12. Mann» ist der Publikumsandrang riesig, gemeldet werden 31'120 Zuschauer und damit eine volle Hütte, obwohl im Thuner Fanblock bloss rund 450 von 2000 Karten verkauft wurden. Aber weil sonst jedes verfügbare Ticket einen Abnehmer fand, ist die Arena eben ausverkauft.

Und die Young Boys betreiben Eigenwerbung, selbst wenn der Sieg zu hoch ausfällt und der Spielverlauf den Favoriten begünstigt. Nach starkem Beginn führt YB nicht 2:0 oder 3:0, sondern wie gegen Lugano nur 1:0, kassiert dann wie eine Woche zuvor den Ausgleich, erhält durch den feinen Heber von Thun-Verteidiger Sandro Lauper ein nettes Geschenk – und findet zur Souveränität zurück. «Es war nicht alles perfekt», sagt Michael Frey, «aber wir haben im richtigen Moment zugeschlagen. Und bei meinem Tor zum 1:0 habe ich nicht viel überlegt, sondern einfach geschossen.»

Einiges ist an den YB-Heimspielen neuerdings noch gewöhnungsbedürftig. So wird mittlerweile fast alles gesponsert, beispielsweise Abseitsstellungen, Nachspielzeiten, Best-Player-Votings und YB-Viertelstunden, bestimmt bald auch Fouls und Platzverweise. So ist der Lauf der Zeit. Das Stade de Suisse dürfte in den nächsten Monaten schliesslich auch – marketingtechnisch lukrativ – umgetauft werden.

Im Mittelpunkt der YB-Feierlichkeiten steht Michael Frey. Der junge Stürmer steht erstmals nach seiner Rückkehr in der Startformation, erzielt früh ein herrliches Tor mit sattem Volleyschuss, bereitet das 3:1 durch Guillaume Hoarau vor und sagt zu seiner Leistung: «Es hat Spass gemacht. Ich fand es sehr schön, als die Zuschauer meinen Namen so laut riefen.»

Nicht alle Anhänger der Young Boys begrüssten ja die Rückkehr des einstigen YB-Juniors. Frey muss sich in der Hierarchie hinten anstellen, nach der Verletzung Alexander Gerndts ist er immerhin schon die Nummer 3 im Angriff hinter Hoarau und Yuya Kubo. «Es geht nicht um einzelne Spieler», sagt Frey, «wichtig ist, dass wir als Team Erfolg haben.»

Das tönt furchtbar professionell und so gar nicht nach erfrischendem Michael-Frey-Slang. Auf Nachfrage schiebt er gewohnt knackig nach: «Aber klar ist es mein Anspruch, Stammspieler zu sein.»

Dass einer wie Michael Frey um Einsatzminuten kämpfen muss, illustriert die Kräfteverhältnisse zwischen YB und Thun. Im Lager der Gäste ist man nach der deutlichen Niederlage zwar enttäuscht, aber gefasst. «Wir haben nicht schlecht gespielt», findet Enrico Schirinzi, «und waren nach dem 1:1 gut im Spiel. Später hätten wir das 2:2 schiessen können.»

Ähnlich äussert sich sein Sportchef. «Wenn wir nochmals den Ausgleich erzielt hätten, wäre ich gespannt auf die YB-Reaktion gewesen», sagt Andres Gerber. So aber müssen die Young Boys keine 70 Stunden nach dem kräftezehrenden Sieg im Elfmeterschiessen gegen Schachtar Donezk in der Champions-League-Qualifikation körperlich nicht an die Grenzen gehen. «Und wenn dann auch noch Hoarau eingewechselt wird», sagt Gerber, «sieht man, was für eine Qualität YB besitzt.»

Die Thuner bezahlen Lehrgeld am Samstag, und ihr Sportchef fasst das mit einem hübschen Bonmot zusammen: «Steve von Bergen war ja fast gleich alt wie unsere zwei Innenverteidiger zusammen.» YB-Captain von Bergen ist 33 Jahre alt, Sandro Lauper 19 und der zur Pause für den angeschlagenen Thomas Reinmann eingewechselte Ayrton Ribeiro 18.

Nach drei Partien hat Thun in­diskutable zehn Gegentore erhalten. Aber die Oberländer demonstrieren in Bern auch ihre spiele­rischen Vorzüge, die Zugänge Christian Fassnacht, der das 1:1 schiesst, sowie vor allem der auffällige Geissmann gefallen.

Thun erhält schon am Donnerstag gegen GC die Gelegenheit,den ersten Saisonsieg zu realisieren. Und auf YB wartet einen Tag vorher das wegweisende Treffen in Basel. Die Affiche wäre noch spektakulärer, hätten die Young Boys nicht sensationell zu Hause gegen Lugano verloren. Nun haben sie nach dem 3:2-Sieg des FCB gestern in Luzern drei Punkte Rückstand.

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