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Bei Canepa ticken die Uhren anders

Urs Fischer wurde nach drei Niederlagen, 1:10 Toren und einer Derby-Pleite mit einem Vertrag als Trainer bis 2013 ausgestattet. Überraschen kann das nicht, wenn man bedenkt, wer FCZ-Präsident ist.

Stephan Roth
Nach der 0:4-Niederlage im Derby gegen GC erklärte FCZ-Präsident Ancillo Canepa (links), dass Urs Fischer einen Vertrag als Cheftrainer bis 2013 unterschrieben habe.
Nach der 0:4-Niederlage im Derby gegen GC erklärte FCZ-Präsident Ancillo Canepa (links), dass Urs Fischer einen Vertrag als Cheftrainer bis 2013 unterschrieben habe.
Ancillo Canepa kann seine Enttäuschung, dass der FCZ nach der Entlassung von Trainer Bernard Challandes in Luzern 1:4 untergeht, nicht verbergen.
Ancillo Canepa kann seine Enttäuschung, dass der FCZ nach der Entlassung von Trainer Bernard Challandes in Luzern 1:4 untergeht, nicht verbergen.
FCZ-Präsident Ancillo Canepa zieht an seiner Pfeife.
FCZ-Präsident Ancillo Canepa zieht an seiner Pfeife.
Mit dem entlassenen Bernard Challandes geht Ancillo Canepa (rechts) zur Medienkonferenz.
Mit dem entlassenen Bernard Challandes geht Ancillo Canepa (rechts) zur Medienkonferenz.
Vor dem Champions-League-Spiel gegen Milan, das der FCZ 1:0 gewann, zeigt Canepa seine technischen Fertigkeiten.
Vor dem Champions-League-Spiel gegen Milan, das der FCZ 1:0 gewann, zeigt Canepa seine technischen Fertigkeiten.
Ein Traum wird wahr: Mit Johan Vonlanthen feiert Ancillo Canepa den Einzug in die Champions League.
Ein Traum wird wahr: Mit Johan Vonlanthen feiert Ancillo Canepa den Einzug in die Champions League.
Canepa strahlt zusammen mit Stürmer Eric Hassli nach dem Meistertitel 2009.
Canepa strahlt zusammen mit Stürmer Eric Hassli nach dem Meistertitel 2009.
Ancillo Canepa posiert mit Meistertrainer Lucien Favre und dem Pokal nach dem Meistertitel 2007.
Ancillo Canepa posiert mit Meistertrainer Lucien Favre und dem Pokal nach dem Meistertitel 2007.
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Wer Entscheidungen von Ancillo Canepa vorhersehen will, muss sich ans das Motto «Expect the unexpected», erwarte das Unerwartete, halten. Somit kann man sagen, dass sich der Präsident des FC Zürich auch am Tag seines 57. Geburtstags treu blieb, als er gestern Abend wenige Minuten nach der deutlichsten Derby-Niederlage seit 23 Jahren (0:4) zusammen mit dem bisherigen Interimstrainer vor die Medien trat und sagte: «Urs Fischer ist der neue Cheftrainer des FC Zürich. Wir haben uns auf einen Dreijahresvertrag geeinigt.»

Das Unerwartete war nicht die Entscheidung, Fischer zum Chef zu machen. Das hatte sich abgezeichnet. Überraschend waren jedoch der Zeitpunkt der Ernennung und die lange Vertragsdauer.

Seit Ancillo Canepa, der diplomierte Buchprüfer und ehemalige 1.-Liga-Stürmer, Anfang 2007 das Amt des FCZ-Präsidenten vom langjährigen Patron Sven Hotz übernommen hat, geht er seinen eigenen Weg. Er setzt die Werte beim Stadtklub. Er bestimmt die Regeln, nach denen beim FC Zürich gespielt wird. Er widersetzt sich hartnäckig den gängigen Gesetzmässigkeiten des Fussball-Business. Dabei nimmt der passionierte Pfeifenraucher keine Rücksicht auf Verluste. Wer nicht nach Canepas Regeln spielt, darf nicht mehr mitspielen. Das gilt für Trainer, Spieler und Agenten.

Eigene Regeln beim Vertragspoker

So gab Canepa auch in den Vertragsgesprächen mit den Nationalspielern Blerim Dzemaili und Almen Abdi den Ton an. Dem Fakt, dass die langjährigen FCZ-Spieler im Verhandlungspoker eigentlich das bessere Blatt in den Händen hatten, weil ihre Verträge ausliefen und sie so ablösefrei wechseln konnten, setzte er die Canepa-Regeln entgegen. Er verlangte Dankbarkeit und Loyalität von den ehemaligen Junioren.

Canepa liess sich auch durch die Aussicht, dass der FCZ Geld verlieren könnte, nicht von seiner Haltung und seinen Prinzipien abhalten. Sowohl bei Dzemaili als auch bei Abdi endeten die Gespräche im Streit und in der unschönen Trennung, die den FCZ um eine grosse Ablösesumme brachten. Doch der langjährige Fussball-Fan Canepa, der einst beim «Tell Star» mit dem Spezialgebiet Bundesliga aufgetreten war, konnte in seinem persönlichen Kampf gegen die Macht der Spieler und Berater einen Sieg verbuchen.

Später stellte sich der FCZ-Präsident gegen die Rückkehr Dzemailis und der Mittelfeld-Puncher sagte: «Weil Canepa beleidigt ist, klappt es nicht.» Abdi, der eben mit Le Mans abgestiegen ist und im Sommer zu Udinese wechselt, sagte über seinen Abgang beim FCZ in einem Interview mit dem «Blick»: «Es war die schlimmste Zeit meines Lebens. Vor allem nach einer Saison, in der ich 19 Tore und 11 Assists gemacht habe. Bei der Meisterfeier klopften mir alle auf die Schultern. Kurz danach waren die letzten 15 Jahre, wo ich die Knochen für den FCZ hingehalten habe, vergessen. Ich habe mich nicht mehr wie ein Mensch gefühlt.»

Keine Angst vor unpopulären Entscheiden

Der zweifache Meistertrainer Lucien Favre zog sich mit seinem französischen Abgang zu Hertha Berlin den Ärger Canepas zu. Damals hatte sich der kleingewachsene Zürcher Oberländer bei der «Nacht des Schweizer Fussballs» mit der Antwort auf die Frage, ob Favre FCZ-Trainer bleibe, öffentlich in die Nesseln gesetzt, während der Meistertrainer hinter seinem Rücken mit Hertha verhandelte. «Unbestritten!», hatte er auf die Bühne gerufen. Die zweifellosen Verdienste und Qualitäten des Romands hat der FCZ-Präsident seither wegen dessen Verrat aus seinem Gedächtnis gestrichen.

Spielvermittler, die nicht nach Canepas Regeln spielen, kommen auf eine schwarze Liste. So spricht der 57-Jährige seit dem Theater um Almen Abdi nicht mehr mit dessen Berater Dino Lamberti, der sich, aber auch dem FCZ, in der Vergangenheit bei den Transfers von Gökhan Inler, Cesar oder Raffael viel Geld eingebracht hatte. Canepa blieb auch hier seinen Prinzipien treu und machte klar, dass er auch im Fall von dessen Klienten Marcel Koller, der ein Trainerkandidat beim FCZ war, nicht mit Lamberti verhandeln werde.

Canepas sind auch finanziell unabhängig

Auch wenn Canepa gerne in der Öffentlichkeit auftritt und selten um einen Satz verlegen ist, nimmt er es in Kauf, dass seine Meinung und seine Entscheide nicht immer auf Applaus stossen. Oder welcher Fussball-Präsident spricht schon öffentlich davon, dass man Fans, die sich nicht korrekt benehmen, mit dem Wasserschlauch abspritzen könnte, oder dass das gestrige Derby «von der Tabellenlage her ein Freundschaftsspiel» gewesen sei? Dank der finanziellen Unabhängigkeit, die er und seine Frau, die während Jahren erfolgreiche Wirtschaftsführerin Heliane Canepa, haben, kann er sich mehr als manch anderer erlauben und seinen eigenen Weg gehen.

Dass sich Canepa vor zweieinhalb Wochen zur Entlassung von Trainer Bernard Challandes hinreissen liess, passt nicht ganz ins Bild. Denn während Wochen hatte er sich standhaft gegen den steigenden öffentlichen Druck gewehrt. Doch als er glaubte, mit einem Trainerwechsel den entscheidenden Impuls im Kampf um einen Europacup-Platz geben zu können, handelte Canepa doch noch. Gebracht hat es bisher , zumindest resultatmässig, noch nichts. Der Zug in die Europa League ist längst abgefahren.

Beharrlich bis zuweilen stur

Dass er sich, vor allem bei Auswärtsspielen, auf die Spielerbank setzt, ist für Canepa selbstverständlich. Wenn ein Trainer ein Problem damit habe, ist er in den Augen des Präsidenten «keine starke Persönlichkeit». Dies widerspricht der branchenüblichen Meinung, dass ein starker Trainer höchstens Mitglieder auf der Bank duldet, die selbst auf höchstem Niveau gespielt haben.

Canepa geht seinen eigenen Weg. Beharrlich bis zuweilen stur. Gemessen wird er, wie jeder im Sport, an den Erfolgen. Für seinen Entscheid, konsequent und langfristig auf Urs Fischer zu setzen, hat er gute Gründe und dass er sich dabei nicht durch einige Resultate – drei Niederlagen in drei Spielen – beeinflussen lässt, zeugt von einer gewissen Weitsicht, auch wenn er dafür keinen populären Zeitpunkt wählte.

Wie Canepa stemmt sich auch Fischer gerne einmal gegen die Realitäten des Fussball-Business. So konnte der Trainer nicht verstehen, dass die Entscheidung, Nationalspieler Johan Vonlanthen gegen YB nicht fürs 18-Mann-Kader zu nominieren und auf die Tribüne zu setzen, für ein grosses mediales Echo sorgte. So gesehen, passen Trainer und Präsident gut zusammen.

Wenn Canepa dereinst als FCZ-Präsident abtreten wird, müsste eigentlich die Stimme von Frank Sinatra über Lautsprecher erklingen - «I did it my way».

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